Wenn die Arbeit nach Hause kommt - und nicht mehr geht Von Burkhard Fraune, dpa

17.09.2019 12:39

Kein Stau, kein Bürokrach, und gebügelte Klamotten sind auch nicht
nötig: Home Office ist bequem. Die meisten schaffen dort auch mehr.
Doch das Arbeiten zu Hause birgt Risiken.

Berlin (dpa) - Aufstehen, Anziehen, Laptop an: Der Weg ins Home
Office ist kurz. Immer mehr Arbeitnehmer machen zumindest tageweise
ihre Wohnung zum Büro. Mails, Telefonkonferenzen, ja ganze digitale
Team- und Softwareprojekte lassen sich ungestört zu Hause erledigen,
wenn die Bandbreite stimmt.

Drei Viertel derer, die zu Hause arbeiten, meinen, dass sie dort
konzentrierter arbeiten, zwei Drittel schaffen am Wohnzimmertisch
mehr Arbeit als im Betrieb, wie eine AOK-Umfrage ergab. Doch die
Krankenkasse warnt: Das flexible Arbeiten kann psychische Belastungen
verstärken, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen.

«Dienstliche Probleme werden gedanklich weiterbearbeitet, wenn man zu
Hause ist, weil dort die Arbeit jederzeit wiederaufgenommen werden
könnte», erklärt Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsfü
hrer
des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Wer zu Hause immer wieder
den Rechner hochfährt oder zum Handy mit den Dienstmails greift, ist
demnach meist nervöser und reizbarer als die Kollegen, die ihre
Arbeit im Büro zurücklassen.

Etwa 40 Prozent der Unternehmen ermöglichen es ihren Beschäftigten,
von zu Hause zu arbeiten, wie auch andere Studien ergaben. Laut
Statistischem Bundesamt arbeitete 2017 etwa jeder neunte Beschäftigte
gewöhnlich oder gelegentlich zu Hause. In anderen EU-Staaten wie den
Niederlanden und Schweden ist es schon mehr als jeder Dritte. In
Deutschland bröckelt die Präsenzkultur nur langsam.

Vor allem Besserverdienende und Arbeitnehmer mit Kindern machen Home
Office, hohe Quoten gibt es in Informations- und
Kommunikationsberufen sowie bei wissenschaftlichen und technischen
Dienstleistern, wie aus Antworten der Bundesregierung auf eine
Anfrage der Linksfraktion hervorgeht. Wer zu Hause arbeitet, macht
demnach mehr Überstunden als andere Beschäftigte. Linke und Grüne
fordern daher klare Regeln für die Heimarbeiter, damit für sie kein
zusätzlicher Stress entsteht.

Wer im Home Office arbeite, sei in der Regel zufriedener als andere
Arbeitskräfte, fand das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung
heraus. Denn Büros sind häufig keine Oase der Ruhe. Immer mehr
Arbeitgeber pferchen ihre Beschäftigten in Großraumbüros zusammen.
Allein im Dienstleistungssektor fühlt sich jeder Zweite sehr häufig
oder oft gestört, unter anderem durch Telefonate oder Kollegen, fand
die Gewerkschaft Verdi heraus.

Home Office zählt neben Teilzeit und Sabbatical-Auszeiten zu den
Angeboten, mit denen sich Arbeitgeber als familienfreundlich
profilieren. Vorteile hat, wer morgens noch sein Kind zur Kita
bringen kann, statt schon auf dem Weg zur Arbeit im Stau zu stehen -
und der dann doch pünktlich am Rechner sitzt, zu Hause.

Beschäftigte und Manager halten ihre Firmen heute für
familienfreundlicher als noch vor drei Jahren, wie eine Umfrage des
Instituts der deutschen Wirtschaft für das Bundesfamilienministerium
ergab, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Aber noch immer sieht
jeweils mehr als die Hälfte der Befragten keine ausgeprägte
familienfreundliche Unternehmenskultur.

Home Office kann aber auch Überhand nehmen. Der AOK-Umfrage zufolge
empfindet knapp jeder Fünfte das Arbeiten von zu Hause als Belastung,
die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschwere. Drei Viertel
fühlten sich im vergangenen Jahr erschöpft. Den Grund dürfte dieses
Ergebnis offenlegen: Laut der Umfrage macht jeder Dritte sein Home
Office häufig auch abends und am Wochenende auf.

«Der Nachteil ist, dass die Grenzen zwischen Job und Privatleben
verschwimmen», sagte AOK-Wissenschaftler Schröder. «Der private
Rückzugsraum und die Zeit für Erholung schrumpft.» Wer im Home Office

arbeite, habe häufiger Schwierigkeiten, abends und im Urlaub
abzuschalten als die, die ausschließlich im Betrieb tätig sind.

Das kann aber auch mit den Tätigkeiten an sich zusammenhängen. Im
Home Office wird meist Büroarbeit erledigt. Putzfrauen und Maurer
können ihre Arbeit nicht mit nach Hause nehmen.