Frau von Infiziertem in Deutschland angesteckt - Fälle steigen rasch

06.02.2020 23:31

Mehr als 28 000 Menschen sind in China schon mit dem Coronavirus
infiziert. Am Abend gab es widersprüchliche Angaben zu einem Arzt,
der früh vor dem Virus gewarnt hatte. Die Bundesregierung will
weitere Deutsche aus China zurückholen.

Peking/München (dpa) - In Deutschland hat sich die Frau eines
Infizierten mit dem Coronavirus angesteckt. Damit ist die Gesamtzahl
der Virennachweise auf 13 gestiegen - 11 im Zusammenhang mit der
bayerischen Firma Webasto und zwei bei Rückkehrern aus China. Die
Bundesregierung plant, weitere Deutsche aus China zurückzuholen.

Der jüngste Virennachweis in Deutschland stammt von der 38-jährigen
Frau eines der Patienten aus Bayern, wie das bayerische
Gesundheitsministerium am Donnerstag mitteilte. In den vergangenen
Tagen war bereits bekannt geworden, dass sich auch zwei Kinder des
Paares angesteckt haben. Bei dem dritten Kind des Paares, einem
Säugling, sei das Virus bisher nicht nachgewiesen worden, sagte der
medizinische Direktor der Kliniken der Südostbayern AG, Stefan Paech.

Die ganze Familie ist im Trostberger Klinikum der Südostbayern AG in
Quarantäne. Sie wollte dem Vernehmen nach auch auf eigenen Wunsch
zusammenbleiben. «Wir sind von vorneherein davon ausgegangen, dass
die Familie insgesamt schon infiziert war», sagte Paech. Das
bestätigten nun die Befunde, die Stück für Stück eingingen. Dass di
e
Mutter erst jetzt positiv getestet worden sei, liege daran, dass die
Reaktionszeit unterschiedlich sei.

Man habe entschieden, auch den Säugling bei der Familie zu lassen,
zumal die Verläufe gerade in diesem Alter sehr milde seien, sagte
Paech. Es habe eine Abwägung gegeben: «Kindstrennung versus dem
möglichen Risiko eines milden klinischen Verlaufes. Da haben wir uns
in Abstimmung mit den Kinderärzten so entschieden, und es hat sich
bestätigt, dass das die richtige Vorgehensweise war.» Der Familie
gehe es den Umständen entsprechend gut, wenngleich die Situation der
Quarantäne belastend sei. Die zwei älteren Kinder des Paares hatten
laut Paech nur leichte Symptome. Der gesundheitliche Zustand des
Vaters sei stabil. Er werde mit antiviralen Medikamenten behandelt.

Bisher stehen alle Coronafälle in Bayern im Zusammenhang mit Webasto.
Dort hatte sich ein Mitarbeiter bei einer chinesischen Kollegin
angesteckt, die kurz darauf wieder nach China flog. Auch der deutsche
Corona-Patient auf der spanischen Insel La Gomera hatte Kontakt mit
einem Webasto-Mitarbeiter, wie das Landesamt für Gesundheit und
Lebensmittelsicherheit (LGL) mitteilte.

Deutschlandweit gibt es derzeit neben den elf Fällen in Bayern noch
zwei weitere Menschen, bei denen das Virus nachgewiesen wurde. Beide
waren getestet worden, nachdem sie am vergangenen Wochenende zusammen
mit mehr als 120 weiteren Passagieren aus der Millionenstadt Wuhan
nach Deutschland geholt worden waren.

Die Bundesregierung will weitere deutsche Staatsbürger und ihre
Angehörigen aus Wuhan zurückholen. Entsprechende Informationen des
«Spiegel» bestätigte das Auswärtige Amt der Deutschen Presse-Agentu
r.
Laut «Spiegel» befinden sich in der Region noch rund 20 Deutsche.
Möglicherweise sollen sie in einer Maschine mitreisen, die am
Wochenende eine größere Gruppe von britischen Staatsbürgern
ausfliegen soll. Auch für die Neuankömmlinge aus China würde eine
14-tägige Quarantäne gelten. Sie sollen nach Informationen des
«Spiegel» in einer Klinik in Berlin-Köpenick untergebracht werden.

Außerhalb von Festland-China sind inzwischen in rund zwei Dutzend
Ländern etwa 240 Infektionen bestätigt. In Hongkong und auf den
Philippinen waren zwei Tote zu beklagen. Die Zahl der Toten in China
stieg noch einmal schneller als bisher. Innerhalb eines Tages starben
bis Donnerstag 73 weitere Menschen, wie die chinesische
Gesundheitskommission berichtete. Damit stieg die Zahl der Toten in
China auf 563. Die bestätigten Infektionen mit der Lungenkrankheit
kletterten auch stark um 3694 auf 28 018 Fälle. Die Kommission sprach
von mehr als 24 000 Verdachtsfällen. Da die Ansteckung von Mensch zu
Mensch anfangs nicht bekannt war, haben sich in China in den ersten
Wochen auch viele Ärzte und Pfleger infiziert.

Ein prominentes Oper wurde am Donnerstagabend der Augenarzt Li
Wenliang, der bereits am 30. Dezember 2019 vor dem Virus gewarnt
hatte. Nachdem erste chinesische Medienmeldungen über seinen Tod noch
dementiert wurden, bestätigte das Wuhan Central Hospital in der Nacht
chinesischen Medien die Todesnachricht. Li Wenliang und sieben
weitere Teilnehmer einer Medizinergruppe waren nach ihrer Warnung
zunächst von der Polizei vorgeladen und verwarnt worden und mussten
unterschreiben, dass sie nichts mehr über den Ausbruch enthüllen.

Zur Behandlung von Erkrankten haben chinesische Behörden das
Anti-Virus-Medikament Remdesivir für klinische Versuche mit dem neuen
Coronavirus zugelassen, wie Xinhua berichtete. Die erste Gruppe von
Patienten sollte das Medikament am Donnerstag nehmen. Es habe gute
Ergebnisse bei anderen Coronaviren wie Sars oder Mers und zumindest
auf Zellebene auch bei dem neuen Virus 2019-nCov gezeigt. 761
Patienten nähmen an den Tests teil.

Der Verlauf der Coronavirus-Epidemie ist aus Sicht der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) schwer vorherzusagen. Außerhalb
der besonders betroffenen Gebiete in China scheine die Lage im Moment
allerdings relativ stabil zu sein, sagte WHO-Experte Michael Ryan in
Genf.

Den Menschen in Wuhan dankte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom
Ghebreyesus für ihre Kooperation zum Wohle der Menschheit. «Wir
stecken zusammen in dieser Sache. Wir sind ein Menschengeschlecht und
ich weiß, dass wir dieses Virus besiegen werden.» Laut WHO-Chef sind
die ersten finanziellen Spenden für die insgesamt 675 Millionen
Dollar (613 Millionen Euro) zugesagt, die gebraucht werden, damit
sich auch ärmere Ländern auf einen möglichen Ausbruch der Epidemie
vorbereiten können.

Die weltweit führenden Experten zum Coronavirus werden sich am
nächsten Dienstag und Mittwoch in Genf treffen. Sie sollen alle
Erkenntnisse zur neuen Lungenkrankheit zusammentragen.