Corona-Hotspot Schlachthof: Frust, Streit und offene Fragen

18.06.2020 18:12

Hunderte Corona-Infizierte beim Schlachtbetrieb Tönnies in
Ostwestfalen schrecken auf. Die Ursachensuche läuft, die Frage nach
der Verantwortung wird laut. Eltern sind sauer. Auch
NRW-Ministerpräsident Laschet gerät in Erklärungsnot.

Rheda-Wiedenbrück (dpa) - Der Corona-Ausbruch mit 730 Neuinfizierten
im größten Schlachtbetrieb des Branchenriesen Tönnies in
Rheda-Wiedenbrück hat in der Stadt für Proteste und Verunsicherung
gesorgt. Zugleich heizte die hohe Zahl der Infizierten die Debatte
über die Arbeitsbedingung in der Fleischindustrie erneut an. Weitere
Tests und die Ursachenforschung liefen am Donnerstag auf Hochdruck.
Eltern und Kinder protestierten gegen die Schließungen von Schulen
und Kitas im gesamten Kreis Gütersloh.

Tönnies hatte am Mittwoch nach dem Corona-Großausbruch seinen
Hauptproduktionsbetrieb in Rheda-Wiedenbrück vorläufig stoppen
müssen. Zudem hatte der Kreis Gütersloh verfügt, dass alle Schulen
und Kitas bis zu den Sommerferien wieder geschlossen werden, um eine
Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung zu vermeiden.

Der Branchen-Riese hatte bereits am Mittwoch mehr als 650
registrierte Neuinfektionen vermeldet. Bis zum Donnerstagabend stieg
die Zahl nach der Auswertung von gut 1100 Tests auf 730. Für rund
7000 Menschen wurde eine Quarantäne verfügt.

Für die Fortsetzung der Tests fragte der nordrhein-westfälische Kreis
bei der Bundeswehr Hilfe an. Sie soll ab Freitag Soldaten mit
medizinischen Vorkenntnissen für Tests und andere Helfer für die
Dokumentation schicken. Laut einem Tönnies-Konzernsprecher sollen
künftig pro Tag 1500 bis 2000 Mitarbeiter auf das Corona-Virus
getestet werden. Nach dem Start der behördlich angeordneten Reihe
sind noch rund 5300 Tests offen.

Der Konzern hatte die niedrigen Temperaturen durch Kühlung in den
Produktionsräumen und Heimreisen der Beschäftigten nach Osteuropa an
den zurückliegenden langen Wochenenden als mögliche Gründe für den

Infektionsausbruch genannt. Dazu meinte eine Expertin für
Infektionskrankheiten am Donnerstag, sie halte es für «extrem
unwahrscheinlich», dass Hunderte Corona-Fälle auf solche
Familienbesuche zurückgehen. «Die Inkubationszeit beträgt im Mittel
fünf Tage, so dass ein Wochenendbesuch kaum so eine große Anzahl an
Personen erklären kann», sagte Isabella Eckerle von der Abteilung für

Infektionskrankheiten der Universität Genf.

Laut der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) reichen die
nach den ersten Corona-Ausbrüchen in Schlachtbetrieben angeordneten
Schutzmaßnahmen für die Beschäftigten nicht. «Die Menschen arbeiten

weiter auf engstem Raum, die Bänder in den Fleischfabriken laufen
meist in der gleichen Geschwindigkeit wie vor der Krise», sagte ein
Sprecher. Verdi warf dem Kreis Gütersloh vor, unzureichende
Hygienepläne des Unternehmen abgesegnet zu haben.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) geriet wegen einer Äußerung

unter Druck - und nahm daraufhin erneut Stellung. «Menschen gleich
welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich.
Mir ist wichtig klarzumachen, dass das für mich wie für die gesamte
Landesregierung selbstverständlich ist», erklärte Laschet am
Donnerstag. Die Verantwortung für das Geschehen liege bei den
Unternehmen, betonte der CDU-Politiker. Er kündigte zugleich
«substanzielle Verbesserungen bei den Bedingungen insbesondere für
Arbeitnehmer aus Bulgarien und Rumänien» an.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will «in Kürze» den
geplanten Gesetzentwurf für verschärfte Regeln in der Fleischbranche
vorlegen, hieß es aus seinem Ministerium.

Am Mittwoch hatte Laschet auf die Frage, was der Corona-Ausbruch im
Schlachtbetrieb Tönnies über die bisherigen Lockerungen in NRW
aussage, geantwortet: «Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil
Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt.
Das wird überall passieren.» Der SPD-Fraktionschef im NRW-Landtag
Thomas Kutschaty hatte daraufhin von Laschet eine Entschuldigung
gefordert. «Mit diesem Zitat hat sich Armin Laschet die Denke von
Tönnies eins zu eins zu Eigen gemacht. Das ist unterste Schublade»,
sagte Kutschaty der Deutschen Presse-Agentur.

Kritik war auch von der Evangelischen Kirche und der Caritas
gekommen. «Es ist sehr leichtfertig, das nun auf die Nationalität von
Beschäftigten zu verkürzen», sagte Volker Brüggenjürgen vom
Caritasverband im Kreis Gütersloh. Man müsse befürchten, dass in
einigen Wochen im öffentlichen Eindruck nur noch hängenbleibe, dass
die Beschäftigten aus Rumänien und Bulgarien verantwortlich für den
Ausbruch seien. Das sei unhaltbar und könne auch den sozialen
Zusammenhalt vor Ort gefährden.

Dutzende Lehrer und Eltern mit ihren Kindern machten unterdessen
ihrem Unmut Luft - vor dem privaten Tönnies-Anwesen, einem Werk des
Schlachtbetriebs sowie einer Kirche in Rheda-Wiedenbrück. Sie
brachten Schilder mit Aufdrucken wie «Stoppt die Ausbeute bei
Tönnies» mit.

Konzernintern belebte die Krise einen langanhaltenden Streit an der
Führungsspitze: Robert Tönnies, Mitinhaber des Schlachtbetriebs,
forderte den Rücktritt seines Onkels Clemens Tönnies aus der
Geschäftsleitung.