Ist die Angst vor dem neuen Coronavirus berechtigt? Von Thomas Strünkelnberg, dpa

03.02.2020 08:45

China stellt Millionenstädte unter Quarantäne, Anrainerstaaten
riegeln ihre Grenzen ab. Gleichzeitig scheint das neue Coronavirus
kaum schlimmer als die Grippe. Wie passt das zusammen?

Göttingen/Regensburg (dpa) - Die Grippe in Deutschland ist eine
tödliche Seuche. Mehrere Zehntausend Tote und mehrere Millionen
Erkrankte kann es nach Schätzungen bei heftigen Wellen geben. Daneben
wirkt das neue Coronavirus schon fast harmlos. Trotzdem ist die Welt
in Aufregung, drastische Maßnahmen sind die Folge. Dem liegen
begründete Sorgen zugrunde - aber auch Emotionen.

Experten hätten am liebsten, dass das neue Virus wieder völlig
verschwindet. Sie wollen mit allen zur Verfügung stehen Maßnahmen
verhindern, dass ein neuer, für einige Patienten tödlicher Erreger
sich in der Weltbevölkerung einnistet. Auch nach Einschätzung des
Robert Koch-Instituts ist es entscheidend, zu verhindern, dass das
Virus sich in den Menschen festsetzt. Ansonsten gebe es dauerhaft ein
weiteres Virus, das schwere Atemwegserkrankungen verursachen könne,
sagt eine Sprecherin.

Hinzu kommt, dass das Virus neu ist und noch nicht ausführlich
erforscht. «Solange man eben nicht abschließend etwas weiß über ein

solches Virus, ist immer größtmögliche Vorsicht angesagt», sagte
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag im
ARD-Morgenmagazin mit Blick auf Bilder von Klinikpersonal in
Sicherheitsanzügen.

Die Maßnahmen zur Eindämmung - China riegelt Millionenstädte ab,
Staaten schließen Grenzen, Infizierte werden isoliert - zielten
darauf ab, möglichst viele weitere Krankheitsfälle zu verhindern,
sagt Bernd Salzberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Infektiologie. Es gehe auch darum, Zeit zu gewinnen: «Je langsamer
das geht, umso mehr wissen wir über Gegenmaßnahmen wie zum Beispiel
antivirale Medikamente - die in China auch eingesetzt werden - und
schaffen vielleicht auch die Entwicklung einer Impfung.»

Neben diesen wissenschaftlichen Gründen, gibt es bei den Sorgen auch
eine emotionale Komponente. Die Bilder aus China, wo das neue
Coronavirus zuerst aufgetreten ist, wirken drastisch. Städte sind wie
leer gefegt, Millionen Menschen von der Außenwelt abgeschottet. Dass
man nur wenig über das Virus wisse und zudem Menschen gestorben
seien, begünstige eine hohe Risikowahrnehmung, sagt Michael Siegrist,
Experte für Risikowahrnehmung an der ETH Zürich.

Der psychologische Effekt durch Angst und die Wahrnehmung von
Bedrohung sei nicht zu unterschätzten - das gelte auch für Behörden,

ergänzt Sonia Lippke, Gesundheitspsychologin an der Jacobs University
Bremen. Die chinesischen Behörden scheinen Lippke zufolge Bedenken zu
haben, dass die Bevölkerung das Vertrauen verliert - und dass andere
Länder die chinesische Regierung für inkompetent halten. So komme es
zu Maßnahmen, die «in Deutschland nicht üblich wären». Die WHO ha
tte
die Reaktion Chinas auf das Virus ausdrücklich gelobt.

Bislang haben sich mehr als 17 000 Menschen mit dem neuen Virus
infiziert. Die allermeisten davon in China. Mehr als 360 sind
gestorben. Was macht das mit den Menschen? «Die Zunahme der Fälle,
vor allem in China, wirkt erst einmal so, als ob die Situation nicht
unter Kontrolle ist», sagt Infektiologe Salzberger. Man hat etwas
nicht unter Kontrolle - vielen Menschen macht diese Vorstellung
Angst.

Zugleich wirkten sich die Bilder aus dem abgeriegelten Wuhan aus,
sagt der Göttinger Angstforscher Professor Borwin Bandelow. Die
Menschen sagten sich: «Die machen das ja nicht ohne Grund». Dabei
kann Angst entstehen, die aber nicht begründet sein muss. Bandelow
sagt: «Angst ist nicht gut in Statistik.»

Um die Grippe wird im Allgemeinen weniger Gewese gemacht als um das
Coronavirus. «Daran haben wir uns gewöhnt», erklärt Salzberger.
Bandelow sagt: «Die meisten Menschen kriegen eine Grippe und wissen,
dass sie nach 14 Tagen vorbei ist. Sie denken nicht daran, dass man
an der Grippe sterben kann.»