Laschet schließt regionalen Lockdown nicht mehr aus

19.06.2020 20:51

Bei den Corona-Reihentests in Rheda-Wiedenbrück hilft jetzt auch die
Bundeswehr. Auf dem Gelände des Schlachtbetriebs Tönnies nahmen
Soldaten am Freitag erste Proben. Am Abend äußerte sich der
Ministerpräsident - und warnte eindringlich.

Düsseldorf (dpa) - Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schließt
nach dem massiven Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies mit
Hunderten Infizierten einen regionalen Lockdown nicht mehr aus. Das
Infektionsgeschehen könne noch lokalisiert werden. «Sollte sich dies
ändern, kann auch ein flächendeckender Lockdown in der Region
notwendig werden», sagte Laschet am Freitagabend in Düsseldorf. Er
sprach von einem massiven Ausbruchsgeschehen: «Das größte, bisher nie

dagewesene Infektionsgeschehen in Nordrhein-Westfalen.»

Nach Auftreten des Virus in dem Tönnies-Werk sind im Kreis Gütersloh
bereits das Schließen von Schulen und Kitas angeordnet worden. Einen
Lockdown will der Kreis nach bisherigen Angaben aber mit diesen und
weiteren Maßnahmen abwenden. Am Freitagabend gab er bekannt, dass
sämtliche Mitarbeiter am Standort Rheda-Wiedenbrück in Quarantäne
müssen. Das betreffe auch die Verwaltung, das Management und die
Konzernspitze, teilte der Kreis Gütersloh am Freitagabend mit.

Einige Mitarbeiter können den Angaben nach aber in sogenannte
Arbeitsquarantäne. Das heißt, dass sie sich nur zwischen Arbeits- und
Wohnort bewegen dürfen. Das gilt auch für Clemens Tönnies,
Gesellschafter von Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies, wie

ein Konzernsprecher der Deutschen-Presse Agentur sagte.

Nach Angaben des Kreises wurden mittlerweile 3500 Tests bei der Firma
Tönnies vorgenommen. Am Freitag seien allein 1450 Mitarbeiter
getestet worden, berichtete der Kreis am späten Nachmittag. Bislang
wurden insgesamt 803 Infizierte registriert. 463 Testergebnisse waren
negativ. Die restlichen Befunde stehen noch aus.

Bei den angeordneten Massentests hilft jetzt die Bundeswehr aus. Am
Freitag trafen 25 Soldaten ein und nahmen erste Proben bei
Mitarbeitern. Sie beteiligten sich auch an organisatorischen
Arbeiten: «Es wurden Absperrungen und Zäune aufgebaut», sagte der
Sprecher der Bundeswehr in NRW, Uwe Kort. Die Soldaten kommen aus
Augustdorf im benachbarten Kreis Lippe und aus Rheinland-Pfalz. «Der
Kreis hat aber weiter die Verantwortung», so der Bundeswehr-Sprecher
weiter. «Wir unterstützen nur.» Der Kreis richtete zudem weitere
Hilfeersuche an die Bundeswehr, die Polizei und das Land NRW, wie er
am Freitagabend berichtete.

Laschet sieht ein großes Problem in der breiten Streuung der Wohnorte
der Tönnies-Beschäftigten. Der Ministerpräsident sprach von einer
schwierigen Lage, weil die Mitarbeiter des Schlachtbetriebs neben dem
Kreis Gütersloh auch in Warendorf, Soest, Bielefeld, Hamm und anderen
Orten lebten. Diese Streuung berge eine enorme Pandemiegefahr.

Das NRW-Landeskabinett will sich am Sonntag in einer Sondersitzung
mit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies beschäftigen. Dort werde die
Landesregierung die Lage erneut bewerten, sagte Laschet.
Gesundheitsminister Jens Spahn und Verteidigungsministerin Annegret
Kramp-Karrenbauer (beide CDU) hätten zugesagt, so viel Personal
bereitzustellen, wie erforderlich ist. «Es wird alles getan, was
nötig ist - auch mit Unterstützung des Bundes», sagte Laschet.

Der Ministerpräsident appellierte an die Menschen vor allem in der
Region Gütersloh, Hygieneregeln «ganz streng» einzuhalten. «Jeder
einzelne ist jetzt gefordert, auch der nicht in der Fleischindustrie
beschäftigt ist», sagte Laschet. Jeder solle sich unter anderem an
die Maskenpflicht halten und Abstand zu anderen Menschen wahren.

Der Ausbruch hat Auswirkungen auf zahlreiche Nachbarstädte in der
Region, in denen Tönnies-Mitarbeiter wohnen. In der rund 40 Kilometer
entfernten Stadt Hamm wurden drei Schulen bis zu den Sommerferien
geschlossen, nachdem drei Kinder von Tönnies-Mitarbeitern positiv
getestet worden waren. «Alle Lehrer und Schüler der jeweiligen
Klassen sowie alle weiteren Kontaktpersonen der infizierten Kinder
werden vom städtischen Coronamobil getestet und bis zum Testergebnis
unter Quarantäne gestellt», berichtete die Stadt. Betroffen von der
Quarantäne sind eine Grund-, eine Real- und eine Hauptschule.
Insgesamt leben demnach 95 Tönnies-Mitarbeiter in Hamm.

Auch im Kreis Warendorf sind alle Tönnies-Mitarbeiter unter
Quarantäne gestellt. Der Kreis empfahl allen Personen, die mit
Tönnies-Mitarbeitern zusammenleben, sich ebenfalls in Quarantäne zu
begeben. Bis Freitag wurden der Kreisverwaltung 110 infizierte
Mitarbeiter bekannt. Die meisten davon lebten in Oelde, berichtete
der Kreis. Im Kreisgebiet lebten 680 Mitarbeiter, die bei externen
Dienstleistern beschäftigt seien. Hinzu kämen noch etwa 300
festangestellte Tönnies-Mitarbeiter. In der besonders stark
betroffenen Stadt Oelde waren die Schulen und Kindergärten seit
Donnerstag geschlossen. Am Montag sollen sie wieder öffnen.

Die Bundesregierung drang auf Eindämmung des Ausbruchs. Es komme
jetzt darauf an, möglichst schnell die Infektionsketten zu
unterbrechen, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in
Berlin. Daher sei es richtig, dass im Landkreis Gütersloh in großem
Maßstab Reihentests angeordnet worden seien. Eine neue Verordnung
ermöglicht mehr Tests auch ohne Symptome auf Kassenkosten. Das Robert
Koch-Institut habe Kontakt mit dem Gesundheitsamt vor Ort.

Laschet hat den Eltern und Kindern Respekt gezollt, die wegen des
Corona-Ausbruchs bei Tönnies nun wieder mit geschlossenen Schulen und
Kitas konfrontiert sind. Ausgerechnet sie seien die ersten, die von
den Maßnahmen der Behörden betroffen seien, sagte der
NRW-Ministerpräsident. «Ich kann das sehr nachvollziehen,
nachempfinden, was das für ein Kind bedeutet, das monatelang nicht in
der Kita und in der Schule war, das dann wieder hindarf, und das nun
ein Opfer dieses Vorgangs ist. Das ist einem Kind sehr schwer zu
erklären», sagte er.