Coronavirus trifft Konjunktur in einer Schwächephase Von Friederike Marx, dpa

04.02.2020 14:35

Das Coronavirus breitet sich immer schneller in der zweitgrößten
Volkswirtschaft der Welt aus. Die Maßnahmen Pekings sind drastisch.
Das könnte die Weltwirtschaft und damit auch die deutsche Konjunktur
empfindlich treffen.

Frankfurt/Main (dpa) - Airlines fliegen nicht mehr nach China, die
Bänder von VW und BMW in dem Land stehen derzeit still, Apple
schließt dort vorübergehend seine Geschäfte: Die Sorge vor den
wirtschaftlichen Folgen der neuartigen Lungenkrankheit wächst. «Mit
der weiteren Ausbreitung des Coronavirus innerhalb Chinas und darüber
hinaus in Asien werden auch die wirtschaftlichen Kosten zunehmen»,
sagt DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Zwar lassen sich die
konjunkturellen Folgen nach Ansicht von Ökonomen derzeit nicht
beziffern. Doch dürften sie heftiger ausfallen als bei der
Infektionskrankheit Sars vor 17 Jahren, die ebenfalls in China
ausgebrochen war.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Landes ist seitdem immens
gewachsen. Die mittlerweile zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist
ein wichtiger Exportmarkt für «Made in Germany». Zugleich produzieren

deutsche Industriefirmen dort, Hersteller beziehen Teile aus dem Land
für ihre Produktion. «Was in China heute passiert, hat größere
Bedeutung für die Welt als früher», fasst Ökonom Holger Schmieding,

Chefvolkswirt der Berenberg Bank zusammen.

Nach Einschätzung des Ifo-Konjunkturexperten Timo Wollmershäuser
dürften «die wirtschaftlichen Folgen stärker ausfallen als bei der
Sars-Epedemie». Sars habe China damals etwa ein Prozent Wachstum des
Bruttoinlandsprodukts gekostet. In den deutschen Zahlen habe sich das
praktisch nicht niedergeschlagen. «Seitdem ist die wirtschaftliche
Bedeutung des Landes gewachsen, die Infektionszahlen sind höher und
die chinesische Regierung reagiert härter.»

Peking kämpft mit drastischen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des
Virus. In der Krisenregion in Zentralchina sind 45 Millionen Menschen
in mehreren Städten von der Außenwelt abgeschnitten, indem die
Verkehrsverbindungen gekappt wurden. Auch andere Städte in der
Volksrepublik haben Überlandverbindungen mit Bussen ausgesetzt sowie
die Zahl der Flüge und Züge reduziert.

Das Virus trifft die chinesische Wirtschaft - wie auch die
Weltwirtschaft insgesamt - ausgerechnet in einer Schwächephase. «Je
länger der Ausnahmezustand - sprich: das Reiseverbot in China -
anhält und je weiter sich das Virus ausbreitet, desto gravierender
werden die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft
sein», analysieren Volkswirte der Commerzbank. Keine guten
Perspektiven also für die exportorientierte deutsche Wirtschaft.

Ähnlich sieht das der Außenhandelsverband BGA. «Sollte sich die Lage

weiter zuspitzen, wird dies auch negative Konsequenzen nicht mehr nur
für die chinesische Wirtschaft, sondern den Welthandel haben», sagt
BGA-Präsident Holger Bingmann. «Die Unterbrechung von
Flugverbindungen, die Schließung von Betrieben oder auch das
Ausbleiben von Touristen zeigen schon jetzt Wirkung.»

Die Sorge gilt auch den Lieferbeziehungen zwischen Unternehmen.
«Sollten die Produktionsstopps in der chinesischen Industrie länger
anhalten, wären auch die internationalen Lieferketten bedroht»,
erläutert Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

«Die Bedeutung Chinas als Lieferant für die übrige Welt ist
erheblich».

Ein längerer Stillstand könnte vor allem Lieferketten in der Chemie,
im Fahrzeugbau, in der Textilbranche und der Elektronik unterbrechen,
warnen Ökonomen der Allianz. Hersteller auch in Deutschland bekämen
benötigte Teile nicht mehr, sie müssten Alternativen finden oder ihre
Produktion herunterfahren.

Zugleich ist China ein wichtiger Exportmarkt für deutsche Produkte.
Mittlerweile gehen der Commerzbank zufolge gut 7 Prozent der
deutschen Ausfuhren in das Land - hauptsächlich Autos und Autoteile
sowie Maschinen. Allein die deutschen Autobauer machen Fratzscher
zufolge ein Drittel ihrer Gewinne in China. Umgekehrt importiert
Deutschland insbesondere Datenverarbeitungsgeräte sowie elektrische
Ausrüstungen.

Bislang scheinen sich die Folgen in Grenzen zu halten. Wegen der
Feiertage rund um das chinesische Neujahrsfest - in diesem Jahr am
25. Januar - war die Produktion ohnehin eingeschränkt. «Der aktuelle
Ausbruch des Coronavirus hat zum jetzigen Zeitpunkt nur regional
begrenzte Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb von DB Schenker»,
sagt beispielsweise eine Sprecherin der Deutschen Bahn.

Spediteure beklagen aber, dass durch die Maßnahmen der chinesischen
Behörden Zollabfertigungen länger dauerten. Zudem entfielen
Frachtkapazitäten in Passagierflugzeugen, weil zahlreiche Airlines
China vorerst nicht mehr anfliegen. Derzeit könnten Spediteure dies
unter anderem durch Umbuchungen noch teilweise ausgleichen,
allerdings zu höheren Frachtkosten für den Verlader, erklärt der
Bundesverband Spedition und Logistik.

Aus Sicht von DIW-Präsident Fratzscher ist die größte wirtschaftliche

Sorge «die Panikmache, die wir in Einzelfällen auch in Europa sehen».

Die Angst vor dem Unbekannten führe bei Konsumenten und Unternehmen -
vor allem in China, aber auch global - zu übertrieben starken
Reaktionen. Allerdings komme das Coronavirus auch zu einem denkbar
ungünstigen Zeitpunkt, «da die Risiken in der Weltwirtschaft durch
Handelskonflikte, Brexit, schwache Banken und geopolitische Konflikte
ohnehin schon ungewöhnlich hoch sind».