Häufung von Handfehlbildungen bei Neugeborenen - Ursache unklar Von Anja Garms, Wolf von Dewitz und Jörg Blank, dpa

15.09.2019 15:00

Drei Säuglinge kommen innerhalb von zwölf Wochen in einem Krankenhaus
in Nordrhein-Westfalen mit einer Fehlbildung an der Hand zur Welt. Ob
das Zufall ist oder alle Fälle eine gemeinsame Ursache haben, ist
derzeit unklar.

Berlin (dpa) - Verdächtig, auffällig - mit diesen Worten beschreiben
Mediziner die Häufung von Fehlbildungen bei Neugeborenen in einem
Gelsenkirchener Krankenhaus. Drei Säuglinge wurden dort zwischen
Mitte Juni und Anfang September mit fehlgebildeten Händen geboren. An
jeweils einer Hand sind Handteller und Finger der Babys nur
rudimentär angelegt.

Die Art der Fehlbildungen weckt Erinnerungen an den Contergan-Skandal
der 1960er Jahre, den größten Arzneimittelskandal der Geschichte.
Damals hatte ein Medikament mit dem Wirkstoff Thalidomid, das
Schwangeren unter anderem gegen Übelkeit verordnet wurde,
Fehlbildungen an den Gliedmaßen ausgelöst.

Bei den Gelsenkirchener Fällen ist die Ursache derzeit völlig unklar
- es ist denkbar, dass die Häufung eine rein statistische ist. «Das
mehrfache Auftreten jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir
finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle
sehen, auffällig», schreibt das Sankt Marien-Hospital Buer in
Gelsenkirchen in einer Mitteilung auf seiner Internetseite.

Fehlbildungen dieser Art habe man in der Klinik viele Jahre nicht
gesehen. Extremitätenfehlbildungen könnten während der
Schwangerschaft unter anderem durch Infektionen auftreten, seien
insgesamt aber selten, schreibt das Hospital weiter. Der
entscheidende Entwicklungszeitraum liege sehr früh in der
Schwangerschaft, zwischen dem 24. und 36. Entwicklungstag nach der
Befruchtung der Eizelle.

Ein erster Vergleich der betroffenen Familien ergab keinen Hinweis
auf eine mögliche Ursache. Alle Familien wohnten demnach im lokalen
Umfeld. Ethnische, kulturelle oder soziale Gemeinsamkeiten der
Herkunftsfamilien habe man nicht feststellen können.

Die Gelsenkirchener Klinik will die Fälle jetzt in regionalen
Qualitätszirkeln der Kinder- und Jugendärzte thematisieren. Auch habe
man Kontakt mit Fachleuten der Berliner Charité aufgenommen. Von dort
hieß es am Freitag: «Der derzeitige Informationsstand erlaubt weder
der Charité noch insbesondere der Embryonaltoxikologie eine
inhaltliche Stellungnahme zu diesem Thema.» Der Deutsche
Hebammenverband hatte am Freitag eine Stellungnahme ebenfalls
abgelehnt.

Das NRW-Gesundheitsministerium will sich nun einen genaueren
Überblick über die Situation verschaffen. Man werde alle Klinken in
dem Bundesland abfragen, ob dort ähnliche Fehlbildungen aufgefallen
seien, sagte eine Sprecherin der Düsseldorfer Behörde am Samstag auf
Anfrage. Man nehme die Berichte über solche Fälle «sehr ernst».
«Darüber hinaus nehmen wir Kontakt mit den Ärztekammern, dem Bund und

den anderen Bundesländern auf, um möglichen Ursachen mit aller
Sorgfalt nachzugehen.»

Das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) hatte sich in
einer ersten Stellungnahme zurückhaltend geäußert. Zu den konkreten
Fällen lägen keine Erkenntnisse vor, teilte ein Ministeriumssprecher
am Samstag in Berlin mit. «Wenn es eine auffällige Häufung von
Fehlbildungen bei Neugeborenen geben sollte, muss das so schnell wie
möglich geklärt werden.» Das Ministerium begrüße, dass das betrof
fene
Krankenhaus Kontakt zur Berliner Charité aufgenommen habe.

Erschwert wird die Ursachenforschung dadurch, dass es kein
bundesweites Register gibt, in dem Fehlbildungen systematisch und
detailliert erfasst werden. Ob ein Melderegister der richtige Weg
sei, gelte es gemeinsam zu prüfen, sagte die Sprecherin des
nordrhein-westfälischen Landesministeriums, das von dem CDU-Politiker
Karl-Josef Laumann (CDU) geführt wird.

Laut einer Bundesauswertung zur Perinatalstatistik des Instituts für
Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) seien
2017 in Deutschland 6884 Kinder mit Fehlbildungen in Krankenhäusern
geboren worden, wie das Bundesministerium mitteilte. Das seien etwa
0,89 Prozent der Neugeborenen. Die Perinatalstatistik verzeichnet
demnach allerdings nur die Zahl der mit Fehlbildungen geborenen
Kinder - sie beinhaltet keine Informationen über die Art der
Fehlbildung. Wie häufig die Extremitäten betroffen waren, lässt sich

also nicht ermitteln.

Regionale Daten werden nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums
für das Fehlbildungsregister Sachsen-Anhalt und das Geburtenregister
«Mainzer Modell» erhoben. Daten aus beiden regionalen Registern
würden an das europäische Register EUROCAT gemeldet, das seit 1979
bestehe und derzeit Daten aus 23 europäischen Ländern enthalte. In
Sachsen-Anhalt gab es den Angaben zufolge im Jahr 2017 keine erhöhte
Anzahl an Armfehlbildungen bei Neugeborenen. Das zuständige
Ministerium hatte die Zahlen genannt, nachdem aus Frankreich
ein Häufung von Armfehlbildungen bekannt geworden war. Im
Verwaltungsbezirk Ain nordöstlich von Lyon wurden demnach zwischen
2000 und 2014 18 Babys mit eine Fehlbildungen der oberen Gliedmaßen
geboren.

«Die Berichte über Fehlbildungen bei Säuglingen müssen wir ernst
nehmen», erklärte Laumann am Freitag laut einer Mitteilung. «Hierbei

helfen allerdings keine Spekulationen. Vielmehr muss den möglichen
Ursachen mit der gebotenen Sorgfalt nachgegangen werden.»