Wegen Corona: Kassenärzte bieten vermehrt Video-Sprechstunden an

20.06.2020 10:00

Nicht nur in der Arbeitswelt und in der Schule befördert die
Corona-Pandemie die Digitalisierung. Auch niedergelassene Mediziner
in Niedersachsen chatten vermehrt mit ihren Patienten. Die TK hat
dazu eine eigene App, die AOK verteilt Tablets an Pflegeheime.

Hannover (dpa/lni) - Online-Termin statt Praxisbesuch: Immer mehr
niedergelassene Ärzte in Niedersachsen behandeln ihre Patienten per
Video-Sprechstunde. Wegen der Corona-Pandemie müssen die Mediziner
bundesweit seit dem 1. April hierfür keinen Antrag mehr stellen,
sondern die Video-Sprechstunden lediglich anzeigen. Dies machten bis
zum 15. Juni in Niedersachsen 2276 Ärzte und Psychotherapeuten, wie
die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) mitteilte. Damit
nutzten 15 Prozent der KVN-Mitglieder die Video-Sprechstunde.

Auch Krankenkassen wie die Techniker Krankenkasse (TK) und AOK
berichten von einer wachsenden Akzeptanz der Telemedizin. Sie habe
ihr digitales Angebot erweitert und biete allen Versicherten eine
Behandlung von zu Hause aus an, erklärte die TK Niedersachsen. In der
Online-Sprechstunde könnten auch Medikamente verordnet oder eine
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausgestellt werden.

Die Corona-Pandemie befördert digitale Angebote: «Die
Videosprechstunde kann die Verbreitung des Virus verlangsamen und
schützt andere Patientinnen und Patienten - insbesondere chronisch
und ernsthaft Erkrankte - und das medizinische Personal vor einem
unnötigen Infektionsrisiko», sagte KVN-Sprecher Detlef Haffke.

Im ersten Quartal dieses Jahres rechneten laut KVN landesweit 2111
Ärztinnen und Ärzte 13 809 Video-Sprechstunden ab. «Für das zweite

Quartal, das wir erst Ende Juli auswerten können, erwarten wir eine
weitere Steigerung», sagte Haffke. In den letzten drei Monaten 2019
hatten dagegen nur 75 Ärztinnen und Ärzte 88 Video-Sprechstunden
abgerechnet. Vor dem 1. April waren die Behandlungsfälle per Video
auf die Obergrenze von 20 Prozent pro Kassenarzt begrenzt, diese
Begrenzung wurde zunächst bis zum 30. Juni aufgehoben.

Die Techniker Krankenkasse hat eine eigene TK-Doc-App, über die
Fachärzte Versicherte per Videotelefonie behandeln. Das Spektrum
umfasse acht Krankheitsbilder, hieß es: von der Erkältung über
Magen-Darm-Infekte und Migräne bis hin zu Rückenschmerzen und
Covid-19-Symptomen. Gesucht würden noch weitere Arztpraxen und
Apotheken als Partner. «Unser Versorgungsnetz soll keine Konkurrenz
für andere Apotheken oder Ärzte sein», betonte Raphael Koßmann,
Leiter Regionales Vertragswesen der TK in Niedersachsen.

«Videosprechstunden sind allerdings nicht für alle Erkrankungen und
alle Patienten gleichermaßen geeignet», erklärte die AOK
Niedersachsen. Sie böten sich vor allem an, wenn medizinisch
ausgebildetes Personal zum Beispiel eine Pflegekraft oder
Arzthelferin vor Ort seien. In der Psychotherapie ließen sie sich
einfacher integrieren als in anderen Fachrichtungen. Die AOK hat vor
Kurzem gemeinsam mit dem niedersächsischen Sozialministerium das
Projekt «Video-Sprechstunden im Pflegeheim» vorgestellt. Nach und
nach sollen die rund 1400 Heime im Land mit Tablets ausgestattet
werden, damit Bewohner mit Ärzten und Angehörigen per Video in
Kontakt bleiben können.