Vergiftete Babys - Uniklinik Ulm zieht erste Konsequenzen Von Tatjana Bojic, dpa

06.02.2020 12:00

Das Landeskriminalamt reagierte zu schnell, die Uni-Klinik nicht
schnell genug im Fall der mit Morphium vergifteten fünf Säuglinge in
Ulm. Wer die Frühchen aber fast getötet hätte, ist weiter unklar.

Ulm (dpa) - Vor knapp sechs Wochen sind in der Uniklinik in Ulm
(Baden-Württemberg) fünf Säuglinge mit Morphium vergiftet worden -
nun zieht die Klinikleitung erste Konsequenzen. Zum Schutz von
Patienten in der Kinderklinik gibt es künftig unter anderem
routinemäßige Analysen von Urinproben mit ungewöhnlichem Verlauf.
Dazu gehören eine Drogenuntersuchung sowie eine verschärfte Kontrolle
des Zugangs zu Betäubungsmitteln - über die gesetzlichen Vorgaben
hinaus, wie eine Kliniksprecherin am Donnerstag mitteilte. Die fünf
Babys waren in der Nacht auf den 20. Dezember in lebensbedrohlichem
Zustand auf die Intensivstation gekommen. Das Ergebnis von Urinproben
lag erst Wochen später vor - und ergab Morphinvergiftungen bei allen
fünf.

Nachdem eine zunächst dringend tatverdächtige Krankenschwester wieder
aus der U-Haft entlassen wurde, wird nun wieder gegen alle sechs
Mitarbeiterinnen jener Nachtschicht ermittelt.

Das Landeskriminalamt (LKA) hatte am Dienstag mitgeteilt, dass das
Morphium, das vermeintlich in einer Spritze mit Muttermilch im Spind
der Krankenschwester gefunden wurde, aus einem Lösungsmittel des
Kriminaltechnischen Instituts des LKA stammte. Das LKA hatte dieses
falsche Zwischenergebnis der Polizei übereilt und ohne
Vergleichsprobe weitergeleitet, was zur Verhaftung der
Krankenschwester führte. Dieses Missgeschick hat im LKA noch zu
keinem Nachspiel geführt. «Zu weiteren und zusätzlichen
qualitätssichernden Maßnahmen in Folge dieses Vorgangs können aktuell

noch keine Aussagen getroffen werden», sagte ein LKA-Sprecher.

In der Kinderklinik soll nach den Angaben der Sprecherin außerdem der
Zugang zu den Milchküchen beschränkt werden. Um Kontaminationen zu
vermeiden, werden alle Milchfläschchen und Milchspritzen verplombt
und die Streifen des Sicherheitsdienstes intensiviert.

Das Universitätsklinikum gab außerdem an, dass die Ergebnisse der
Urinuntersuchung der Babys im internen Klinik-Informationssystem am
15. Januar abgerufen wurden - also fast vier Wochen nach der
Vergiftung der Kinder. Die Antwort der Rechtsmedizin lag dort schon
seit dem 8. Januar vor. «Wir bedauern mit Blick auf die erst im
Nachhinein erkennbare möglicherweise strafrechtliche Relevanz der
Ergebnisse der von uns beauftragten, zusätzlichen Laboruntersuchungen
die einwöchige Verzögerung der Kenntnisnahme», hieß es in einer
Stellungnahme der Klinik. Dies sei für die erfolgreiche Behandlung
der Kinder aber ohne Bedeutung gewesen.

Die Staatsanwaltschaft geht von einer vorsätzlichen Tat aus. Alle
sechs Klinik-Mitarbeiterinnen, die am 20. Dezember Nachtschicht
hatten, wurden von der Universitätsklinik vorläufig freigestellt. Sie
bestreiten die Tatvorwürfe. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem
Anfangsverdacht wegen versuchten Totschlags und gefährlicher
Körperverletzung.