Vernetztes Dorf - wie die DorfFunk-App in der Corona-Krise hilft Von Ulrich Steinkohl, dpa

19.06.2020 15:43

Beim ersten bundesweiten Digitaltag schaut der Bundespräsident nicht
ins Silicon Valley oder nach Berlin-Mitte. Er interessiert sich für
die Provinz. Wie hilft die Digitalisierung dort, um besser durch die
Corona-Krise zu kommen?

Berlin (dpa) - Familien durch Kontaktverbote getrennt, die Arbeit ins
Homeoffice verlegt, das öffentliche Leben lahm gelegt: Die
Corona-Pandemie hat den Menschen in Deutschland in den vergangenen
Wochen vieles abverlangt. Aber es hätte schlimmer kommen können -
ohne die Möglichkeiten, die die digitale Technik heute bietet, um
miteinander zu kommunizieren, zu arbeiten und den Alltag zu
organisieren. «Uns miteinander vernetzen, um verbunden zu bleiben -
diese Erfahrung haben wir während der Pandemie besonders intensiv
gemacht», sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Freitag.

Es ist der erste bundesweite Digitaltag. Und Steinmeier will
erfahren, wie die digitale Technik in der Corona-Krise das Leben ein
Stück weit leichter gemacht hat. «Ich mag mir gar nicht vorstellen,
wo wir heute wären, hätten wir die digitalen Möglichkeiten nicht
gehabt», sagt er. Sein Blick richtet sich auf das Land, also dorthin,
wo die Menschen sich gegenüber der Großstadt oft abgehängt fühlen.
Wo
aber die Digitalisierung längst Einzug gehalten hat.

Etwa in der rheinland-pfälzischen Gemeinde Betzdorf-Gebhardshain, wo
die Bürger untereinander mit der DorfFunk-App in Kontakt stehen, sich
austauschen, Hilfe suchen und anbieten sowie einen direkten Draht zu
ihrer Gemeindeverwaltung haben. Die vom Fraunhofer-Institut für
Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern
entwickelte App ist ein Messenger-Dienst mit lokaler Reichweite, die
sich auch auf Nachbargemeinden erstrecken kann. Bundesweit wird der
Dienst bereits von rund 50 000 Menschen genutzt.

«Man ist in einem ganz anderen Austausch untereinander», berichtet
Caroline Decker aus Gebhardshain am Freitag per Videokonferenz dem
Bundespräsidenten. Sie habe den Messenger-Dienst auf ihr Smartphone
geladen, weil sie gerade älteren Menschen, die als Risikogruppe
gelten, helfen wollte. «Die App kann einen dabei sehr unterstützen.
Für mich war es einfach, wenn Hilfe gebraucht wird, diese direkt
anzubieten, ohne dass man andere komplizierte Wege gehen muss.» Und:
«Der Informationsfluss über die App ist nochmals ganz anders als über

zum Beispiel in Zeitungen oder bei persönlichen Treffen.»

Den Erfolg macht die «persönlichere Ansprache auf Dorfebene» aus, wie

Sascha Hensel aus dem Rathaus Betzdorf berichtet. «Man hat sich eher
gefühlt wie in seiner Heimat, obwohl es sich halt doch alles in der
digitalen Welt abgespielt hat.»

Auch im nordrhein-westfälischen Ovenhausen wird die DorfFunk-App
genutzt und hat in der Hochphase der Corona-Krise besonderen Zuspruch
erhalten. Gut 500 der 1030 Einwohner hätten die App inzwischen
geladen, sagt Hans-Werner Gorzolka von der örtlichen Kirchengemeinde.
«Ich behaupte mal, dass wir jede Familie in Ovenhausen erreichen mit
unseren Nachrichten.» Die Vernetzung der Bürger steht hier unter der
Überschrift «Sorgendes Dorf».

Im Gespräch mit dem Bundespräsidenten zeigt sich Agnes Klocke aus
Ovenhausen begeistert: «Ich weiß einfach, an wen ich mich wenden
kann, wenn ich Hilfe brauche.» Nach ihrer Beobachtung stärkt das
digitale Angebot auch das ehrenamtliche Engagement der Bürger. «Das
Ehrenamt war vor ein paar Jahren ja doch ein wenig Stiefkind. Jeder
hat so sein privates Ding gemacht.» Jetzt werde es wieder mehr.
Vereine blühten beispielsweise wieder auf.

Die Corona-Krise also als Chance? Aus Steinmeiers Sicht ist sie dies
jedenfalls mit Blick auf den Stand der Digitalisierung in Deutschland
insgesamt. Denn: «Die Krise hat viele digitale Defizite schonungslos
ausgeleuchtet, ganz besonders in den Schulen und in der öffentlichen
Verwaltung.» Und sie zeige, dass Deutschland auch beim gerechten
Zugang zur digitalen Grundversorgung viel aufzuholen habe - «etwa auf
dem Land oder für Familien, wo nicht jedes zweite Jahr ein iPad unter
dem Tannenbaum liegt oder ein neuer Laptop zum Geburtstag kommt».