Weidmann sieht Tiefpunkt der Konjunkturkrise überwunden

21.06.2020 11:11

Die Corona-Krise hat die deutsche Wirtschaft mit Wucht getroffen.
Inzwischen scheint das Schlimmste überstanden - meint nicht nur der
Bundesbank-Präsident.

Frankfurt/Main (dpa) - Die deutsche Wirtschaft erholt sich nach
Einschätzung von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann allmählich von
den Folgen der Corona-Krise. «Wir haben in den vergangenen Monaten
den schärfsten Wirtschaftseinbruch in der Geschichte der
Bundesrepublik erlebt», sagte Weidmann der «Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung» (FAS). «Die gute Nachricht ist: Der Tiefpunkt dürfte

mittlerweile hinter uns liegen, und es geht wieder aufwärts.»
Allerdings folge auf den scharfen Einbruch der deutschen Wirtschaft
nur eine «vergleichsweise allmähliche Erholung».

Viele Volkswirte, Institute und Verbände äußerten sich zuletzt
zuversichtlich, dass die deutsche Wirtschaft bereits im kommenden
Jahr wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren wird - auch, weil der
Staat milliardenschwere Rettungspakete geschnürt hat. Im laufenden
Jahr jedoch droht Europas größter Volkswirtschaft die tiefste
Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten Konjunkturprognosen
bewegten sich zuletzt in einem Bereich von minus sieben bis minus
zehn Prozent für die Wirtschaftsleistung 2020. An diesem Dienstag
(23. Juni) veröffentlichen die «Wirtschaftsweisen» ihre überarbeite
te
Prognose.

Weidmann betonte, dass der Staat für den Fall einer Insolvenzwelle im
Herbst genügend Spielraum habe, um die Wirtschaft erneut zu
unterstützen. «Die Politik hat in einem schwierigen Umfeld schnell
und beherzt reagiert, um Unternehmen und Beschäftigte zu schützen.
Das war richtig.» Der Bundesbank-Präsident warnte jedoch davor, sich
an die hohe Schuldenaufnahme zu gewöhnen.

Auch die Geldpolitik müsse nach der notwendigen Intervention in der
aktuellen Krise auf ein Normalmaß zurückgeführt werden. «Wir müss
en
auch in der Geldpolitik darauf achten, dass wir rechtzeitig wieder
umsteuern, um nicht über das Ziel hinauszuschießen», forderte
Weidmann. «Die Geldpolitik darf nicht den Eindruck entstehen lassen,
dass sie Investoren raushaut, sobald es kriselt, und die Zügel
anschließend zu zaghaft strafft.» Die expansive Geldpolitik dürfe
«nicht zum Normalzustand werden».

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte Anfang Juni ihr im März
aufgelegtes Notkaufprogramm für Anleihen in der Corona-Krise um 600
Milliarden auf 1,35 Billionen Euro fast verdoppelt. Zudem
verlängerten die Währungshüter die Mindestlaufzeit des Programms um
ein halbes Jahr bis Ende Juni 2021. Die Notenbank kauft im Rahmen des
PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) verschiedene Arten von
Wertpapieren, hauptsächlich Staatsanleihen der Euroländer.

Hauptziel der Währungshüter ist ein stabiles Preisniveau im Euroraum
mit seinen 19 Staaten. Dies sieht die EZB mittelfristig bei einer
Jahresteuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent gewährleistet - weit
genug entfernt von der Nullmarke. Dauerhaft niedrige oder auf breiter
Front sinkende Preise könnten Unternehmen und Verbraucher verleiten,
Investitionen aufzuschieben. Das kann die Wirtschaft bremsen.

Fallende Energiepreise drückten die Inflation im Euroraum im Mai
weiter in Richtung Nulllinie. Nach Zahlen des Statistikamtes Eurostat
lagen die Verbraucherpreise in dem Monat nur noch um 0,1 Prozent
höher als ein Jahr zuvor. Das ist die niedrigste Inflationsrate seit
Juni 2016. In Deutschland lag die Teuerungsrate im Mai mit 0,6
Prozent ebenfalls auf dem tiefsten Stand seit fast vier Jahren.

Weidmann rechnet nicht damit, dass die Preise in diesem Jahr steigen
werden. «Wenn weniger produziert wird, weil die Betriebe auf
Anordnung runterfahren mussten oder die globalen Lieferketten
unterbrochen wurden, treibt das die Preise tendenziell nach oben»,
sagte der Bundesbank-Präsident. «Gleichzeitig bleiben die Verbraucher
eher zu Hause, und wir beobachten einen Rückgang der Nachfrage in
manchen Bereichen, etwa bei der Bekleidung. Das hat einen
preissenkenden Effekt.»

Wenn zum Januar die Mehrwertsteuer, die zum 1. Juli für ein halbes
Jahr von 19 auf 16 Prozent beziehungsweise von 7 auf 5 Prozent
gesenkt wird, wieder auf ihren alten Satz erhöht wird, werde die
Teuerungsrate wieder nach oben ziehen, sagte Weidmann.