Bundesbankpräsident Weidmann: «Es geht wieder aufwärts»

21.06.2020 01:00

Frankfurt/Main (dpa) - In der Corona-Krise sieht Bundesbankpräsident
Jens Weidmann die deutsche Wirtschaft auf einem guten Weg. «Wir haben
in den vergangenen Monaten den schärfsten Wirtschaftseinbruch in der
Geschichte der Bundesrepublik erlebt», sagte Weidmann der
«Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». «Die gute Nachricht ist:
Der Tiefpunkt dürfte mittlerweile hinter uns liegen, und es geht
wieder aufwärts.» Weidmann sagte, auf den deutlichen Einbruch der
deutschen Wirtschaft folge aber nur eine «vergleichsweise allmähliche
Erholung».

Der Bundesbankpräsident betonte, dass der Staat für den Fall einer
Insolvenzwelle im Herbst genügend Spielraum habe, um die Wirtschaft
erneut zu unterstützen. «Die Politik hat in einem schwierigen Umfeld
schnell und beherzt reagiert, um Unternehmen und Beschäftigte zu
schützen. Das war richtig.» Die Politik dürfe sich aber nicht an die

hohe Schuldenaufnahme gewöhnen.

Weidmann rechnet nicht damit, dass die Preise in diesem Jahr steigen.
«Wenn weniger produziert wird, weil die Betriebe auf Anordnung
runterfahren mussten oder die globalen Lieferketten unterbrochen
wurden, treibt das die Preise tendenziell nach oben», sagte er.
«Gleichzeitig bleiben die Verbraucher eher zu Hause, und wir
beobachten einen Rückgang der Nachfrage in manchen Bereichen, etwa
bei der Bekleidung. Das hat einen preissenkenden Effekt.»

Wenn zum Januar die Mehrwertsteuer, die zum 1. Juli für ein halbes
Jahr von 19 auf 16 Prozent beziehungsweise von 7 auf 5 Prozent
gesenkt wird, wieder auf ihren alten Satz erhöht wird, werde die
Teuerungsrate wieder nach oben ziehen, sagte Weidmann. Die Inflation
war in Deutschland im Mai auf den niedrigsten Stand seit mehr als
dreieinhalb Jahren gefallen. Die Jahresteuerungsrate lag bei 0,6
Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt für den gesamten
Euroraum mit seinen 19 Ländern mittelfristig eine Jahresteuerungsrate
von knapp unter 2,0 Prozent an. Dauerhaft niedrige oder auf breiter
Front sinkende Preise könnten Unternehmen und Verbraucher verleiten,
Investitionen aufzuschieben. Das kann die Wirtschaft bremsen.