Drei Monate Corona-Beschränkungen - Lage «ernüchternd bis prekär»

21.06.2020 05:00

Nichts ging mehr in den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens,
als die Corona-Pandemie ihren Weg nach Hessen gefunden hatte.
Inzwischen sind die strengen Regeln zum Infektionsschutz zwar
gelockert worden. Von Normalität kann aber keine Rede sein.

Wiesbaden/Frankfurt (dpa/lhe) - Die Schließung von Gaststätten,
Geschäften, Schulen, Kitas und Friseursalons, dazu die rigorose
Begrenzung persönlicher Kontakte - ab Mitte März verhängten Bund und

Länder nach und nach bis dahin beispiellose Einschränkungen für
Unternehmen und Bevölkerung. Das Ziel: den Corona-Erreger an der
Ausbreitung zu hindern. Leere Straßen und verwaiste Innenstädte waren
die Folge. Supermärkte durften nur noch mit Schutzmaske betreten
werden, Desinfektionsmittel - und Klopapier - waren rasch
ausverkauft. Drei Monate später machen zwar Lockerungen Leben und
Wirtschaften wieder einfacher, doch die Folgen der Maßnahmen sind
weiter unübersehbar. Ein Überblick über die aktuelle Lage.

- Die GASTSTÄTTEN und Hotels in Hessen blicken in eine ungewisse
Zukunft. «Die Bilanz ist ernüchternd bis prekär», sagte der
Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands
(Dehoga) Hessen, Julius Wagner. Seit 1. März mussten die Betriebe
einer Umfrage zufolge Umsatzeinbußen von 73 Prozent im Vergleich zum
Vorjahr verkraften. Im Außenbereich der Restaurants und Kneipen seien
die Plätze inzwischen zwar wieder besetzt, Voraussetzung sei aber
schönes Wetter. Innen sei die Auslastung «nicht annähernd wie
früher». Bei den noch immer geschlossenen Clubs und Diskotheken stehe
«das dickste rote Fragezeichen». Die staatlichen Hilfen seien sehr
wichtig, um Insolvenzen zu vermeiden. Es gebe keine Messen, keine
Kongresse, und bei Familienfeiern und Hochzeiten noch viel
Unklarheit, wie sich diese organisieren ließen.

- Auch andere Betriebe und UNTERNEHMEN haben schwer zu kämpfen,
darunter der Frankfurter Flughafen, der nur noch einen Bruchteil
seiner Fluggäste abfertigen kann - und mit ihm Luftfahrtunternehmen
wie die Lufthansa. In der hessischen Metall- und Elektro-Branche
bezeichneten zuletzt 43 Prozent der Firmen ihre Geschäftslage als
schlecht, wie eine Umfrage des Arbeitgeberverbands ergab. Neun von
zehn Branchenfirmen mussten demnach ihre Produktion einschränken. Im
Schnitt erwarteten die Unternehmen einen Umsatzrückgang von 26
Prozent im laufenden Jahr. Die Lage sei schlecht, sagte
Hessenmetall-Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert. Die Unternehmen
setzen auf Kurzarbeit und nutzen flexible Arbeitszeitregelungen. Der
Verband erwartet jedoch, dass die Pandemie viele Stellen bei
Zeitarbeitern kostet.

Auch in vielen anderen Branchen wie etwa im Friseurhandwerk sind die
Folgen der Krise weiter spürbar. «Die Zeiten sind ja jetzt besonders
und auch sehr gespenstisch teilweise, weil die Leute haben Angst
voreinander», sagt etwa Hatice Nizam, Betreiberin des Friseursalons
«Haarwerk» im Frankfurter Grüneburgweg. Deshalb hat sie in dem Salon

beispielsweise Trennwände anbringen lassen. Acht Wochen lang habe es
während des Lockdowns keine Einnahmen gegeben, sagt Nizam. «Das kann
man nicht so einholen.»

- Mit erheblichen Schäden rechnet der Hessische Städtetag mit Blick
auf die FINANZEN der Kommunen. Der geschäftsführende Direktor Jürgen

Dieter verweist auf Steuerausfälle - die Gewerbesteuer sei
«desaströs» betroffen -, auf zusätzliche Ausgaben und Belastungen i
m
Sozial-, Kita-, Freizeit- oder Kulturbereich. Hauptungewissheit sei,
«dass wir nicht sagen können, wie die wirtschaftliche Entwicklung
sein wird und daran hängen ja auch unsere Steuern». Laut einer Anfang
Juni veröffentlichten Umfrage des Bunds der Steuerzahler Hessen
rechnen rund 60 Prozent der befragten größeren Städte mit
Gewerbesteuerausfällen von mindestens einem Viertel. Rund 13 Prozent
erwarteten sogar Ausfälle von mehr als 50 Prozent.

- Stark eingeschränkt wurden auch die Möglichkeiten, sich in der
FREIZEIT zu beschäftigen. Der Besuch von Sportanlagen und
Schwimmbädern war lange untersagt, auch Spielplätze wurden gesperrt.
Mittlerweile kehrt wieder mehr und mehr Normalität ein. Jüngst
öffneten wieder Badeseen, Saunen und Schwimmbäder - unter Auflagen.
Volle Liegewiesen und Pools soll es nicht geben, die Besucherzahlen
sind beschränkt. Auch Badegäste müssen den Sicherheitsabstand von 1,5

Meter wahren. Einige Schwimmbäder bieten bestimmte Zeitfenster an und
desinfizieren dazwischen ihre Anlagen. Das Verbot von Zuschauern bei
Sportgroßveranstaltungen haben Bund und Länder dagegen verlängert;
Fans müssen sich vorerst weiter mit Geisterspielen zufrieden geben.

- Geschlossene Theater, Opern und Konzerthäuser stürzten die
KULTURSZENE in Existenznot. Der Staat hilft, alleine Hessen gibt 50
Millionen Euro. Die Künstler suchen zudem nach neuen Wegen, ihr
Publikum zu erreichen, etwa über das Internet. Das renommierteste
Theater-Festival Hessens, die Bad Hersfelder Festspiele, wurde zwar
abgesagt. Aber ein kleines Ersatzprogramm wird es an fünf Wochenenden
dennoch geben (17. Juli bis 16. August.) Auch der Kultursommer
Südhessen geht mit einem abgespeckten Programm an den Start. Die
Zeiten sind schwer. «Derzeit können Insolvenzen verschleppt werden»,

sagt der Sprecher des Verbandes der Freien Theatermacher Hessens,
laPROF, Jan Deck. Die Entwicklung hänge von weiteren Lockerungen ab.
«Wenn das so bleibt wie jetzt, wird das für einige sehr, sehr
schwer.» Besonders Solo-Selbstständige und komplett privat geführte
Betriebe könne es hart treffen.

- Die INFEKTIONSZAHLEN sind wie auch in anderen Bundesländern
inzwischen niedrig. Von der Schwelle für eine Verschärfung der
Corona-Beschränkungen sind alle Städte und Kreise ein gutes Stück
entfernt. Die Lage in den Krankenhäusern sei auch auf dem Höhepunkt
der Krise im Griff gewesen, erklärte zuletzt die Hessische
Krankenhausgesellschaft - dank mehrerer Maßnahmen, die wie ein
«Schutzwall» um die Kliniken gewirkt hätten, darunter die Einrichtung

von Testcentern und Schwerpunktpraxen für Covid-19-Patienten.
Inzwischen klagen auch niedergelassene Ärzte sogar über zu leere
Wartezimmer. Eine Kampagne soll nun dafür sorgen, dass die Patienten
wiederkommen, um sich Vorsorgeuntersuchungen oder aufgeschobenen
Eingriffen zu unterziehen.

- In kaum einem Bereich gibt es so viel öffentlichen Streit um die
Einschränkungen wie hier: Ob, wann und wie KITAS und SCHULEN wieder
zum Regelbetrieb übergehen, ist besonders für berufstätige Eltern
eine sehr wichtige Frage. Schüler werden derzeit nur wechselweise
in Gruppen und nicht in der ganzen Klasse unterrichtet. Nach den
Sommerferien Mitte August soll es wieder regulären Unterricht geben -
je nachdem, wie die Pandemie sich entwickelt. Die Grundschulen bieten
bereits von diesem Montag an wieder regulären Unterricht wie vor
Beginn der Corona-Pandemie an, für die Kinder gilt dann
kein Abstandsgebot mehr.