Antibiotika-Engpässe möglich - Zwei neue Coronavirus-Fälle in Bayern

11.02.2020 20:52

Wie viele Menschen sich in China tatsächlich schon mit dem neuen
Coronavirus infiziert haben, ist kaum abschätzbar. Zu den Folgen
gehört, dass Engpässe bei Antibiotika drohen könnten. In Deutschland

wurden am Abend zwei weitere Infektionen mit dem Coronavirus bekannt.

Peking/München (dpa) - In Deutschland ist die Zahl der bestätigten
Coronavirus-Fälle um 2 auf 16 gestiegen. Die beiden Neuerkrankungen
stehen im Zusammenhang mit dem Automobilzulieferer aus Stockdorf bei
München, bei dem vor über zwei Wochen bundesweit erstmals eine
Infektion mit der neuen Lungenkrankheit gemeldet wurde. Das
berichtete das bayerische Gesundheitsministerium am Dienstagabend in
München. Einzelheiten zu den neuen Fällen wollte das Ministerium am
Mittwoch bekanntgeben. Am Abend gab es zudem widersprüchliche
Informationen zur Zählweise der Infektionen in China.

Alle nun insgesamt 14 bestätigten Coronavirusfälle in Bayern stehen
in Zusammenhang mit dem Automobilzulieferer Webasto. Dort war eine
chinesische Kollegin zu Gast, die wenig später zurück in ihre Heimat
flog, wo ihre Infektion nachgewiesen wurde. In Deutschland wurde das
Virus zudem bei zwei am 1. Februar von China nach Frankfurt/Main
ausgeflogenen Menschen nachgewiesen. Am Mittwoch will der Bundestag
über die Vorbeugemaßnahmen gegen das Virus beraten.

Produktionsausfälle in China wegen des neuen Erregers könnten
Pharmaexperten zufolge zu Antibiotika-Engpässen in Deutschland
führen. Da die Herstellung von Wirkstoffen in der stark betroffenen
Provinz Hubei stillstehe, schwänden die Lagervorräte für die
Weiterverarbeitung, sagte Morris Hosseini, Pharmaexperte bei der
Beratungsgesellschaft Roland Berger. Erschwerend komme hinzu, dass
mit dem chinesischen Neujahrsfest die Produktion ohnehin ruhte.
Kurzfristig reichten die Bestände noch aus, doch bei einem
längerfristigen Stopp in den chinesischen Werken drohten
Lieferengpässe.

Weltweit sei die Pharmabranche in der Wirkstoff-Produktion abhängig
von China, sagte Hosseini. «Wenn sich die Situation in den
chinesischen Produktionsstätten mittelfristig nicht entspannt, wird
sich die Lage in Europa zuspitzen.» Behörden sehen noch keinen Grund
zur Sorge. Es lägen «bislang keine Hinweise vor, dass es aufgrund des
Coronavirus zu kurzfristigen Liefer- oder Versorgungsengpässen kommen
wird», teilte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
in Bonn mit.

Die neue Lungenerkrankung bekam am Dienstag einen eigenen Namen. Sie
werde nun Covid-19 genannt, sagte der Chef der
Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus. Covid
steht für «COrona VIrus Disease». Zugleich erhielt auch das zunächs
t
vorläufig 2019-nCoV genannte neue Coronavirus eine eigene
Bezeichnung: Sars-CoV-2. Dessen Namensgeber, ein Team des
Internationalen Komitees zur Taxonomie von Viren bezieht sich mit dem
Namen Sars-CoV-2 auf die sehr enge Verwandtschaft zum Sars-Virus
(Sars-CoV), an dem 2002/2003 Hunderte Menschen gestorben waren. Die
Viren sind Experten zufolge Varianten ein und derselben Virusart.

Aus Sorge vor dem neuen Virus kann in Asien ein aus Hongkong
kommendes Kreuzfahrtschiff nicht andocken - obwohl keine Fälle an
Bord bekannt sind. Thailands Gesundheitsminister Anutin Charnvirakul
erklärte bei Facebook, er habe untersagen lassen, dass die
«Westerdam» festmacht. Zuvor hatten dies schon Taiwan und Japan
verweigert, wie die Reederei Holland America Line schilderte. An Bord
sind demnach rund 1500 Gäste und 800 Besatzungsmitglieder. Darunter
seien einige Deutsche, hieß es am Dienstag aus dem Auswärtigen Amt.

Das Virus hat in China inzwischen mehr als 1000 Menschen das Leben
gekostet. 108 neue Todesfälle wurden erfasst - so viele wie nie zuvor
binnen einem Tag. Nachweislich infiziert haben sich nach der
offiziellen Statistik bisher gut 42 600 Menschen, knapp 2500 mehr als
noch am Vortag.

Allerdings zählt die zuständige chinesische Gesundheitskommission
Menschen, bei denen das Virus mit einem Test nachgewiesen wurde, die
aber keine Symptome der Lungenkrankheit zeigen, schon seit einigen
Tagen nicht mehr mit - ein Vorgehen, dass klar der Definition der
Weltgesundheitsorganisation widerspricht. Die WHO betrachtet jemanden
als nachweislich infiziert, wenn das Virus durch ein Labor bestätigt
wurde - «ungeachtet klinischer Zeichen oder Symptome». Die WHO selbst
hatte zunächst keine Kenntnis von einer derartigen Änderung der
Statistik. Vielmehr sei die Definition, welche Fälle gezählt werden,
nach ihren Informationen erweitert worden, sagte WHO-Expertin Sylvie
Briand in Genf.

Generell dürfte die Dunkelziffer nicht erfasster Fälle in China
immens sein. «Wir sehen nicht den echten täglichen Anstieg, sondern
die tägliche Obergrenze in der Fähigkeit, neue Fälle zu
identifizieren», erklärte der Coronavirus-Experte Christian Drosten
von der Berliner Charité. Es könne sein, dass das Hindernis im
Meldesystem die Testung ist, es könne aber auch etwas anderes sein.
«Ich gebe inzwischen nichts mehr auf diese Zahlen.»

Vor dem Hintergrund von Vorwürfen über eine zu langsame Reaktion der
Behörden auf den Ausbruch, der im Dezember in Zentralchina begann,
gab es personelle Konsequenzen: Wie Chinas Staatsfernsehen
berichtete, wurden die Chefs der Gesundheitskommission in der
besonders schwer betroffenen Provinz Hubei entlassen. Von neuer
Offenheit im Umgang mit der Epidemie lässt sich aber weiter nicht
reden. So setzte die Polizei zwei chinesische «Bürgerjournalisten»
fest, die im Internet über die überfüllten Krankenhäuser in der sta
rk
betroffenen Millionenstadt Wuhan berichtet hatten.

Wie die Organisation Human Rights Watch (HRW) unter Verweis auf
Familie und Freunde berichtete, hatten Polizisten den Anwalt Chen
Qiushi und den Blogger Fang Bin «unter dem Vorwand der Quarantäne
abgeholt». Seither seien beide nicht mehr über ihr Handy erreichbar,
was in Isolation möglich sein müsste. Die Videos von Fang Bin, der
auch Leichensäcke gefilmt hatte, waren um die Welt gegangen. Chen
Qiushi schilderte in einem Video: «Es gibt nicht genug
Gesichtsmasken, nicht genug Schutzanzüge, nicht genug Material und
was noch wichtiger ist, nicht genug Tests.»

Nach Ansicht des Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei
im Europaparlament, Manfred Weber, fehlt der EU ein gemeinsames
Vorgehen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Die EU hat bei der
Reaktion auf das Coronavirus generell nur wenig Kompetenz, diese
liegt primär bei den Mitgliedsstaaten selbst. Die Gesundheitsminister
werden am Donnerstag zu einem Sondertreffen in Brüssel erwartet.