Psychologen bieten Pflegekräften Unterstützung - mehr Geld gefordert

18.06.2020 17:21

Pflegekräfte galten zu Beginn der Corona-Krise mitunter als Helden.
Inzwischen ist es wieder ruhiger um sie geworden. Nachhaltige
Anteilnahme und Wertschätzung fordern die Landespflege- und die
Landespsychotherapeutenkammer sowie der DGB.

Mainz (dpa/lrs) - Mit Tipps zum Umgang mit den hohen Belastungen
ihres Berufs und kostenloser psychotherapeutischer Telefonberatung
sollen die rund 43 000 Pflegekräfte in Rheinland-Pfalz besser durch
die Corona-Pandemie kommen. Landespflege- und
Landespsychotherapeutenkammer haben gemeinsam Angebote ausgearbeitet.
Zudem müsse das Grundgehalt von derzeit - je nach Einrichtung -
zwischen 2000 und 3500 Euro monatlich auf 4000 Euro aufgestockt
werden, forderte der Präsident der Landespflegekammer Markus Mai am
Donnerstag in Mainz. Gemeinsam mit der Politik müsse beraten werden,
wie ein sinnvolles System aufgebaut werden könne, um für die nächste

Welle gerüstet zu sein.

Schon vor der «Corona-Katastrophe» hätten in einer online-Befragung
rund 78 Prozent der Pflegekräfte ihren Beruf als sehr stark belastend
empfunden und 72 Prozent über einen Ausstieg nachgedacht, sagte Mai.
Seither sei die Belastung deutlich gestiegen.

Die Pflegenden sorgten sich um die eigene Gesundheit und die ihrer
Angehörigen und wollten trotzdem den Job machen und die Patienten
nicht im Stich lassen, sagte die Präsidentin der
Landespsychotherapeutenkammer, Sabine Maur. Eine zusätzliche
Belastung sei die Begleitung Sterbender in den Tod, die von den
Angehörigen nur eingeschränkt wahrgenommen werden könne. Die
Einschränkung des Besuchsrecht in den Altenheimen habe sich
insbesondere auf demente Bewohner stark ausgewirkt und eine intensive
Betreuung erfordert, damit sich deren Zustand nicht verschlechtere,
sagte Mai. Dazu komme oft noch mehr Arbeit, höhere Hygiene- und
Schutzregeln sowie mehr Organisationsaufwand.

Die psychischen Folgen reichten von Schlafstörungen und
Unruhezuständen über Konzentrationsprobleme, Motivationslosigkeit und
Wut bis zum Rückzug aus sozialen Beziehungen und Depressionen. Viele
Pflegekräfte nähmen dies zunächst an sich selbst nicht wahr, weil
Belastung als Teil der Profession gelte, sagte Professorin Brigitte
Anderl-Doliwa von der Katholischen Hochschule Mainz. Ein Flyer solle
ihnen helfen, das zu erkennen, sich zunächst selbst zu helfen und
Unterstützung zu suchen. Dafür stellten sich Psychotherapeuten seit
26. Mai auf einer Plattform ehrenamtlich für ein Erstgespräch zur
Verfügung (www.psych4nurses.de). Dabei könnten weitere Schritte
beraten werden.

Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) betonte, der
Landesregierung Rheinland-Pfalz sei es ein wichtiges Anliegen, die
Beschäftigungsbedingungen in den Pflegeberufen - nicht nur in Zeiten
von Corona - zu verbessern. «Dabei geht es um die Frage der fairen
Bezahlung ebenso wie die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie
auch für Pflegekräfte», sagte die Sozialdemokratin der
Deutschen Presse-Agentur in Mainz. «Es geht aber auch darum, die
psychische und physische Gesundheit und die Arbeitsfähigkeit der
Pflegekräfte zu erhalten und zu stärken.»

«Die Arbeit der Pflegekräfte erfordert deutlich mehr Anerkennung und
Wertschätzung. Besonders in den vergangenen Wochen haben sie
Beachtliches geleistet und das ganz unmittelbar mit der Gefahr einer
Ansteckung mit dem Coronavirus», sagte der DGB-Landesvorsitzende
Dietmar Muscheid. «Das verdient deutlich mehr als Applaus oder eine
einmalige Prämie von 1500 Euro.» Er forderte unter anderem eine
Ausbildungsoffensive. «Den Arbeitsschutz und die Ruhezeiten hinten
anzustellen, um dadurch die personellen Kapazitäten rechnerisch zu
erhöhen, darf nicht länger hingenommen werden.»