Kampf und Kompromiss - Mit Frank Bsirskes Abschied endet eine Ära Von Basil Wegener, dpa

15.09.2019 10:00

Kampf, Konflikt, aber auch Kompromisse prägen Bsirskes Zeit an der
Verdi-Spitze. Nach 18 Jahren tritt Deutschlands dienstältester
Gewerkschaftsführer ab. Ein völliger Rückzug ins Rentnerleben dürft
e
ihm aber nicht liegen.

Berlin (dpa) - Frank Bsirske tritt ab, und der Abschied von
Deutschlands dienstältestem Gewerkschaftschef von der Verdi-Spitze
markiert nach 18 Jahren das Ende einer Ära. Öffentlich ist Bsirske
vor allem als Streikführer im öffentlichen Dienst bekannt geworden -
unter ihm legte Verdi den Flugverkehr lahm, außerdem Kitas, die
Müllabfuhr oder Verkehrsbetriebe. Für sich und seine Gewerkschaft
nimmt er aber auch in Anspruch, Einfluss auf die Politik genommen und
etwa die Einführung des Mindestlohns mit erstritten zu haben. Schwer
zu glauben ist, dass man von dem 67-Jährigen künftig nichts mehr
hören soll.

«Zu behaupten, der Abschied würde mir leicht fallen, wäre gelogen»,

sagt Bsirske. Es sei aber die richtige Entscheidung - wie bereits vor
vier Jahren angekündigt. In seinem nüchternen Chefzimmer im sechsten
Stock der Verdi-Zentrale erzählt Bsirske beim Tee über sich und die
Entwicklung seiner Gewerkschaft. Als Chef der Gewerkschaft
Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) trug er zur Fusion
von fünf Einzelgewerkschaften zu Verdi 2001 maßgeblich bei. «Nicht
wenige waren skeptisch, ob diese Fusion überhaupt gelingt», sagt er.
Doch geschaffen worden sei «die starke Dienstleistungsgewerkschaft in
Deutschland».

Klassenkämpferische Vokabeln in freundlichem Tonfall sind ein
Markenzeichen des früheren Personaldezernenten von Hannover. Bsirske
liebt argumentative Gefechte, ist links - aber auch mit Konservativen
kam er gut klar, etwa mit CSU-Innenminister Horst Seehofer bei den
Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst im vergangenen Jahr.

Dass Verdi unter Bsirske oft auf konfliktreichem Kurs steuert, liegt
auch an den vielfältigen und oft schwierigen Branchen, in denen seine
Großorganisation operiert. Eigentlich streikt die «Gewerkschaft der
1000 Berufe» von der Bankangestellten bis zum Sozialarbeiter immer
irgendwo. Geprägt ist der Dienstleistungssektor von oft
vergleichsweise geringen Löhnen. Wie seit Jahren bei Amazon wird oft
mit dem Ziel gestreikt, dass Mitarbeiter überhaupt in den Genuss
eines Tarifvertrags kommen oder nicht herausfallen.

Hunderttausende Mitglieder hat Verdi seit der Gründung verloren -
auch weil die Gründungsgewerkschaften viele nichtzahlende Mitglieder
hatten, die Verdi dann großteils verließen. Doch es liegt auch an den
massiven Umwälzungen in den Branchen. «Der Arbeitsplatzabbau im
öffentlichen Dienst, bei Telekom und Post, im Energiesektor und bei
den Krankenkassen hat mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze gekostet,
und das hält bis heute an», sagt Bsirske. Das blieb nicht ohne
Auswirkungen auf Verdi: «Dabei sind Branchen mit teils hohem
gewerkschaftlichem Organisationsgrad betroffen.» Beschäftigung sei
auch aufgebaut worden - «aber sehr stark in Bereichen mit sehr viel
prekärer Beschäftigung und hohen Fluktuationsraten».

Im Gründungsjahr hatte Verdi noch 2,81 Millionen Mitglieder,
vergangenes Jahr waren es noch 1,97. Droht die Auszehrung? Bsirske
betont: «Wir haben in den vergangenen Jahren kontinuierlich unsere
Eintrittszahlen verbessert, auf 122 000 Eintritte im Jahr 2018.» Dies
könne Verdi dieses Jahr wieder erreichen. Doch er räumt
ein: «Zugleich könnten wir es auch in den kommenden Jahren mit hohen

Austrittszahlen zu tun haben.» Viele, die in den 70er Jahren
eingetreten sind, seien heute in einem Alter, in dem viele der
Gewerkschaft den Rücken kehren. Doch Verdi steuere dagegen an.

Seit einigen Jahren modernisiert sich die Gewerkschaft. «Wir
versuchen, Verdi stärker vom Betrieb her zu denken und erschließen
gleichzeitig zusätzlich Ressourcen», sagt Bsirske. Fachbereiche
würden gebündelt. Es gebe mehr Arbeitsteilung zwischen Mitarbeitern
für Beratung und Rechtsvertretung in Zentren - und denen, die Tarif-
und Betriebsarbeit in den Unternehmen machen. In diesem Jahr sei auch
ein Traineeprogramm für mehr Professionalisierung und Diversität
aufgelegt worden. «Wir wollen mehr Frauen und Menschen mit
Migrationshintergrund als Gewerkschaftssekretäre gewinnen.»

«Mr. Verdi» steht persönlich auch für Kampf auf allen Ebenen. «Di
e
große Mehrheit der Menschen in diesem Land will nicht, dass Arbeit
arm macht und Arbeit entwürdigt», sagt er. Wenn er die Politik zu
Schritten gegen Altersarmut oder die Erosion des Tarifsystems
aufruft, tut Bsirske das mit Verve. Die Gewerkschaften müssten ihren
Teil von unten dazu tun - «indem wir organisieren, organisieren,
organisieren und so unsere Durchsetzungsmacht erhöhen».

Die Delegierten des Verdi-Bundeskongresses in Leipzig wählen - so ist
es zu erwarten - am 24. September Frank Werneke zu Bsirskes
Nachfolger. Der 52-Jährige ist seit 2002 Verdi-Vize. Langweilig werde
es ihm aber kaum werden, meint Bsirske. «Es gibt so viel
Interessantes zu lesen», meint er. «Ich bleibe noch in dem einen oder
anderen Aufsichtsrat, weil die Kolleginnen und Kollegen das wollen,
bei RWE und der Deutschen Bank.» Seine Sprachkenntnisse wolle er
verbessern, sich körperlich fit halten.

Und die Politik? «Ich habe den ersten Schulstreik in Niedersachsen
mitorganisiert für eine bessere Ausstattung mit Lehrkräften und mit
14 Jahren zum ersten Mal demonstriert, gegen den Vietnamkrieg
damals», erzählt das Grünen-Mitglied. «Ich lege das nicht ab, sonde
rn
werde politisch aktiv bleiben.»