Wieder schwanger mit erstem Kind - zweiter Anlauf nach Fehlgeburt Von Carlotta Sauer, dpa

12.02.2020 04:30

Die unbändige Freude darüber, ein Kind in sich zu tragen - und die
Trauer, es vor der Geburt zu verlieren: Manche Frauen erleben beides.
Eine Betroffene erzählt ihre Geschichte, um anderen Mut zu machen.

Würzburg (dpa) - Mit beiden Händen drückt die Hebamme in den
gewölbten Bauch und tastet die Bauchdecke ab. Dann legt sie ihre
Hände aneinander und formt eine Halbkugel. «Das ist schon eine
Handvoll Baby», beschreibt die Geburtshelferin die Größe des
ungeborenen Kindes. «Wahnsinn», sagt die Mutter. Mehr Worte bringt
die 39-Jährige aus der Region Würzburg in diesem Moment nicht heraus.
Sie weiß, dass das ein Schritt in die richtige Richtung ist, dass ihr
erstes Kind niemals so groß war. Aber ist auch ein Herzton zu hören?

Eineinhalb Jahre zuvor: Die Frau, die nicht namentlich genannt werden
will, ist das erste Mal schwanger - mit einem «ungeplanten
Wunschkind». Intuitiv weiß sie, dass sie ein Kind erwartet, die
Frauenärztin bestätigt die Vermutung. Die Freude bei ihr und ihrem
Mann ist groß. Doch bei der zweiten Untersuchung kann die
Frauenärztin keinen Herzton feststellen: Das Kind ist tot.

Fehlgeburten sind keine Seltenheit - aber gesprochen wird darüber
wenig. Der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, Christian
Albring, geht davon aus, dass in Deutschland knapp ein Drittel aller
Schwangerschaften bis zum dritten Monat durch Fehlgeburten beendet
werden. «Danach enden bei jüngeren Frauen nur noch weniger als zehn
Prozent, bevor das Kind reif genug ist zum Überleben. Bei Frauen über
35 steigt das Fehlgeburtsrisiko jedoch an», sagt der Gynäkologe.

Zu den sogenannten Risikoschwangerschaften über 35 Jahren zählt auch
die Unterfränkin. Sie sagt, sie hätte gerne einfach gewartet, bis ihr
Körper das Kind natürlich abgestoßen hätte. Aber als ihre Fruchtbla
se
platzt, rät ihre Frauenärztin dringend zu einer Ausschabung der
Gebärmutter. In der zehnten Schwangerschaftswoche wird der Drogistin
ihr toter Fötus operativ entfernt. «Ich hatte das Gefühl, dass da
mein Kind das zweite Mal gestorben ist», sagt sie.

Danach sieht sie überall Kinder - auf der Straße, im Wartezimmer, bei
Freunden. Laut Albring wird die Trauerbewältigung leichter, wenn das
Paar schon Kinder hat. Sei dies nicht der Fall und zu dem Kind schon
eine Beziehung aufgebaut worden, sei der Prozess besonders schwer.

Die Mutter und ihr Mann hatten schon einen Namen für das ungeborene
Kind. Während er im Stillen trauert, sucht sie nach einer Lösung -
psychologische Hilfe wurde ihr weder von ihrer Frauenärztin noch in
der Klinik nach der Ausschabung angeboten. Die heute 39-Jährige
findet Halt durch ein Armband: «Für immer in meinem Herzen» steht auf

dem Lederband, an dem drei silberne Anhänger hängen.

Sie tragen die Namen der Eltern und des ungeborenen Babys. Das habe
sie damals viel getragen, sagt die Frau. «Ich brauchte etwas, das mir
gezeigt hat, dass er existiert hat.» Bei diesen Worten treten Tränen
in ihre Augen, ihre Stimme bricht. Auch später werde sie ihrem Kind
erzählen, dass es schon eines vor ihm gab. Sie legt die Hände auf
ihren Bauch. Im April soll das Kind zur Welt kommen.

Im Würzburger Geburtshaus kümmert sich ein Dutzend Hebammen um
Schwangere, die in zwei Räumen auch ihre Kinder zur Welt bringen
können. An einem Holztisch in der Mitte des Raumes sitzt die Mutter
ihrer Hebamme gegenüber. Sie beantwortet Fragen zur Geburt und klärt
über weitere Untersuchungen auf. Konzentriert hört die 39-Jährige zu.

Wenn sie von dem Baby in ihrem Bauch erzählt, lächelt sie: «Im Moment

fühle ich immer so ein Flattern und Blubbern, wie Seifenblasen.»

Dieses Glück haben sie und ihr Mann - anders als bei der ersten
Schwangerschaft - lange geheim gehalten. Als der Schwangerschaftstest
positiv ist, sind beide überglücklich. Aber die Frau zögert den
ersten Arzttermin hinaus. An ihr Kind wollte sie zuerst niemanden
heranlassen, es sollte wie in einem Kokon heranwachsen.

Mit der neuen Schwangerschaft kommt nicht nur die Hoffnung zurück, es
ist auch eine Rückkehr zu dem Zählen in Wochen. Die zehnte Woche, in
der sie ihr erstes Kind verloren hat, versucht sie zu ignorieren, wie
sie schildert. Danach wird es besser. Erst im fünften Monat erzählt
das Paar von der Schwangerschaft. Das Ungeborene ist gut gewachsen,
das Vertrauen kehrt zurück. Erst jetzt beginnt die werdende Mutter,
Kinderwagen, Kleidung und Möbel auszusuchen.

Auch die Termine im Geburtshaus sind eine gewisse Rückkehr, hier war
die Frau schon für ihre erste Schwangerschaft angemeldet. Die Hebamme
möchte nun überprüfen, wie es dem Kind geht. Angespannt schiebt die
Mutter ihren Pullover nach oben. Das Klacken des Messgeräts zeigt:
Das Herz schlägt.