Ein Held stirbt - jetzt wird das Virus auch Präsident Xi gefährlich Von Andreas Landwehr, dpa

07.02.2020 14:25

Vertuscht, versäumt, verwarnt: «Unzulänglichkeiten» im System haben

dazu beigetragen, dass die Epidemie mit dem Coronavirus ein derart
großes Ausmaß angenommen hat. Ganz China trauert um einen Arzt.

Wuhan (dpa) - «Hoffentlich ist der Himmel frei von Viren - und
Ermahnungen», lautet ein Kommentar zum Tod des chinesischen Arztes Li
Wenliang in sozialen Medien. Der 34-Jährige ist der Held des Volkes.
Er hatte schon Ende Dezember vor einer Häufung von Infektionen mit
einem gefährlichen Virus gewarnt, das offenbar von einem Markt mit
Wildtieren in der Millionenstadt Wuhan kam. Doch die Polizei
verwarnte ihn und andere Mediziner wegen der Verbreitung von
«Gerüchten». Sie mussten unterschreiben, dass sie nichts mehr über

den Ausbruch enthüllen.

Wenige Tage später infizierte sich der Augenarzt selbst bei einer
Patientin, die er wegen eines grünen Stars behandelte und die
plötzlich Fieber bekam. Er starb am Donnerstagabend - hinterlässt ein
Kind und seine schwangere Frau. «Wir bedauern seinen Tod zutiefst und
trauern», teilte das Zentralkrankenhaus in Wuhan mit. Sein Schicksal
symbolisiert für viele Chinesen die tragischen Folgen der
anfänglichen Vertuschung und der langsamen Reaktion der Behörden -
ohnehin eine chronische Krankheit des kommunistischen Systems.

Der Fall ist politisch hochexplosiv für Staats- und Parteichef Xi
Jinping. Wie sehr, das demonstrierte das Zentralkomitee, indem sofort
am Freitagmorgen ein Ermittlungsteam in die zentralchinesische
Metropole entsandt wurde, um «die Fragen des Volkes» zu den Vorfällen

zu untersuchen. Die Propaganda drehte sofort auf und das
Staatsfernsehen versuchte, die Stimmung im Volk widerzuspiegeln,
indem es Li Wenliang als «einfachen Held» und «ausgezeichneten
Repräsentanten» des medizinischen Berufsstandes lobte.

Seine «Professionalität» und seine «medizinische Ethik» hätten
ihn
veranlasst, in den Anfängen der Epidemie eine vorbeugende Warnung an
die Öffentlichkeit zu bringen. Das Staatsfernsehen feiert ihn als
«Whistleblower», obwohl das kommunistische System sonst niemanden
ermutigt, Probleme oder Missstände zu enthüllen. Doch versucht die
Propaganda damit, die öffentliche Meinung zu steuern.

«Einige der Erfahrungen, die Li Wenliang in seinem Leben gemacht hat,
spiegeln unsere Unzulänglichkeiten und Defizite in der Vorbeugung und
Kontrolle von Epidemien wider», kommentierte das Staatsfernsehen.
«Wir müssen voneinander lernen.» Auch müsse das Krisenmanagement
verbessert werden. Genau so hatte es diese Woche das Politbüro unter
Vorsitz von Xi Jinping schon formuliert. Die Botschaft lautet: Wir
hören euch, wir sind bei euch und kümmern uns um solche Probleme.

Die Propaganda weiß, dass sie den Ärger im Volk einfangen und steuern
muss, weil sich die Empörung sonst gegen das System richten könnte.
Denn die Anteilnahme am Tod des Arztes hat das ganze Land erfasst.
Heldenhaft hatte Li Wenliang noch vom Krankenbett in einem
TV-Interview gesagt, sich nach seiner Genesung wieder in den Kampf
gegen das Virus stürzen zu wollen. «Jetzt, wo sich die Epidemie
weiter ausbreitet, will ich kein Fahnenflüchtiger sein.»

Ein Student erzählte einem Magazin, wie der Arzt am 30. Dezember ihn
und seine Kommilitonen vor einer Rückkehr von Sars gewarnt hatte. Die
Pandemie des Schweren Akuten Atemwegssyndroms hatte 2002/2003 rund
8000 Menschen angesteckt, 774 starben. «Eure Familien müssen der
Vorbeugung mehr Aufmerksamkeit schenken», habe Li Wenliang gemahnt.
Sie hätten die Nachricht nicht über das in China verbreitete
WeChat-Programm verbreitet, weil es von der Polizei überwacht wird.
Aber sie hätten die Mahnung über Mundpropaganda verbreitet. Auch
viele Ärzte hätten sich daraufhin besser vor dem Virus geschützt. «
So
hat er wirklich viele Leute gerettet.»

Li Wenliang war kein Einzelfall. Viele Ärzte wussten Ende Dezember
von der Häufung seltsamer Virusfälle in der schwer betroffenen
Metropole. An diesem Wochenende ist es genau zwei Monate her, das
alles begann: Die erste Ansteckung datierten chinesische Behörden
rückwirkend auf den 8. Dezember. Viele Versäumnisse gerade in den
ersten Wochen haben dazu beigetragen, dass das Virus zu einer ernsten
Bedrohung mit derzeit mehr als 31 000 Fällen in China wurde - und zu
einer «internationalen Notlage» mit bald 300 Fällen in mehr als zwei

Dutzend weiteren Ländern.

So gab es auch früh Hinweise, dass das Virus von Mensch zu Mensch
übertragen wird. Die Ärztin Lu Xiaohong vom Hospital Nr.5 in Wuhan
erfuhr schon am 25. Dezember von dem Verdacht der Infektion von
medizinischem Personal in zwei Krankenhäusern - fast einen Monat
bevor die Behörden erst offiziell davor warnten. In einem Brief an
die Zeitung «Zhongguo Qingnianbao» schreibt Lu Xiaohong: «Mir wurde
klar, dass die Lage schwierig sein könnte.»

Die große Frage war: Wie können sich Ärzte und Pfleger schützen?
«Virale Lungenentzündungen gibt es jedes Jahr, aber ich erfuhr von
Kollegen, dass das Virus diesmal anders war», berichtete Lu Xiaohong.
Da habe sie noch gescherzt, vielleicht sei es an der Zeit, eine
Schutzmaske zu kaufen. «Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr
hatte ich das Gefühl, das etwas nicht stimmt.» Am 2. Januar habe sie
vorgeschlagen, für entsprechende Patienten eine eigene
Fieberabteilung einzurichten und Quarantäne anzuordnen. Die
Krankenhausleitung stimmte zu.

Was aber ein falsches Gefühl der Sicherheit vermittelte und zur
Verwirrung der medizinischen Kräfte beitrug, waren die gleichzeitig
wiederholten Beteuerungen der Gesundheitsbehörden, eine Ansteckung
von Mensch zu Mensch sei nicht nachgewiesen. Genauso wurde
gebetsmühlenartig wiederholt, die Krankheit sei «vermeidbar und
kontrollierbar». Damit war erst am 20. Januar Schluss.

Anfang Januar war aber auch die Zeit des Volkskongresses der 58
Millionen Einwohner zählenden Provinz Hubei. Die jährliche Sitzung
des lokalen Parlaments ist ein feierliches politisches Ritual, zu dem
die Machtelite zusammenkommt. Werden in einem System wie in China
schlechte Nachrichten schon zu gewöhnlichen Zeiten nicht gerne nach
oben berichtet, gilt das für die Zeit dieser Sitzung umso mehr.

Während der Arzt Li Wenliang schon Sauerstoff zum Atmen brauchte,
schrieb ein Richter des Obersten Gerichts Ende Januar in seltener
Offenheit einen Kommentar zu dessen Ehrenrettung: Die Epidemie wäre
leichter in den Griff zu bekommen gewesen, «wenn die Öffentlichkeit
den «Gerüchten» damals geglaubt und ... angefangen hätte, Masken zu

tragen, streng zu desinfizieren und den Wildtiermarkt zu meiden.»