.) Das Virus soll im Urlaub nicht kreuz und quer mitreisen Von Birgit Sander und Sascha Meyer, dpa

24.06.2020 22:26

Die Urlaubssaison macht den Kampf gegen die Pandemie komplizierter:
Hunderttausende fahren jetzt von zu Hause weg, aber einheitliche
Reiseregeln sind umstritten. Dabei gibt es nun einzelne Brennpunkte.

Berlin (dpa) - Endlich Ferien! Doch zum Start in die Hauptreisezeit
sind viele Erholungssuchende und Gastgeber im Urlaubsland Deutschland
schon darauf gefasst: So einfach und entspannt wie sonst wird das
nicht in diesem Pandemie-Sommer 2020. In Hotels, Appartements und
Restaurants gelten Abstands- und Hygieneregeln. Und nun kommt dazu,
dass es einzelne regionale Corona-Brennpunkte in der Republik gibt.
Nach dem großen Ausbruch in einem Schlachthof in Nordrhein-Westfalen
greifen erste Urlaubsregionen zu Beschränkungen für Reisende aus
Risiko-Gebieten. Klar ist: Die Corona-Eindämmung wird schwieriger.

Wo ist das akute Problem?

Bund und Länder haben einen regionalen Notfallmechanismus vereinbart,
falls das Infektionsgeschehen in einer Gegend stark aufflackert. Das
heißt: Behörden sollen vor Ort schnell gegensteuern, um eine größer
e
Ausbreitung zu verhindern. Eine Bewährungsprobe dafür ist jetzt da.
In den Kreisen Gütersloh und Warendorf mit 640 000 Einwohnern rund um
das Tönnies-Fleischwerk in Rheda-Wiedenbrück gelten wieder strenge
Kontaktbeschränkungen - doch vorerst eben auch nur dort. Kanzlerin
Angela Merkel (CDU) hatte schon Mitte Juni grundsätzlich gesagt, die
«Kreuz- und Quer-Bewegung» von Urlaubern durchs Land bringe die Frage
der Infektionsverbreitung noch einmal anders auf die Tagesordnung.

Was machen Länder mit beliebten Urlaubszielen?

Bisher reagieren die Bundesländer unterschiedlich.
Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern
haben ein Beherbergungsverbot oder andere Beschränkungen für Menschen
aus Corona-Risikogebieten festgelegt, die keinen negativen
Corona-Test vorweisen können. Im Fall Niedersachsens gilt dies
speziell für Menschen aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf. «Die
Maßnahmen sind verständlich auch wenn sie sehr unangenehm sind»,
erklärte der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Bremer Leibniz-Institut für
Präventionsforschung und Epidemiologie. «Da kommt eine Mentalität
auf, die eigentlich keiner will.»

Als Risikogebiete gelten Regionen mit mehr als 50 Neuinfektionen je
100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. In
Mecklenburg-Vorpommern ist eine Einreise für Personen aus solchen
Corona-Hotspots nicht gestattet. Ausnahmen gibt es für Menschen mit
einer ärztlichen Bestätigung, dass keine Infektion mit dem
Coronavirus vorliegt. Der Test darf höchstens 48 Stunden alt sein. In
Schleswig-Holstein müssen Reisende aus Risikogebieten unverzüglich
nach der Einreise in ihre Wohnung oder in eine andere geeignete
Unterkunft, um sich dort 14 Tage lang zu isolieren. Eine Ausnahme
gilt, wenn ein aktueller negativer Test vorliegt.

Wie wird die Einhaltung der Bestimmungen kontrolliert?

Eine zuverlässige Kontrolle ist schwierig. In Mecklenburg-Vorpommern
sind bisher auf Usedom und in Kühlungsborn Urlauber aus Gütersloh
abgewiesen worden. In zwei Fällen haben Vermieter die
Gesundheitsämter um Rat gefragt, in weiteren Fällen wurden
Ordnungsämter bei der Durchsicht von Gästelisten fündig. Eine
regelmäßige Kontrolle scheint nicht möglich zu sein, da viele
Touristen in nichtgewerblichen Ferienunterkünften wohnen. Den
Behörden werden Gästelisten dann erst mit der Abrechnung der Kurtaxe
vorgelegt. Das ist in den Satzungen der Ferienorte unterschiedlich
geregelt. Aus Schleswig-Holstein hieß es, spezielle Polizeikontrollen
auf die Autokennzeichen Gütersloh und Warendorf solle es nicht geben.

Wie handhaben andere Bundesländer den Umgang mit Reisenden

Berlin, Hessen und Thüringen fahren einen anderen Kurs als die im
Sommer besonders gefragten Küstenländer und Bayern. Sie planen
aktuell keine Beherbergungsverbote für Touristen aus der Region
Gütersloh. Allerdings werde das Infektionsgeschehen aufmerksam
beobachtet, sagte ein Sprecher der Landesregierung in Wiesbaden.
Touristen wird empfohlen, sich vor Reiseantritt selbst zu
informieren, welche Regelungen an ihren Zielorten gelten.

Droht ein Flickenteppich bei den Urlaubsregeln?

Der Bund will die regionalen Entwicklungen genau beobachten. Doch
operativ am Zug sind die Länder. Merkel machte schon generell klar,
dass es auf funktionierende Kommunikation der örtlichen Behörden in
der ganzen Republik ankommt. «Wenn jemand an der Ostsee war, aber aus
Bayern oder Hamburg gekommen ist, ist es natürlich wichtig, dass die
Gesundheitsämter untereinander in einem engen Kontakt sind.» Beim
Erkennen und Nachverfolgen von Infektionen helfen soll auch die neue
Warn-App des Bundes. Inzwischen wurde sie 12,6 Millionen Mal auf
Smartphones heruntergeladen, auf denen das technisch möglich ist. Das
entspricht immerhin schon 15 Prozent der Menschen in Deutschland.

Wie geht es weiter?

Eine Schaltkonferenz der Gesundheitsminister brachte am Mittwoch noch
keine Lösung für eine einheitliche Linie bei Reisebeschränkungen. Dem

Vernehmen nach könnte das Thema bei den Ministerpräsidenten landen.
NRW-Regierungschef Armin Laschet (CDU) mahnte schon: «Eines geht
nicht: dass man die Menschen aus dem Kreis Gütersloh öffentlich
stigmatisiert.» Allerdings kam es auch an anderen Orten wie in Berlin
oder in Göttingen zuletzt zu auffälligen Corona-Ausbrüchen. Zu sagen,

wie die Urlaubssaison das Infektionsgeschehen beeinflusst, wäre «pure
Spekulation», sagte der Medizinstatistiker Gerd Antes von der Uni
Freiburg. Die Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, habe
jeder selbst in der Hand. Umso klarer müsse kommuniziert werden, sich
an die Abstandsregeln und das Tragen einer Schutzmaske zu halten.