Bangen um den Urlaub in Kreisen Gütersloh und Warendorf

25.06.2020 05:01

Die Reisefrage rückt für viele Menschen in den Kreisen Gütersloh und

Warendorf immer mehr in den Fokus. In mehreren anderen Bundesländern
braucht man jetzt ein Attest, um dort in den Sommerurlaub zu starten.

Gütersloh/Warendorf (dpa/lnw) - Wegen des Corona-Ausbruchs beim
Fleischproduzenten Tönnies schließen am Donnerstag die Schulen im
Kreis Warendorf. Im benachbarten Kreis Gütersloh sind sie schon seit
einigen Tagen zu. Auch Kitas sind nun geschlossen. In den Urlaub
können viele Menschen aus den Gebieten auch nicht so leicht
entfliehen: In mehreren beliebten Regionen im In- und Ausland werden
negative Tests von ihnen gefordert. Aus einigen Ländern hieß es
hingegen, Touristen aus ganz Deutschland seien willkommen.

Der Andrang auf die Corona-Testzentren dürfte in beiden Kreisen wie
schon am Mittwoch deswegen am Donnerstag groß sein. Wer keine
Corona-Symptome hat, kann sich zudem ab sofort auch bei seinem
Hausarzt auf das Virus testen lassen. Das hatte die Kassenärztliche
Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) auf den Weg gebracht. Bevorzugt
getestet werden sollen Menschen, die bald verreisen wollen.

Beschränkungen für Touristen aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf

sprachen beispielsweise Niedersachsen, Bayern und Schleswig-Holstein
aus. So wird in der Regel ein aktueller negativer Corona-Test
benötigt, um ganz normal dort zu übernachten.

So beschloss das Landeskabinett in Schleswig-Holstein am Mittwoch
Quarantäneregeln für Reisende aus Corona-Hotspots wie dem Kreis
Gütersloh. Diese treten ab Donnerstag in Kraft. Die Betroffenen
müssen unverzüglich nach der Einreise in ihre Wohnung oder in eine
andere geeignete Unterkunft, um sich dort 14 Tage lang zu isolieren -
oder einen negativen Coronatest vorweisen, der nicht älter als 48
Stunden sein darf.

Eines der beliebtesten Ziele der Deutschen sprach kurzerhand eine
Reisewarnung für ganz NRW aus: Österreich rät seinen Bürgern von
einem Trip in das Bundesland dringend ab. NRW steht damit in einer
Reihe mit der chinesischen Provinz Hubei und der italienischen
Lombardei.

Ministerpräsident Armin Laschet kritisierte Österreich am
Mittwochabend wegen der ausgesprochenen Reisewarnung indirekt: «Als
in Ischgl mal etwas passiert ist, haben wir nicht eine Reisewarnung
für ganz Österreich ausgesprochen», sagte der CDU-Politiker bei «Bi
ld
live». «Ich glaube nicht, dass Gütersloh schlimmer ist als Ischgl.»


Umgekehrt gilt die Warnung der Österreicher allerdings nicht: «Die
Reisewarnung hat keine Auswirkungen auf die Einreisebestimmungen in
Österreich», sagte ein Sprecher des österreichischen
Außenministeriums der «Rheinischen Post» (Donnerstag). Für Reisende

aus Deutschland gebe es weiterhin keine Test- oder
Quarantäneerfordernis. Ähnlich sieht die Lage in Spanien aus: Spanien
habe noch keine Maßnahmen erlassen, die Touristen aus NRW betreffen,
«beobachtet die weitere Entwicklung jedoch aufmerksam», erklärte die

spanische Botschaft in Berlin auf Anfrage der Zeitung. Das
niederländische Außenministerium ließ wissen, dass die «Grenzen zu

den Niederlanden offen sind wie zuvor».

Zu Reisebeschränkungen für Bürger aus dem Kreis Gütersloh an der
Ostsee sagte Laschet, er verstehe Urlaubsregionen, dass sie «Klarheit
haben wollen». «Aber ich werbe auch dafür, dass die Menschen, die
sich haben testen lassen, die auch nachweisen können, dass sie das
Virus nicht tragen, auch die Möglichkeit haben, in Urlaub zu gehen.»

Der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus,
Bundestagsabgeordneter aus dem Kreis Gütersloh, forderte im
«Westfalen-Blatt» (Donnerstag) eine lückenlose Aufklärung des
Corona-Ausbruchs bei Tönnies. «Wir müssen daraus ohne Ansehen von
Personen und ohne Ansehen von tatsächlichen oder scheinbaren
wirtschaftlichen Interessen schnell politische Schlüsse ziehen und
handeln», sagte er und fügte hinzu: «Die Situation in meinem
Heimatkreis macht mich unglaublich traurig.»

Wie die «NRZ» (Donnerstag) indes berichtete, wurden bei Kontrollen
der Unterkünfte von Beschäftigten in der Fleischindustrie bis Ende
Mai - also vor Bekanntwerden des Ausbruchs bei Tönnies - fast 1900
Beanstandungen festgestellt. Das teilte demnach das
NRW-Gesundheitsministerium der Zeitung mit. 650 Sammelunterkünfte und
Werkswohnungen seien kontrolliert worden. Dort lebten mehr als 5300
Personen. Mängel waren laut dem Bericht unter anderem fehlende
Hygienemaßnahmen, Überbelegungen, Schimmelpilzbefall, «katastrophale
»
Sanitäreinrichtungen, undichte Dächer, Rattenbefall,
Brandschutzmängel oder Einsturzgefahr. Bereits Anfang Mai hatte es
einen Corona-Ausbruch in einem Westfleisch-Werk in Coesfeld und in
der Folge verstärkt Kontrollen in der Branche gegeben.

Derweil richtete sich der Blick auch gen Wochenende: Bis dahin wolle
man wissen, «ob das Virus in andere Teile der Bevölkerung
übergesprungen ist», sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann
(CDU) am Mittwoch in einer Aktuellen Stunde des Landtags. Bei der
freiwilligen Massentestung der Bewohner des Kreises Gütersloh war
laut den Behörden bei den ersten 230 Befunden noch kein sicherer
Corona-Nachweis dabei. Insgesamt seien bislang 600 Abstriche genommen
worden. Nach jüngsten Angaben des Kreises Gütersloh sind dort derzeit
1311 Menschen nachweislich infiziert.

Nach Auffassung des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach sind die
neuen Corona-Beschränkungen in Gütersloh und Warendorf zu spät
gekommen. «Der Lockdown ist eine notwendige Maßnahme. Sie kommt
allerdings spät. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass nicht nur
Tönnies-Mitarbeiter und ihre Familien infiziert sind», sagte der
Politiker der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ), und: «Wir müssen
verhindern, dass sich die Pandemie wieder ausweitet, vor allem alles
dafür tun, dass sich das Virus nicht wieder deutschlandweit
verbreitet.»