Zahl der Virusfälle in China steigt weiter rasant auf fast 64 000

14.02.2020 04:31

Fast 1400 Menschen sind in China an dem Virus gestorben. Mit der
neuen Einstufung der Fälle gibt es wieder einen sprunghaften Anstieg
der Infektionen. Was kann bei der Rückreisewelle nach den
Neujahrsferien in China passieren?

Peking (dpa) - Nach der neuen Zählweise der Virusfälle in China ist
die Zahl der bestätigten Ansteckungen erneut stark gestiegen. Allein
in der schwer betroffenen Provinz Hubei in Zentralchina kamen
innerhalb eines Tages 4823 nachgewiesene Infektionen hinzu, wie die
Gesundheitskommission der Provinz laut Staatsfernsehen am Freitag
berichtete. Damit steigt die Zahl landesweit auf fast 64 000. In
Hubei starben allein 116 Patienten an der Krankheit. Damit sind
landesweit fast 1400 Tote zu beklagen. Experten betrachten aber auch
die neuen Zahlen mit Vorsicht und befürchten eine hohe Dunkelziffer.

Die neu vorgelegte Statistik sorgte zunächst auch für Verwirrung. So
zog die nationale Gesundheitskommission nach eigenen Angaben Fälle
vom Vortag wieder aus der landesweiten Gesamtstatistik ab, weil sie
Zahlen aus Hubei doppelt gezählt habe. Schon am Vortag hatte es
Aufregung gegeben, weil die Zahl der neu bestätigten Infektionen
dramatisch um 15 000 angestiegen war. Ursache war die neue Zählweise,
indem auch die klinischen Diagnosen der Covid-19 genannten
Lungenkrankheit aus den vergangenen Wochen mitgerechnet wurden.

Da mithilfe der DNA-Tests im Labor häufig die Infektion nicht
festgestellt werden können, werden jetzt auch die Fälle mitgerechnet,
bei denen Ärzte eine Lungenentzündung, Fieber, Atemprobleme und
andere typische Covid-19-Symptome festgestellt haben und somit auch
ohne Labortest zu einer Diagnose der Infektion kommen.

Bei den 4823 neuen Infektionen mit dem Sars-CoV-2 genannten Virus am
Freitag in Hubei wurden auch 3095 solche Fälle mit nur klinischen
Diagnosen mitgerechnet, wie die Gesundheitskommission der Provinz
berichtete. Die neue Zählweise wird allerdings nur in Hubei, nicht im
Rest des Landes angewandt. Damit sollen die Patienten schneller
angemessen behandelt und die weitere Ausbreitung des Virus wirksamer
verhindert werden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) begrüßte das neue Vorgehen. Es
erlaube, Betroffene in Hubei schneller zu isolieren und zu behandeln
und Kontaktpersonen früher unter Beobachtung zu stellen. Da die
Krankenhäuser in Hubei und ihr medizinisches Personal durch die hohe
Zahl der Patienten völlig überfordert sind, wurden bereits mehr als
21 000 medizinische Fachkräfte aus anderen Teilen des Landes in die
Krisenregion entsandt, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.

Mit der Rückreisewelle von zig Millionen Chinesen, die nach den wegen
der Epidemie verlängerten Neujahrsferien wieder aus ihren
Heimatdörfern zu ihren Arbeitsplätzen zurückreisen, wachsen Sorgen
über eine weitere Ausbreitung des Virus. Bei einem Mitglied der
Reinigungskräfte in einem Hochgeschwindigkeitszug wurde nach
chinesischen Presseberichten eine Infektion festgestellt, was
Befürchtungen über Ansteckungen im Zug auslöste.

Außerhalb von Festland-China sind in mehr als zwei Dutzend Ländern
rund 580 Fälle bestätigt, die meisten in Japan. Dort gab es eine
Anhäufung von mehr als 200 Fällen auf dem vor Yokohama liegenden
Kreuzfahrtschiff «Diamond Princess». Asiatische Länder zögern
deswegen, Kreuzfahrtschiffe in ihre Häfen einlaufen zu lassen. So
konnte zuletzt die «Aidavita» mit rund 1100 Passagieren zumeist aus
Deutschland und 400 Crew-Mitgliedern nicht wie geplant in Vietnam
anlegen. Die Reederei betonte, es gebe keine Virusfälle an Bord. Auch
habe das Schiff keinen chinesischen Hafen angelaufen.

In Deutschland sind 16 Infektionen festgestellt worden. Der erste
Patient konnte am Donnerstag eine bayerische Klinik als geheilt
verlassen. In Bayern werden derzeit noch 13 Infizierte behandelt, die
allesamt in Zusammenhang mit dem Autozulieferer Webasto stehen. Dort
hatte eine chinesische Mitarbeiterin das Virus eingeschleppt. Zwei
infizierte Wuhan-Rückkehrer sind zudem in der Frankfurter Uniklinik
untergebracht, sagte ein Kliniksprecher.

Neben den Infizierten stehen in Deutschland noch weit mehr als 100
Menschen unter Quarantäne. Derzeit harren 122 Menschen in einer
Kaserne im pfälzischen Germersheim aus, die Anfang Februar aus der
schwer heimgesuchten chinesischen Stadt Wuhan geholt worden waren.
Wann ihre Quarantäne aufgehoben wird, soll am Sonntag entschieden
werden. In Berlin sind rund 20 weitere Wuhan-Rückkehrer isoliert.
Auch ein zweiter Test hatte bei ihnen keine Infektionen gezeigt.

Die Folgen des Covid-19-Ausbruchs für Deutschland sind schwer
abzuschätzen. «Wir sind momentan nicht in der Lage, die Dynamik des
Ausbruchs zu prognostizieren», sagte der Präsident des Robert
Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Donnerstag in Berlin. Der
Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sagte, der
Erreger Sars-CoV-2 vermehre sich wie das Grippevirus im Rachen, was
es ansteckender mache als anfangs vermutet. Jeder sollte sich Wissen
über die Erkrankung aneignen und sich etwa frage, wie Menschen mit
Grunderkrankungen in der Familie geschützt werden könnten.

In China liege die aus der Statistik abzulesende Sterberate bei etwa
zwei Prozent, außerhalb davon bei 0,2 Prozent, sagte Wieler.
Besondere Risikogruppe seien ältere Patienten.