Experte im Sekten-Prozess: Sack war Ursache für Tod des Kindes

17.06.2020 17:37

Hanau (dpa) - Im Mordprozess gegen eine mutmaßliche Sekten-Chefin hat
ein Gerichtsmediziner die Angeklagte stark belastet. Der Mediziner
sagte vor dem Landgericht Hanau am Mittwoch aus, dass der vierjährige
Junge im Haus der Hanauer Gruppe starb, weil er in einen Leinensack
verschnürt wurde. «Der Sack ist letztlich die Ursache für den Tod
gewesen», sagte er. Es sei ein «äußeres Ereignis» gewesen, dass z
u
einem nicht-natürlichen Tod geführt habe. «Jeder vernünftige Mensch

muss erkennen, dass es keine kindgerechte Behandlung ist, ein Kind in
einen Sack zu verschnüren», sagte Marcel Verhoff, Direktor des
Instituts für Rechtsmedizin der Uni Frankfurt.

Der Professor ging in seiner Aussage davon aus, dass der kleine Junge
in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen und dann an zuvor gegessenem
Haferbrei erstickt sei. Eine Rekonstruktion der Tat mit einer
Polizistin, die freiwillig in einen Sack geschnürt wurde, habe
ergeben, dass solch ein Vorgehen schnell zu gefährlicher
Bewusstlosigkeit führen könne.

In dem Prozess muss sich eine mutmaßliche Sekten-Chefin wegen Mordes
verantworten. Die 72-Jährige sei dafür verantwortlich, dass das zur
Züchtigung in den Sack geschnürte Kind im August 1988 starb. Laut
Anklage sah die Frau den Jungen als vom Bösen besessen an. Sie habe
ihn deswegen töten wollen. Die Anwälte der Frau weisen den
Mordvorwurf zurück.

Im Prozess sagte am Mittwoch auch ein 57-jähriger Mann aus, der als
Pflegekind bei der Angeklagten lebte, damals noch in Südhessen. Es
sei die «Hölle» gewesen: «Wir sind geschlagen und misshandelt worde
n
- im Namen Gottes.» Diese Äußerungen decken sich mit anderen
Zeugenaussagen, in denen Gewalt und Misshandlungen im Haus der
Angeklagten wiederholt zur Sprache kamen.