Die Frage nach der Verantwortung: Corona-Hotspot Schlachthof Von Christoph Zeiher, Annett Stein und Jörg Ratzsch, dpa

18.06.2020 19:00

Wieder ist ein Schlachthof das Zentrum eines Corona-Ausbruchs. Der
Fall zeigt auch die soziale Dimension der Virus-Pandemie. Experten
äußern Zweifel an den Erklärungen des Tönnies-Konzerns.

Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück (dpa) - Liegt es an den kühlen Räumen i
m
Schlachthof? Oder sind es vielmehr die Arbeitsbedingungen und die
Unterkünfte der Mitarbeiter? Nach dem Corona-Ausbruch beim
Branchen-Riesen Tönnies im Kreis Gütersloh stellen sich viele Fragen
- immer lauter auch die nach der Verantwortung der Fleisch-Konzerne
im Land. Deutschlands Marktführer bei der Schlachtung von Schweinen
hatte am Mittwoch einen deutlichen Anstieg der Infiziertenzahl unter
den Beschäftigten in Rheda-Wiedenbrück vermeldet - am Donnerstag
waren es nun schon mindestens 730. Für rund 7000 Menschen wurde eine
Quarantäne verfügt, Schulen und Kitas im Kreis wurden geschlossen.
Bis zu den Sommerferien in NRW - Start 29. Juni (letzter Schultag
26.6.) - wird es nur eine Notbetreuung geben.

HEIMATURLAUB ALS URSACHE?

Das Unternehmen Tönnies behauptet, dass Beschäftigte das Virus etwa
aus Heimaturlauben in Osteuropa mitgebracht haben könnten. Einer
Expertin für Infektionskrankheiten zufolge ist es jedoch extrem
unwahrscheinlich», dass Hunderte Corona-Fällen auf Familienbesuche am
Wochenende zuvor zurückgehen. «Die Inkubationszeit beträgt im Mittel

fünf Tage, so dass ein Wochenendbesuch kaum so eine große Anzahl an
Personen erklären kann», sagte Isabella Eckerle, Leiterin der
Forschungsgruppe Emerging Viruses in der Abteilung für
Infektionskrankheiten der Universität Genf.

Für seinen Satz über Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien geriet
NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) unter Druck. Der hatte auf
die Frage, was der Corona-Ausbruch über die bisherigen Lockerungen
aussage, geantwortet: «Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil
Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt.
Das wird überall passieren.» Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionschef im
NRW-Landtag, forderte eine Entschuldigung: «Mit diesem Zitat hat sich
Armin Laschet die Denke von Tönnies eins zu eins zu eigen gemacht.
Das ist unterste Schublade.» Laschet selbst reagierte am Donnerstag:
«Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu
geben, verbietet sich. Mir ist wichtig klarzumachen, dass das für
mich wie für die gesamte Landesregierung selbstverständlich ist.»

Ein weiterer Faktor für die Verbreitung sollen laut Tönnies die
kalten Temperaturen in den Zerlegebereichen sein. Klar
ist: Temperatur und Luftfeuchtigkeit haben Einfluss darauf, wie rasch
Tröpfchen verdunsten. Zudem wird Sars-CoV-2 nach derzeitigem
Kenntnisstand auch über Aerosole - winzige Tröpfchenkerne aus
Flüssigkeit und Partikeln wie Viren - übertragen. Wie infektiös diese

unter Kühlhausbedingungen sind, lässt sich aber noch nicht sagen.

RUF NACH STRENGEREN REGELN

Bundesagrarministerin Julia Klöckner dringt angesichts des heftigen
Ausbruchs auf Konsequenzen: «Hunderte von Infektionen in einem
Betrieb. Diese Zustände sind nicht haltbar», sagte die
CDU-Politikerin am Donnerstag. Es sei richtig, Infektionsursachen am
Arbeitsplatz und in Unterkünften nun gründlich zu untersuchen.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat angesichts des erneuten
Corona-Ausbruchs in der Fleischwirtschaft seine Pläne für
Gesetzesverschärfungen untermauert. Im Sommer wolle er ein Gesetz
vorlegen, das eine digitale Erfassung der Arbeitszeit in der
Fleischindustrie vorschreibt. Zudem solle es an «ein Grundübel»
gehen, indem Werkverträge in der Branche untersagt werden. Damit
solle die Verantwortung für gute Bedingungen bei der Arbeit, aber
auch in Unterkünften und Transporten klar werden.

Die Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben mit Subunternehmern und
Sammelunterkünften mit vielen osteuropäischen Beschäftigten stehen
schon lange in der Kritik. Das Bundeskabinett hatte im Mai Eckpunkte
für verschärfte Arbeitsschutzvorschriften für die Fleischindustrie
beschlossen. Das Gesetzgebungsverfahren steht noch aus.

Der Corona-Ausbruch führte unterdessen auch zur nächsten Runde des
schwelenden Streits der Inhaber: Robert Tönnies forderte in einem
Brief den Rücktritt seines Onkels Clemens Tönnies aus der
Geschäftsleitung. In dem Schreiben vom Mittwoch wirft er der
Geschäftsleitung und dem Beirat des Konzerns unverantwortliches
Handeln und die Gefährdung des Unternehmens und der Bevölkerung vor.
Robert Tönnies (42 Jahre) hält wie sein Onkel Clemens (64) 50 Prozent
an dem Unternehmen. Seit Jahren streiten beide um Führung und
Ausrichtung des Konzerns.

CORONA TRIFFT DIE SCHWACHEN

Der aktuelle Fall in NRW ist der größte von mehreren Aufsehen
erregenden Ausbrüchen der vergangenen Tage. Erst kürzlich wurden in
Berlin-Neukölln mehrere Wohnhäuser unter Quarantäne
gestellt. Gleiches gilt für einen Gebäudekomplex in Göttingen mit 7
00
Bewohnern, wo etwa 100 neue Infektionen registriert wurden.

«Die Pandemie hat eine soziale Dimension und Schieflage, gegen die
die Bundesregierung viel stärker ankämpfen muss», sagte die
Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, dem
Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). «Die Bundesregierung muss einen
Plan vorlegen, wie die wirtschaftlich Schwächsten in unserer
Gesellschaft nicht zu Kranken werden.»

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans sagte dem RND: «Corona ist eine
riesige Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Aber es gibt
keinen Zweifel, dass auch hierzulande die gesundheitlichen Risiken
für Menschen mit geringerem Einkommen de facto größer sind - schon
allein deshalb, weil sie in beengteren Verhältnissen leben und
arbeiten.»