Kanzleramtschef: Jeden lokalen Ausbruch schnell beantworten

25.06.2020 13:29

Im Kreis Gütersloh müssen Menschen nach dem massiven Corona-Ausbruch
um ihren Urlaub bangen - denn mehrere beliebte Urlaubsregionen machen
für sie dicht. Der Kanzleramtschef sieht die jüngsten Ausbrüche als
mahnende Beispiele.

Berlin (dpa) - Nach den jüngsten Corona-Ausbrüchen etwa im Kreis
Gütersloh hat Kanzleramtsminister Helge Braun vor Sorglosigkeit im
Umgang mit der Pandemie gewarnt. «Diese größeren Ausbrüche haben
jetzt gezeigt: In dem Moment, wo man dem Virus eine Chance gibt,
schlägt es auch wieder zu», sagte der CDU-Politiker am Mittwochabend
in der ZDF-Sendung «Markus Lanz».

«Wir haben nur dann eine Chance auf eine gute wirtschaftliche
Erholung, auch auf eine soziale Entspannung (...), wenn die
Infektionszahlen sehr, sehr niedrig sind», betonte Braun. Deshalb sei
die Aufgabe jetzt, «jeden lokalen Ausbruch sehr, sehr genau und sehr
schnell zu beantworten, aber auch nicht zu sorglos zu werden».

Aus seiner Sicht habe es in den letzten zwei, drei Wochen eine Phase
gegeben, «wo manche Leute fast den Eindruck hatten, die Pandemie wäre
vorbei». Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte
«RTL Aktuell» unter Verweis auf Ausbrüche in Gütersloh, Götting
en und
Berlin, man sehe: «Dort, wo man es dem Virus zu leicht macht, wo
einige sorglos sind, wo Abstände, Hygiene nicht eingehalten wird, da
verbreitet sich das Virus wieder ziemlich schnell.» Es sei wichtig,
«dass wir uns das alle bewusst machen: Auch im Sommer, das Virus ist
noch da».

Die nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies in zwei
Kreisen Nordrhein-Westfalens verhängten regionalen Einschränkungen
des öffentlichen Lebens begrüßte Kanzleramtschef Braun. Diese
Entscheidung zu einem Lockdown, um die Situation zu beruhigen und um
die Zeit zu haben, «uns wirklich ein Bild zu verschaffen», sei ganz
wichtig und ein «sehr verantwortungsvolles Vorgehen».

Mehr als 1550 Beschäftigte des Schlachtbetriebs im westfälischen
Rheda-Wiedenbrück hatten sich nachweislich mit dem Coronavirus
infiziert. Die Behörden hatten daraufhin im Kreis Gütersloh und im
Nachbarkreis Warendorf das öffentliche Leben massiv eingeschränkt.
Betroffen sind rund 640 000 Menschen. Mit Corona-Massentests in
beiden Kreisen will die Landesregierung nun bis Ende der Woche
Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus erhalten.

Am Donnerstag schließen die Schulen im Kreis Warendorf, im Kreis
Gütersloh sind sie schon seit einigen Tagen zu. Auch Kitas sind nun
geschlossen. In den Urlaub können viele Menschen aus den Gebieten
auch nicht so leicht entfliehen: In mehreren beliebten
Urlaubsregionen in Deutschland werden negative Corona-Tests von ihnen
gefordert - ansonsten gilt teilweise ein Beherbergungsverbot. In
Bayern, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern wurden
generelle Beschränkungen für Touristen aus Corona-Hotspots verhängt,

in Niedersachsen explizit für die Kreise Gütersloh und Warendorf. Der
Andrang auf die Corona-Testzentren dürfte deswegen in beiden Kreisen
wie schon am Mittwoch weiter groß sein.

Österreich sprach kurzerhand eine Reisewarnung für ganz
Nordrhein-Westfalen aus und rät seinen Bürgern von einem Trip in das
Bundesland dringend ab. NRW steht damit in einer Reihe mit der
chinesischen Provinz Hubei und der italienischen Lombardei.

Ministerpräsident Armin Laschet kritisierte Österreich am
Mittwochabend wegen der ausgesprochenen Reisewarnung indirekt: «Als
in Ischgl mal etwas passiert ist, haben wir nicht eine Reisewarnung
für ganz Österreich ausgesprochen», sagte der CDU-Politiker bei «Bi
ld
live». «Ich glaube nicht, dass Gütersloh schlimmer ist als Ischgl.»


Obendrein gibt es Überlegungen im Gesundheitsministerium in Wien für
ein Landeverbot für Maschinen aus Nordrhein-Westfalen in Österreich.
Das berichteten der Sender RTL sowie weitere Medien. Nach
dpa-Informationen ist eine Entscheidung aber noch nicht gefallen. Die
Einreisebestimmungen für Deutsche - auch für die Menschen aus
Nordrhein-Westfalen - ändern sich nach der Reisewarnung nicht. Für
Reisende aus Deutschland gebe es weiterhin keine Test- oder
Quarantäneerfordernis, sagte ein Sprecher des Außenministeriums der
«Rheinischen Post» (Donnerstag).

Ähnlich sieht die Lage in Spanien aus: Spanien habe noch keine
Maßnahmen erlassen, die Touristen aus NRW betreffen, «beobachtet die
weitere Entwicklung jedoch aufmerksam», erklärte die spanische
Botschaft in Berlin auf Anfrage der Zeitung. Das niederländische
Außenministerium ließ wissen, dass die «Grenzen zu den Niederlanden
offen sind wie zuvor».

Der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, der im Kreis
Gütersloh seinen Wahlkreis hat, forderte im «Westfalen-Blatt»
(Donnerstag) eine lückenlose Aufklärung des Corona-Ausbruchs bei
Tönnies. «Wir müssen daraus ohne Ansehen von Personen und ohne
Ansehen von tatsächlichen oder scheinbaren wirtschaftlichen
Interessen schnell politische Schlüsse ziehen und handeln», sagte er.

Derweil richtete sich der Blick auch gen Wochenende: Bis dahin wolle
man wissen, «ob das Virus in andere Teile der Bevölkerung
übergesprungen ist», sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann
(CDU) am Mittwoch im Landtag. Bei der freiwilligen Massentestung der
Bewohner des Kreises Gütersloh war laut den Behörden bei den ersten
230 Befunden noch kein sicherer Corona-Nachweis dabei.

Nach Auffassung des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach sind die
neuen regionalen Corona-Beschränkungen zu spät gekommen. «Der
Lockdown ist eine notwendige Maßnahme. Sie kommt allerdings spät. Die
Wahrscheinlichkeit ist groß, dass nicht nur Tönnies-Mitarbeiter und
ihre Familien infiziert sind», sagte der Politiker der
Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ). «Wir müssen verhindern, dass sich die
Pandemie wieder ausweitet, vor allem alles dafür tun, dass sich das
Virus nicht wieder deutschlandweit verbreitet.»

Im Kampf gegen den Corona-Ausbruch im Kreis Gütersloh hilft der Bund
mit Nachschub an Schutzausrüstung. Nach einer entsprechenden Bitte
des dortigen Lagezentrums sollen 20 000 Masken, 10 000 Kittel,
10 000 Handschuhe, 1000 Schutzbrillen und 200 Liter
Desinfektionsmittel geliefert werden, wie die Deutsche Presse-Agentur
am Mittwoch vom Bundesgesundheitsministerium erfuhr. Damit sollen 90
Einsatzkräfte für drei Wochen ausgestattet werden können. Das
Material sollte noch am Mittwoch versandt werden.