«Kifft nicht eure Zukunft weg» - Cannabis kann Familien zerstören Von Julia Giertz, dpa

25.06.2020 06:00

Die Gefahren des Kiffens für Jugendliche sind wenig bekannt. Die
Folgen können Familien aus der Spur werfen und Betroffene zu
seelischen und körperlichen Wracks machen. Experten warnen deshalb
vor einer leichtfertigen Legalisierung von Cannabis.

Stuttgart (dpa) - Stefan war fleißig und strebsam, alle Wege schienen
ihm offenzustehen - die Eltern Laura und Peter Müller (Namen von der
Redaktion geändert) sahen für ihren Sohn nach dem Abitur eine
Karriere als Maschinenbauer voraus. Doch vor zwei Jahren aus der
Traum: Der Achtklässler kommt nicht mehr regelmäßig zum Schlafen nach

Hause, ist in der Schule auffällig und überdreht, wirkt teils
bedrohlich. Bis es dem Rektor von Stefans Gymnasium im nördlichen
Württemberg zu viel wird: Er verweist ihn der Schule, und der damals
16-Jährige kommt erstmals in die Psychiatrie.

Die Diagnose ist ein Schock für die Eltern, eine Maschinenbauerin und
ein IT-Ingenieur: schizophrene Psychose im Zusammenhang mit
regelmäßigem Konsum von Cannabis. Ein Kraut, das gemeinhin als
harmlos gilt, aber bei Jugendlichen irreversible Schäden anrichten
und das Leben der Eltern auf den Kopf stellen kann. «Ich war
verzweifelt», sagt Laura, die wie ihr Mann nie zuvor mit dem Thema in
Berührung gekommen war. Beide Eltern plagen seitdem Schuldgefühle.
Der eineinhalb Jahre ältere Bruder Stefans will mit der Misere nichts
zu tun haben und zieht bald in eine eigene Wohnung.

Cannabis ist die am weitesten verbreitete illegale Droge in
Deutschland. Nach Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche
Aufklärung haben 10 Prozent der Teenager und rund 40 Prozent der 18-
bis 25-Jährigen schon mindestens ein Mal Cannabis geraucht. Männer
konsumieren demnach häufiger als Frauen. Jeder zehnte männliche junge
Erwachsene kifft regelmäßig. Nach einer 2019 veröffentlichten
europaweiten Fall-Kontroll-Studie ist die Wahrscheinlichkeit einer
psychotischen Störung bei täglichem Cannabisgebrauch drei Mal, bei
Konsum von besonders starkem Stoff fünf Mal höher als bei
Nicht-Konsumenten.

Nach Ansicht des Kinder- und Jugendarztes Wolfgang Kölfen ist
Cannabiskonsum gerade in der Pubertät gefährlich. «Das Gehirn ist da

eine Großbaustelle und besonders irritierbar und leicht aus der
Balance zu bringen», sagt der Vizepräsident des Berufsverbands der
Kinder- und Jugendärzte.

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, ist
überzeugt, dass Cannabis Psychosen auslösen kann. Mit einer neuen
Social-Media-Kampagne «Kiffen ist nicht cool» will die
CSU-Politikerin «aktiv gegen die falschen Verharmlosungsslogans der
Hanffreunde vorgehen.»

Befürworter sehen in einer Legalisierung für Erwachsene ein Ende des
Schwarzmarktes. Mit einem kontrollierten legalen Markt könnten das
Verbot, Marihuana an Minderjährige zu verkaufen, sowie die Reinheit
des Stoffes wirksam überwacht werden, argumentieren etwa die Grünen
im Bundestag in einem Gesetzentwurf für ein Cannabiskontroll-Gesetz.
Der Bundestag lehnte den Entwurf 2017 ab.

Psychosen, wie sie auch Stefan hat, sind Störungen der Wahrnehmung.
Stefan, ein kräftiger Typ, meint etwa, magersüchtig zu sein und mehr
essen zu müssen. Die Eltern können ihn nicht von dem Gegenteil
überzeugen. Als weitere mögliche Symptome des Cannabis-Missbrauchs
nennt Mediziner Kölfen: Aggressivität, Stimmungsschwankungen, innere

Leere, erhöhte Schweißbildung, fehlende Urin-Kontrolle, Impotenz,
Selbstverletzungen und Suizidgedanken. Auch die kognitiven
Fähigkeiten können beeinträchtigt werden. «Die jungen Menschen
brennen sich sechs bis zehn IQ-Punkte weg - unwiderruflich.»

Stefans Weg nach dem Rauswurf aus der Schule war vom sogenannten
Drehtür-Effekt bestimmt: mehrfache Aufenthalte in der Psychiatrie,
Aufnahme in eine Spezialeinrichtung für junge Psychosekranke, Reha
und wieder in die Psychiatrie. Nun wartet er auf einen Platz im
Berufsvorbereitungsjahr für junge Menschen mit Handicap.

Das Schwierigste im Umgang mit Stefan ist dessen mangelnde Einsicht
in den Teufelskreis von Sucht, daraus resultierenden Problemen und
verstärktem Griff nach Dope. «Cannabis ist für mich die beste
Medizin, das beruhigt mich.» Im Beruf seiner Wahl, dem
Schreinerhandwerk, könne er auch «stoned» arbeiten, glaubt der junge

Erwachsene, der langsam spricht und dessen eine Hand zittert.

Der Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC), der psychoaktiven Substanz
in der Hanfpflanze, hat sich infolge von Züchtungen in den letzten
Jahrzehnten massiv erhöht. «Wer die heutigen Substanzen mit den
harmlosen Joints der 1968er Generation vergleicht, liegt völlig
falsch», sagt Kölfen. «Das wäre so, als wenn man ein Bierchen mit
einer Flasche Wodka gleichsetzt.» Kölfen warnt junge Leute: «Kifft
nicht eure Zukunft weg.»

Die Diskussion über die Legalisierung von Cannabis sieht der Chefarzt
der Klinik für Kinder und Jugendliche an den Städtischen Kliniken
Mönchengladbach kritisch. «Bevor der Gesetzgeber daran denkt, sollte
er nachweisen, wie die Jugendlichen geschützt werden.» Die Müllers
haben mittlerweile ihre Erwartungen an ihr Kind auf ein Minimum
heruntergeschraubt: Wenn Stefan ein einigermaßen selbstständiges
Leben führen könnte, wären sie schon zufrieden.