«Die Menschen sind euphorisch» - Urlaub auf Sylt in Zeiten von Corona Von Birgitta von Gyldenfeldt  und Carsten Rehder , dpa

26.06.2020 07:55

Promitreff, Familieninsel, Naturerlebnis, Sehnsuchtsort und
Pendlerfrust - Sylt ist vieles. Wochenlang lag die Insel in einer Art
Dornröschenschlaf. Jetzt ist Sylt wieder erwacht.

Sylt (dpa) - Auf dem Parkplatz an einer der wohl berühmtesten
Strandhütten der Republik bildet sich an diesem Vormittag im Juni
eine lange Schlange. Geduldig warten Familien mit kleinen Kindern,
Radfahrer und Paare in der Sonne darauf, einen Platz in der
«Sansibar» zu ergattern. Am Eingang zum Weg durch die Dünen, der zum

Lokal führt, steht eine Mitarbeiterin und regelt den Einlass.

Christina steht mit ihrem Mann und der kleinen Tochter relativ weit
hinten in der Schlange. Es ist 11.15 Uhr - die «Sansibar» öffnet in
einer dreiviertel Stunde. Eigentlich wollte die Hamburger Familie in
den Urlaub fliegen, «aber das ging ja nicht», sagt Christina, die
ihren Nachnamen nicht nennen will. Auf Sylt seien sie oft. Es sei so
entspannt hier, gerade auch mit Kindern, findet sie. Für das Lokal
mit dem großen Spielplatz in den Dünen stellt sie sich gerne an. «Das

lohnt sich.»

Ein ganz anderes Bild bot sich auf Sylt in der Woche vor Ostern, als
Touristen die Insel nicht betreten durften. Auf den weitläufigen
Parkplätzen stehen nur vereinzelt Autos, die Straße die über die
Insel führt, ist kaum befahren und auch die allgegenwärtigen
Fahrradfahrer sind nur selten zu sehen. Wartezeit am Autozug?
Fehlanzeige. Die Westerländer Fußgängerzone? Verwaist. Die Insel
liegt in einer Art Dornröschenschlaf. Und zeigt ihre Schönheit. Die
Dünen, die kilometerlangen weißen Sandstrände, das Meeresrauschen,
die Wäldchen, wie in die Landschaft gekuschelte Reetdachhäuser - in
der Stille wird noch deutlicher, wie schön die Insel ist und warum
Sylt für viele Menschen ein Sehnsuchtsort ist.

«Sansibar»-Wirt Herbert Seckler fährt kurz vor 12.00 Uhr mit seinem
schwarzen Mercedes den Dünenweg hoch zum Restaurant. Jeden Tag ist er
hier, auch während der Corona-Zeit, trotz seiner 68 Jahre und obwohl
er «Zielgruppe Nummer eins mit Sternchen» ist. Sein «Büro» hat er

nach draußen auf die Terrasse verlegt. «Hier fühle ich mich relativ
sicher», sagt er. Der Lockdown sei wirtschaftlich eine Katastrophe
gewesen.

Die Saison habe er eigentlich schon abgeschrieben. Aber: «Wenn man
den wirtschaftlichen Aspekt abzieht, war das eine tolle Zeit», sagt
er. «Man sieht Dinge, die man sonst nicht sieht. Jetzt sieht man nur
Menschen und Fahrräder und Fahrräder und Fahrräder.» Um 12.01 Uhr i
st
das Restaurant voll. Kellner mit Masken rotieren, um die Gäste zu
bedienen, um die Zettel mit den Kontaktdaten einzusammeln.

Am ersten Tag der Öffnung für alle Gäste - dem Montag vor Himmelfahrt

- zieht es die Reisenden sofort wieder auf die Insel. Es ist ein
Wiederanfahren des Tourismus von Null auf Hundert. Bereits am frühen
Morgen bilden sich kilometerlange Staus auf den Zufahrtsstraßen zur
Autoverladestation in Niebüll. Viele Autofahrer sind die Nacht
durchgefahren. Die Menschen die jetzt wieder auf die Insel dürfen,
seien euphorisch, beobachtet Seckler. «Die sind sehr glücklich, dass
sie wieder auf die Insel dürfen. Die Leute kommen und sehen das Meer.
Das Glücksgefühl ist ganz stark.»

Wer jetzt Ende Juni über die Insel fährt oder geht, in die Gesichter
der Menschen blickt, kann das Glücksgefühl erahnen. Durch die
Westerländer Fußgängerzone schlendern entspannte Paare, setzen sich
zu einem Kaffee oder Aperol in eines der wieder geöffneten Cafés. Am
Strand liegen Sonnenhungrige, einige Wellenreiter paddeln durch die
Brandung. Der Abstand, auf den überall mal mehr, mal weniger dezent
hingewiesen wird, kann hier am Strand leicht eingehalten werden.

Entlang der sogenannten Whiskymeile in Kampen, dort wo «Pony Club»
und «Gogärtchen» beheimatet sind, cruisen Luxuskarossen. Die Plätze

der Außengastronomie sind gut gefüllt. Radfahrer und Fußgänger in
Windjacken oder Strandoutfits schlendern entlang der Nobelboutiquen,
machen sich auf die durchaus kostspieligen Röcke und Kleider im
Schaufenster aufmerksam, schauen den Porsches, Ferraris und Bentleys
hinterher. An der Autoverladestation in Westerland wartet ein junges
Paar in einem alten VW-Bulli auf den Autozug gen Festland.

Warum ziehen diese 99 Quadratkilometer Land in der Nordsee seit
Jahrzehnten so viele Menschen in den Bann? Kaufen sich Menschen ein
Millionen Euro teures Häuschen in Kampen oder schlagen ihr Zelt auf
dem Campingplatz auf? «Sylt kann man nicht erklären. Das spürt man
oder nicht», sagt Seckler. Der gebürtige Schwabe ist vor 43 Jahren
auf die Insel gekommen. Der Rest ist Geschichte.

Manche Gäste kämen vielleicht, weil sie Promis gucken wollen, sagt
Seckler. Aber vor allem habe Sylt im Vergleich zu anderen
Feriendestinationen einfach eine super Infrastruktur. «Hier oben
kriegt jeder jedes. Egal, hier gibt es alles.» Man könne für drei
Euro essen oder im Sternerestaurant.

Am Roten Kliff in Kampen fotografiert ein Mann seine Partnerin auf
der Aussichtsplattform. Im Hintergrund der Strand, die Wellen,
einzelne Strandkörbe. Heute sei ihr letzter Urlaubstag, erzählt das
Paar, das in Schleswig-Holstein in der Nähe von Hamburg lebt. Neun
Tage waren sie auf Sylt. «Wir haben es unendlich genossen, mal wieder
rauszukommen», sagt sie. Alles sei ganz entspannt, sogar besser als
gedacht. Anstrengend sei es manchmal nur, wenn man essen gehen wolle.
Aber es sei ja Urlaub, da nehme man auch mal Wartezeit in Kauf.

Während sich die einen freuen, dass sich die Insel wieder füllt und
die finanziellen Sorgen weniger werden, werden Stimmen bei Gästen und
Insulanern lauter - nicht nur in den sozialen Medien - dass sich
etwas ändern, die Taktung langsamer werden muss. «Uns ist schon seit
längerer Zeit bewusst, dass unsere Gäste einen nachhaltigen Tourismus
zu schätzen wissen», sagt Jutta Vielberg von der Sylt Marketing. Das
Handeln sei darauf ausgerichtet - «und wir tun das nicht nur für
unsere Gäste, sondern auch für die Insulaner und die Insel selbst».


Eine Insel, an deren Substanz die Naturgewalten nagen. Jedes Jahr
steckt die schleswig-holsteinische Landesregierung viele Millionen
Euro in den Erhalt der Substanz und in Küstenschutzmaßnahmen wie
Sandvorspülungen. Und das Problem des Plastikmülls in den Meeren ist
hier auf der Nordseeinsel sichtbarer als anderswo. Verschiedene
Initiativen setzen sich für nachhaltigen Konsum, weniger Plastik und
mehr Umweltschutz ein.

Sylt ist eben nicht nur Polo und Beachparty, Destination für den
Familienurlaub und Radfahrer, sondern auch eine Region im ländlichen
Raum mit Problemen wie anderswo - nur noch konzentrierter. Wohnraum
ist knapp und teuer, viele Tausend Menschen pendeln daher täglich vom
Festland über den Hindenburgdamm mit der Bahn zu ihrem Arbeitsplatz
auf Sylt. Überfüllte und verspätete Züge bedeuten schon zu normalen

Zeiten Stress. Jetzt, wo das Corona-Virus zirkuliert und die Züge
auch mit Urlaubern immer voller werden, kommt nicht nur bei Pendlern
noch die Sorge vor einer Ansteckung hinzu.

Sylt ohne Urlauber ist indes nicht vorstellbar. Die Insel lebt zu
hundert Prozent vom Tourismus, wie nicht nur der Bürgermeister der
Gemeinde Sylt, Nikolas Häckel, kürzlich betonte. Und dieser ist für
viele Insulaner Fluch und Segen zugleich. Nach der Walfängerzeit war
es der Fremdenverkehr, der Sylt Reichtum brachte.

Schon in den 1920er Jahren kamen Schriftsteller, Maler, Künstler nach
Sylt, um sich von der Natur inspirieren zu lassen. Später kamen
prominente Gäste wie Gunter Sachs und Brigitte Bardot, die am
legendären Strandabschnitt «Buhne 16» in Kampen feierten und das
Image der Insel der Schönen und Reichen mitbegründeten. Noch heute
treffen sich an der «Buhne 16» jährlich zu Pfingsten Partylustige, um

zu feiern. Auch dieses Jahr kamen - trotz des Verbots von Tagesgästen
auf der Insel und Abstandsregeln - mehr Menschen zusammen, als
eigentlich erlaubt waren. «Pfingsten war an einigen Stellen schon
fragwürdig», sagt «Sansibar»-Wirt Seckler. Er ärgere sich, «das
s die
mein Leben aufs Spiel setzen».

Und auch wenn die Infektionszahlen in Schleswig-Holstein sehr niedrig
sind, zeigen Ausbrüche wie der im Kreis Gütersloh, dass Corona noch
nicht vorbei ist. «Man darf nicht fahrlässig werden», sagt Jutta
Vielberg von der Sylt Marketing. Trotz Urlaub, trotz Sylt.