Gütersloh und Ischgl - ein schwieriger Vergleich

24.06.2020 15:12

Ist Gütersloh das neue Ischgl? Der Corona-Ausbruch im Tönnies-Werk
und seine Folgen für die Region erinnern mitunter an den Ausbruch in
Tirol Anfang März. Experten sehen den Vergleich aber sehr skeptisch.

Berlin (dpa) - Viele Menschen zusammen an einem Ort und massenhaft
Infektionen mit dem Coronavirus: Trotz dieser Gemeinsamkeit halten
Experten einen Vergleich des Corona-Ausbruchs im
Tönnies-Schlachbetrieb in Gütersloh und dem Geschehen im Tiroler
Wintersportort Ischgl Anfang März für nicht haltbar.

«In Ischgl sind die Angesteckten häufig schon abgereist, bevor sie
selbst Symptome entwickelten», sagte der Direktor des Instituts für
Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik am
Universitätsklinikum Halle, Rafael Mikolajczyk, am Mittwoch. So sei
der Ausbruch unbemerkt größer geworden. Man könne davon ausgehen,
dass die Kontrolle des Ausbruchs in Gütersloh schneller gelinge.

Eine Parallele zu Ischgl sieht auch der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb
vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie
nicht. «Im Unterschied dazu handelt es sich in Gütersloh um ein
Geschehen in einem Großbetrieb», erklärte er. Eine Häufung von
Infektionen war demnach absehbar, wenn Leute am Arbeitsplatz wieder
zusammenkommen würden.

In Ischgl hatten sich Anfang März viele Menschen mit dem Virus
Sars-CoV-2 infiziert und waren dann wieder in ihre Heimat
zurückgekehrt. Dem Land Tirol und der Tourismusbranche wird deshalb
vorgeworfen, nicht schnell genug auf die Ausbreitung reagiert und den
Skibetrieb zu spät gestoppt zu haben.

Den wegen dem Ausbruch bei Tönnies verhängten Lockdown in den Kreisen
Gütersloh und Warendorf begrüßte Zeeb: «Man muss kein großer Prop
het
sein, um zu sehen, dass es diese Maßnahmen braucht, um dem Virus
wieder Einhalt zu gebieten.» Mikolajczyk stimmt zu: «Angesichts der
gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen ist eine kurze Phase
mit strengen Maßnahmen vorzuziehen.»

Das Tönnies-Werk Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh gilt als
Ausgangspunkt des Ausbruchs, auch im Raum Warendorf wohnen viele
Tönnies-Mitarbeiter. Im Kreis Gütersloh hat es bis Mittwoch mehr als
2000 positive Befunde gegeben.

Vor dem Start der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen empfahl Zeeb
den Menschen in den beiden Kreisen, das weitere Geschehen abzuwarten
und geplante Reisen um einige Tage zu verschieben. «Wir haben hier
eine besondere Situation, und es wird nicht die letzte gewesen sein.»

Die bevorstehenden Urlaubsreisen erschweren laut Mikolajczyk den
Überblick über das Infektionsgeschehen in den Ferienorten. Man müsse

sicherstellen, dass bei einer Häufung von Infektionen bei Rückkehrern
in den betreffenden Ferienorten die Übertragung unterbrochen werde,
erklärte er. Doch grundsätzlich vermutet er, dass trockene warme
Temperaturen und die Tatsache, dass die Menschen viel im Freien sind,
das Übertragungsrisiko für Sars-CoV-2 verringern.

Der Virologe Christian Drosten befürchtet angesichts der jüngsten
Ausbrüche eine unbemerkte Ausbreitung des Coronavirus in der
Bevölkerung. Die Verbreitung über die jeweilige Gegend hinaus zu
verhindern, sei jetzt das Entscheidende, sagte der
Charité-Wissenschaftler am Dienstag im NDR-Podcast.