Helmholtz-Zentrum erforscht Durchseuchungsgrad der Deutschen

26.06.2020 12:24

Das Wissen um die tatsächliche Verbreitung des Coronavirus könnte den
Umgang mit der Pandemie erleichtern. Das Helmholtz-Zentrum startet
eine deutschlandweite Antikörper-Studie - und beginnt im Südwesten.

Reutlingen (dpa/lsw) - Im Kreis Reutlingen startet das
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) eine bundesweite und
langfristig angelegte Antikörperstudie. Am Mittwoch geht das
Testzentrum auf einem ehemaligen Paketpostgelände in der Stadt in
Betrieb. «Wir wollen besser verstehen, mit welcher Geschwindigkeit
sich das Coronavirus verbreitet, welche Bevölkerungsgruppen betroffen
sind und wie viele wahrscheinlich immun sind», sagte Studienleiter
Gérard Krause der Deutschen Presse-Agentur. Seinen Angaben nach
handelt es sich um die bisher größte Antikörperstudie in Deutschland.


Wissenschaftliche Daten deuten darauf hin, dass viele Covid-19-Fälle
so milde verlaufen, dass sie nicht erkannt werden. Die Infizierten
entwickeln aber Antikörper und gelten nach bisheriger Kenntnis als
immun gegen das Virus. Das Wissen um die sogenannte Durchseuchung der
Gesellschaft könnte daher eine wichtige Entscheidungsgrundlage im
künftigen Umgang mit der Pandemie sein.

Im Kreis Reutlingen sollen innerhalb von zunächst vier Wochen 2500
Menschen auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 getestet werden. Sie werden
über das Einwohnermeldeamt nach dem Zufallsprinzip angeschrieben und
eingeladen. Eine zweite Erhebung ist für den Herbst oder Winter
vorgesehen.

Genauso will das HZI in etwa acht weiteren deutschen Kommunen
vorgehen. Die unterschiedlichen Testorte und Testzeitpunkte sollen
eine verlässliche Übertragung der Ergebnisse auf die gesamte
Bundesbevölkerung ermöglichen. Herausfinden wollen die Forscher unter
anderem, inwieweit die Anzahl jener Menschen mit Antikörpern mit der
Zahl der gemeldeten Infektionsfälle übereinstimmt.

Neben Alter und Geschlecht sollen beispielsweise auch Berufsgruppen
und Vorerkrankungen der Probanden abgefragt werden. «Wir hoffen, in
Zukunft Daten von zigtausenden Probanden zu haben», so Krause.

Unabhängig von der Helmholtz-Studie bieten bereits seit einiger Zeit
verschiedene Einrichtungen Antikörpertests für Interessierte in
Deutschland an. Das Tübinger Humangenetik-Labor CeGaT etwa bietet
seit Anfang Mai Antikörpertests in der Universitätsstadt an. Weitere
Teststandorte in Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, Dachau, Frankfurt und
Stuttgart folgten. Zudem können Menschen von überall Testkits bei der
Firma bestellen, sich bei ihrem Hausarzt Blut abnehmen lassen und die
Probe zur Auswertung zurück an CeGaT senden.

Das Unternehmen aktualisiert die Ergebnisübersicht wöchentlich.
Zuletzt wiesen bei 22 555 durchgeführten Tests 6,28 Prozent der
Teilnehmer Antikörper gegen das Coronavirus auf. Repräsentativ für
eine mögliche Immunität der Gesamtbevölkerung sind diese Zahlen nach

Angaben eines Sprechers aber nicht. «Am Anfang kamen Leute, die
besonders starke Indizien hatten, eine Covid-19-Infektion durchlaufen
zu haben», sagt Stefan Griesbach, der für Marketing und Vertrieb bei
dem Tübinger Unternehmen zuständig ist. Beispielsweise Menschen also,
die im Spätwinter Urlaube in Risikogebieten verbracht oder Kontakt zu
Infizierten hatten, wegen der zwischenzeitlichen Kapazitätsmängel
damals aber nicht auf das Virus getestet wurden.

Nach der ersten Auswertung hatte der Anteil der positiv ausgefallenen
Tests bei CeGaT noch bei 8,8 Prozent gelegen. «Wir erwarten, dass mit
starker Testnachfrage unsere Positivrate sinkt», so Griesbach.
Zwischenzeitlich haben ihm zufolge vor allem auch kleine Betriebe wie
Arztpraxen das Angebot gruppenweise genutzt.

Repräsentative lokale Testreihen könnten Griesbachs Einschätzung nach

mehr als nur eine Momentaufnahme sein: Mit Kenntnis des
Durchseuchungsgrads der Bevölkerung ließen sich etwa auch Prognosen
zur Auslastung des Gesundheitssystems treffen.

Neben der Politik könnten - gerade auch negative - Antikörpertests
dem Einzelnen helfen: «Wenn jemand denkt, ich hatte es eh schon, und
dann unvorsichtig ist, bringt schon die Information etwas, noch voll
gefährdet zu sein», sagt Griesbach.

Auch der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) möchte
wissen, wie es um die lokale Immunität der Bürger in seiner Stadt
steht. Parallel zu den örtlichen Tests von CeGaT will er 1000
Tübinger nach dem Zufallsprinzip um Tests bitten - eine Finanzierung
dafür gebe es aber noch nicht, teilte die Stadtverwaltung mit.