Coronavirus: Deutscher Evakuierungsflieger aus China umgeleitet

01.02.2020 15:21

Wegen der neuen Lungenkrankheit holt die Bundeswehr Bundesbürger aus
China zurück - doch der Rückflug verzögert sich: Der Flieger darf i
n
Moskau nicht zwischenlanden. Unterdessen steigt die Zahl der
bestätigten Infizierten in China rasch.

Wuhan/Bonn (dpa) - Das Bundeswehrflugzeug mit Rückkehrern aus China
an Bord ist am frühen Samstagmorgen in der besonders vom Coronavirus
betroffenen Stadt Wuhan gestartet. Doch der Flieger mit Ziel
Frankfurt/Main durfte nicht wie ursprünglich geplant in Moskau
zwischenlanden. Stattdessen sei er nach Helsinki umgeleitet worden,
um die Crew auszutauschen und zu tanken, sagte
Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) am Samstag
in Bonn. «Wir haben die Überfluggenehmigung gehabt, und auch die
Landegenehmigung war in Aussicht gestellt. Das hat sich jetzt anders
entwickelt.»

Es sei dann zunächst wichtig gewesen, dass in Helsinki aufgetankt und
die Crew ausgewechselt werden konnte, sagte Kramp-Karrenbauer. «Was
jetzt neben der offiziellen Erklärung von mangelnden Kapazitäten am
Flughafen in Moskau die Gründe sind, das werden wir sicherlich in der
nächsten Woche gemeinsam dann noch mit dem Auswärtigen Amt
besprechen.» Die Maschine sollte Samstagmittag in Frankfurt/Main
ankommen. Durch die Route über Helsinki verzögerte sich die geplante
Ankunft erheblich.

Warum Russland die Zwischenlandung verweigerte, war zunächst
offiziell nicht bekannt. Hintergrund könnte sein, dass die Regierung
in Moskau zuvor die Sicherheitsregeln verschärft hatte. Der reguläre
Flugverkehr zwischen Russland und China wurde zu großen Teilen
eingestellt. Ankommende Flieger aus China durften an Russlands
größten Flughafen Scheremetjewo nur noch an einem Terminal ankommen.
Zudem ordnete Kremlchef Wladimir Putin das russische Militär an, ab
Samstag russische Staatsbürger aus Wuhan auszufliegen. Nach Angaben
der Agentur Tass leben in der Region Wuhan rund 300 Russen.

In dem Bundeswehrflugzeug aus China befänden sich insgesamt 128
Passagiere, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im
Bundesgesundheitsministerium, Thomas Gebhart (CDU). Es handele sich
um 102 deutsche Staatsbürger, die anderen 26 stünden mit ihnen in
familiärer Verbindung. Gebhart sprach von Menschen aus China,
Rumänien und den USA.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte in Bonn, die Menschen im
Flieger seien alle symptomfrei. Zum Schutz der Betroffenen und der
Bevölkerung sei es aber wichtig, dass sichergestellt werde, dass sich
niemand infiziert habe. Es gebe eine Inkubationszeit von bis zu zwei
Wochen, in der noch keine Symptome auftreten, aber möglicherweise
eine Infektion vorliegen könne. Deshalb sei es notwendig, die
Rückkehrer für zwei Wochen in Quarantäne unterzubringen. Auch die
USA, Japan, Südkorea und andere Länder haben Staatsbürger aus Wuhan
geholt oder planen Rückholaktionen.

Nach der Ankunft am Frankfurter Flughafen sollen die Menschen von
Medizinern begutachtet und befragt werden. Sollte jemand Symptome
zeigen, wird er in die Frankfurter Universitätsklinik in eine
Isolierstation gebracht. Passagiere ohne Symptome sollen zu einem
Luftwaffenstützpunkt im rheinland-pfälzischen Germersheim gebracht
werden, wo sie für zwei Wochen in Quarantäne bleiben müssen.

Rheinland-Pfalz sieht sich gut vorbereitet für die Quarantäne der
deutschen Staatsbürger und Familienangehörigen. In der Germersheimer
Südpfalz-Kaserne würden die «Menschen, die einiges durchgemacht
haben», eine gute und angemessene Betreuung erhalten, sagte die
rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine
Bätzing-Lichtenthäler (SPD) in Germersheim. Es stehen insgesamt 128
Zimmer in einem bisher unbewohnten Gebäude auf dem Areal bereit. «Die
Betreuung in der roten Zone übernehmen 27 Freiwillige des DRK», sagte
Michael Sieland vom Deutschen Roten Kreuz.

In Deutschland gibt es bisher sieben bestätigte Infektionsfälle, alle
stehen im Zusammenhang mit der Firma Webasto in Bayern. Darunter sind
sechs Angestellte des Autozulieferers, einer davon hat sein Kind
angesteckt. «Sie sind momentan alle in sehr gutem gesundheitlichem
Zustand», betonte Spahn. Deshalb solle die Bevölkerung «zwar mit
Wachsamkeit, aber auch mit der nötigen Gelassenheit» mit dem Thema
Coronavirus umgehen, betonte Spahn in Hinblick auf die Angehörigen
der Infizierten in Bayern, die nun teilweise von ihrer Umgebung
gemieden würden. «Was mir am meisten Sorgen macht, sind die
Verschwörungstheorien aller Art, die zurzeit in sozialen Medien
verbreitet werden und die nur ein Ziel haben: Unsicherheit zu
verbreiten.»

Ein weiterer deutscher infizierter Staatsbürger wurde in Spanien
registriert. Der Deutsche auf der Kanareninsel La Gomera ist der
erste bekannte Fall in Spanien. Er sei mit einem der in Deutschland
infizierten Patienten in Kontakt gewesen, teilte die spanische
Regierung mit.

In China erlebte die Epidemie am Samstag den bisher höchsten Anstieg
der Infektionen und Toten innerhalb eines Tages. Die
Gesundheitskommission in Peking meldete einen Zuwachs um fast 2000
auf 11 791 Erkrankte. Die Zahl der Todesfälle kletterte um 46 auf
259. Außerhalb der Volksrepublik wurden bisher in zwei Dutzend
Ländern rund 150 Infektionen gezählt.

Nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine «gesundheitliche
Notlage von internationaler Tragweite» erklärt hatte, riefen die USA
eine eigene «gesundheitliche Notlage» aus. Ausländische Reisende aus

China werden wegen des Ansteckungsrisikos nicht mehr ins Land
gelassen - mit Ausnahme von Angehörigen von US-Staatsbürgern. Der von
US-Präsident Donald Trump erlassene Bann gilt ab Sonntag (23.00 Uhr
MEZ). Bislang gibt es sechs Coronavirus-Fälle in den USA.

Auslöser der Ansteckungen in Deutschland waren ein oder zwei
chinesische Mitarbeiter des Autozulieferers Webasto. Das Unternehmen
nannte neben der bereits bekannten Frau aus China auch einen Mann,
der ebenfalls in Deutschland gewesen sei. Alle infizierten deutschen
und chinesischen Mitarbeiter seien in längeren Meetings am Firmensitz
der Zentrale in Stockdorf gewesen, berichtete das Unternehmen. Die
infizierten Chinesen hatten erst nach der Rückkehr in ihre Heimat
Symptome gezeigt.