Edler Tropfen aus der Tiefe: Wassersommeliers liegen im Trend Von Wolfgang Jung und Tom Weller , dpa

03.02.2020 05:52

Wasser ist gleich Wasser? Nicht für Experten wie Martin Metzinger und
Armin Schönenberger. Als Wassersommeliers schmecken sie auch feine
Unterschiede heraus. Was halten sie von Lifestyleprodukten wie
Gletscherwasser? Und schmeckt Sprudel nur aus der Glasflasche gut?

Dirmstein/Ludwigsburg (dpa) - Für ein gutes Glas Wasser ignoriert
Martin Metzinger auch schon mal teuren Champagner. Prüfend lässt der
57-Jährige die Flüssigkeit über die Zunge gleiten. «Schmeckt leicht

karbonisiert», sagt er und schnuppert an der Sprudelflasche. «Riecht
neutral.» Metzinger ist zufrieden: Das Wasser hat den Test bestanden.

Der Mann aus dem pfälzischen Dirmstein ist Wassersommelier - und
damit im Weinland Rheinland-Pfalz nahezu ein Exot. Metzinger kann
darüber lachen. «Wasser ist doch lebenswichtig. Viele trinken zu
wenig und laufen nahezu ausgetrocknet durch die Gegend.»

Das Geschäft mit Mineralwasser boomt in Deutschland und ist längst
ein Wirtschaftsfaktor. Lag der Konsum 1970 bei 12,5 Litern je
Einwohner, wurden dem Verband Deutscher Mineralbrunnen zufolge 2019
durchschnittlich etwa 141,7 Liter Mineralwasser pro Kopf getrunken.
Deutschland, sagt Metzinger, sei ein Mineralwasser-Schlaraffenland.
Wohl nur wenige können über ein Glas Wasser so spannend erzählen wie

er.

Wenn der Mann mit der markanten Brille von Kohlensäure und filternden
Erdschichten spricht, glänzen seine Augen. «Wasser war schon immer
ein Grundnahrungsmittel der Menschheit - und Mineralwasser ist die
Krone, ein Kulturgut», sagt er. Seit 45 Jahren - und damit seit
Kindesbeinen - ist Metzinger in der Getränkebranche tätig.
Aufgewachsen ist er in Mannheim, wo seine Eltern einen
Getränkebetrieb in vierter Generation führten. Seit zehn Jahren
arbeitet Metzinger nun für einen Mineralbrunnen-Betrieb aus dem Kreis
Ludwigsburg in Baden-Württemberg.

Doch was genau macht ein Wassersommelier? Und wie wird man das?
Metzinger tippt auf zwei Aktenordner. «Die musste ich für mein
Zertifikat im Institut Doemens bei München durcharbeiten. Da bringen
Koryphäen der deutschen Wasserindustrie als Dozenten den etwa 20
Schülern des jeweiligen Kurses alles bei.» Mit dem Fachwissen kann
Metzinger etwa Lokalbesitzer beraten, welches Wasser sie anbieten
sollen. «Ich gebe auch Preisempfehlungen. Der Markt ist eng, und die
Unternehmer sollen Erfolg haben.» Auch Privatpersonen kann er beraten
- etwa, welches Wasser am besten zum kräftig gewürzten Steak passt.

In Supermärkten reihen sich Mineralwassersorten oft über viele Meter.
Welches sollte man nehmen, Herr Metzinger? Der Experte lacht. «Das
ist so, als wenn Sie den Arzt fragen: «Wie kann ich gesund werden?»»

Es komme auf viele Details an. «Erstens muss das Mineralwasser
schmecken. Zweitens sollte man auf die Inhalte achten. Wer leicht zu
Muskelverspannungen neigt, sollte ein Wasser mit mehr Magnesium
nehmen, wer etwas für die Knochen tun will, sollte auf Calcium
achten. Und wer Verdauungsprobleme hat, sollte ein Wasser mit mehr
als 1000 Milligramm Sulfat zu sich nehmen. Das schmeckt vielleicht
erdiger, aber er wird den Effekt spüren», zählt der Experte auf.

Wasser ist nicht gleich Wasser, das sagt auch Metzingers Kollege
Armin Schönenberger. Der 52-Jährige ist auch einer von derzeit rund
160 zertifizierten Wassersommeliers in Deutschland - und einer von
zwei Wassersommeliers im Saarland. «Wasser ist heute ein
Trendprodukt», sagt der Mann aus Riegelsberg. «Süßgetränke, Kaffe
e
oder Bier haben die Menschen schon immer viel getrunken. Durch das
neue Gesundheitsbewusstsein erlebt Wasser jedoch eine Renaissance.»

Schönenberger ist selbstständig als Wassersommelier tätig und bietet

Schulungen sowohl für interessierte Endverbraucher, als auch für
Gastronomen und den Getränkefachgroßhandel an. Ein Thema ist etwa die
Ernährungsberatung für besseres Trinken im Unterricht an Schulen
sowie am Arbeitsplatz. Ebenso ist er seit fünf Jahren bei der Dualen
Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn sowie der Volkshochschule
des Saarlandes und der Erwachsenenbildung des Saarlandes tätig.

Mit oft schicken Modeprodukten wie norwegisches Gletscherwasser oder
Regenwasser aus Tasmanien kann Schönenberger nicht viel anfangen. Er
bevorzugt regionale Erzeugnisse. «Nirgendwo in Europa ist die
Qualität und Vielfalt der Mineralwässer so hoch wie in Deutschland»,

sagt Schönenberger. Zudem sei der CO2-Abdruck eines importierten
Getränks oft viel ungünstiger als bei heimischen Produkten.

Apropos Klimaschutz: Sollte eine Wasserflasche grundsätzlich aus Glas
bestehen? Metzinger wiegt den Kopf hin und her. «Hier wird sehr
pauschalisiert. Man sollte immer schauen: Wie weit wird die Flasche
transportiert, wie oft wird sie wiederverwendet?» Vor 40 Jahren seien
Plastikflaschen sehr ungesund gewesen, aber seitdem habe sich die
Kunststoffindustrie enorm entwickelt. «Am Strand sehe ich allerdings
oft, wie Menschen eine Plastikflasche mit Wasser in die pralle Hitze
stellen. Die müssten das dann eigentlich schmecken. Also - im Zweifel
schmeckt Wasser aus einer Glasflasche immer etwas neutraler.»

Wasser zu testen, sei schwieriger als Bier oder Wein, meint
Metzinger. «Um alle Unterschiede zu schmecken, braucht man viel
Erfahrung.» Er ist neben Wasser- auch ausgebildeter Biersommelier.
«Es ist nicht selten so, dass Bier als interessanter angesehen wird.
Wasser wird oft unterschätzt - auch von manchen Gastroexperten.»