Endlich Ruhe? - Was Corona mit unserem Schlaf macht Von Christina Sticht, dpa

19.06.2020 04:00

Wer jede Nacht wach liegt, ist tagsüber ständig übermüdet und
unkonzentriert. Chronische Schlafstörungen können darüber hinaus
Krankheiten auslösen. In der Corona-Krise sind vor allem gestresste
Menschen betroffen.

Hannover (dpa) - Die Corona-Pandemie durchdringt alle Lebensbereiche
und macht auch vor dem Schlafzimmer nicht halt. Als das öffentliche
Leben heruntergefahren wurde, fiel sofort die Stille auf: Kein
Verkehrslärm mehr an zuvor stark befahrenen Straßen, keine startenden
Flugzeuge in Airport-Nähe. Führt diese Ruhe zu einem besseren Schlaf?
Oder verursacht die Corona-Krise Stress und damit Schlafstörungen?
Erste Studienergebnisse sowie Daten von Energieversorgern zum Strom-
und Wasserverbrauch weisen darauf hin, dass viele Menschen seit Mitte
März morgens etwas länger im Bett bleiben.

Der Schlaf-Wach-Rhythmus orientierte sich zwischen Ende März und Ende
April eher an unserer inneren biologischen Uhr als an sozialen
Erfordernissen wie Arbeitszeiten, fanden Forschende der Universität
Basel heraus. 75 Prozent der überwiegend weiblichen Befragten
berichteten, bis zu rund 50 Minuten länger zu schlafen als vor den
Einschränkungen. «Es gab aber auch negative Veränderungen», sagt
Studienleiterin Christine Blume. So hätten 45 Prozent eine
schlechtere Schlafqualität angegeben. «Diejenigen, die sich stärker
belastet fühlen, schlafen schlechter und kürzer.»

Einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker
Krankenkasse zufolge schläft jeder Zehnte in der Corona-Pandemie
schlechter, unter den coronabedingt Gestressten sogar jeder Vierte.
Berichte über Schlafen in Corona-Zeiten finden sich auch in den
sozialen Netzwerken: Unter den Hashtags #coronaträume oder
#coronadreams schildern Nutzer ihre Träume von vergessenen
Schutzmasken und andere Alpträume.

Bewegung unter freiem Himmel könne einer Verschlechterung der
Schlafqualität entgegen wirken, sagt die Schweizer Psychologin Blume.
Darauf habe die Online-Umfrage der Uni Basel Hinweise gegeben.
Allerdings helfen Sport und frische Luft nicht allein, wenn sich Ein-
und Durchschlafprobleme verfestigt haben. Laut Robert Koch-Institut
klagt ein Viertel der Bevölkerung über Schlafstörungen, elf Prozent
erleben ihren Schlaf als häufig nicht erholsam. «Es ist eine
Volkskrankheit, die sehr oft verharmlost und nicht angemessen
behandelt wird», sagt Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der
Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM).

Eigentlich sei eine kognitive Verhaltenstherapie in vielen Fällen das
Mittel der Wahl, stattdessen würden Pillen geschluckt. Weeß zufolge
können zwischen 1,1 und 1,9 Millionen Menschen ohne Schlafmittel
nicht mehr schlafen. «Das ist eine Abhängigkeit auf Rezept», sagt der

Leiter des Schafzentrums in Klingenmünster (Rheinland-Pfalz). Der
Aktionstag Schlaf am 21. Juni soll auf die Bedeutung eines erholsamen
Schlafes aufmerksam machen.

Weeß befürchtet, dass die Corona-Krise noch mehr Patienten mit
Schlafstörungen hervorbringt. Ihre Zahl war in den vergangenen Jahren
laut dem Gesundheitsreport 2019 der Barmer Krankenkasse deutlich
gestiegen. Arbeitslosigkeit sowie ein geringes Einkommen seien
Risikofaktoren, sagt der Psychotherapeut und Buchautor Weeß. «Wenn es
nicht gelingt, die Grübeleien zu stoppen und sich von Alltagssorgen
zu entlasten, dann ist die Schlafstörung vorprogrammiert.»

Viele der rund 300 von der DGSM akkreditierten Schlaflabore blieben
coronabedingt über Wochen geschlossen, zum Beispiel im Siloah
Krankenhaus in Hannover. «Die Schließung war notwendig, da die
Hygienekonzepte dies erfordert haben und da wir parallel auch mit der
Behandlung der Covid-19-Patienten ausgelastet waren», berichtet
Thomas Fühner, Chefarzt der Klinik für Pneumologie, Intensiv- und
Schlafmedizin. Nach der Wiedereröffnung habe man zunächst dringliche
Fälle wie Lkw-Fahrer oder Lokführer behandelt, inzwischen laufe der
Betrieb wieder normal.

Laut Barmer-Report sind von Ein- und Durchschlafstörungen besonders
im Schichtdienst Tätige betroffen wie Straßenbahn- und Busfahrer,
Wachdienstpersonal, Call-Center-Beschäftigte und Altenpflegekräfte.
Fehlender Schlaf erhöht das Unfallrisiko und kann über Jahre hinweg
zum Beispiel Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen sowie
psychische Leiden nach sich ziehen. Es wird sogar ein erhöhtes
Demenzrisiko vermutet. «Wir sind eine chronisch schlaflose
Gesellschaft», sagt Weeß. «80 Prozent der Menschen stehen mit dem
Wecker auf. Sie beenden das wichtigste Regenerations- und
Reparaturprogramm des Körpers vorzeitig.»

Der Schlafforscher hofft darauf, dass die Bedeutung des Schlafes in
der Arbeitswelt sowie in Schulen und Universitäten einen höheren
Stellenwert erhält. «Schlaf ist die beste Medizin, gerade in
Corona-Zeiten», sagt er. «Auch das Immunsystem wird im Schlaf
gestärkt.»