Sorge vor ungeordnetem Brexit: Merck stockt Arzneilager auf Von Alexander Sturm, dpa

15.09.2019 07:00

Der Darmstädter Merck-Konzern stellt sich beim Brexit auf den
Ernstfall ein: Er stockt vorsorglich die Arzneivorräte auf. Das
Brexit-Schreckensszenario sei wahrscheinlicher geworden, meint
Vorstandschef Stefan Oschmann. In den USA hat Merck derweil große
Pläne.

Darmstadt (dpa) - Der Chemie- und Pharmakonzern Merck rüstet sich für
einen ungeordneten EU-Austritt Großbritanniens. «Wir haben unsere
lokalen Arzneilager für den Fall eines ungeordneten Brexits
aufgestockt», sagte Merck-Chef Stefan Oschmann der Deutschen
Presse-Agentur in Darmstadt. Im Tagesgeschäft zeigte er sich derweil
trotz Handelskonflikten zuversichtlich - er setzt auf neuen Schwung
bei Merck auch durch Übernahmen in den USA.

Pro Monat würden 45 Millionen Packungen Medikamente aus
Großbritannien in die EU gebracht, 35 Millionen gingen umgekehrt auf
die Insel, erklärte Oschmann, der in den vergangenen beiden Jahren
dem europäischen Pharmaverband EFPIA vorstand. «Es wäre nicht
auszudenken, wenn es zu langwierigen Grenzkontrollen käme und
Patienten wichtige Medikamente fehlten.»

Das Schreckensszenario eines ungeordneten Brexits ist aus Oschmanns
Sicht wahrscheinlicher geworden. «Die Stimmen in Großbritannien, die
nach einem Brexit um jeden Preis rufen, nehmen zu - selbst wenn das
dem Land schaden würde», sagte Oschmann wenige Wochen vor dem
geplanten Austrittsdatum am 31. Oktober. Merck bereite sich aber
schon seit drei Jahren auf den Brexit vor.

In Großbritannien kam es zuletzt zu einem Machtkampf zwischen
Regierung und dem Parlament. Dort hat Premierminister Boris Johnson
die Parlamentarier in die Zwangspause geschickt. Die Opposition aber
hat Johnson mit einem neuen Gesetz gezwungen, eine
Brexit-Verschiebung zu beantragen, falls es zum Austrittsdatum kein
Abkommen mit der EU gibt. Das wiederum lehnt Johnson strikt ab.

Bei einem Brexit ohne Abkommen mit Brüssel ist die Versorgung mit
Arzneien in Großbritannien eine der großen Sorgen. Während das
Bundesgesundheitsministerium keine Hinweise auf Medikamenten-Engpässe
in Deutschland sieht, gab es in Großbritannien wiederholt Warnungen
davor - zuletzt in internen «Yellowhammer»-Dokumenten der Regierung
in London. Das Vereinigte Königreich ist einer der größten Abnehmer
deutscher Arzneien. Der Pharmahandel mit der EU ist 2018 laut dem
Verband der Chemischen Industrie (VCI) bereits eingebrochen.

Auch bei der europäischen Arzneikontrolle und -zulassung, die bisher
in Großbritannien verankert war, sorgt der Brexit für Turbulenzen.
«Die Briten werden bestehende Arzneimittelzulassungen für die EU
nicht in Frage stellen», glaubt Oschmann. Wie es bei künftigen
Bewilligungen aussehe, hänge aber von der Art des Brexit ab.

Den Dax-Konzern Merck treibt aber nicht nur der Brexit um, sondern
auch der Zollstreit zwischen China und den USA. «Wir spüren den
weltweiten Handelskonflikt im Tagesgeschäft kaum, Zölle treffen Merck
nur moderat», sagte Oschmann. Auf geopolitische Risiken reagiere man
mit optimierten Lieferketten.

Merck ist stark mit Geschäften in den USA vertreten - gerade seit der
Übernahme des Laborausrüsters Sigma-Aldrich 2015. Nun will das 1668
gegründete Familienunternehmen den US-Halbleiterzulieferer Versum für
rund 5,8 Milliarden Euro kaufen und ebenso den kalifornischen
Materialspezialisten Intermolecular. Mit beiden Übernahmen, die noch
in diesem Jahr abgeschlossen werden sollen, zielt Merck auf Geschäfte
mit der Chip- und Elektronikindustrie. Angesichts des Trends zur
vernetzten Industrie, immer leistungsfähigeren Prozessoren und
künstlicher Intelligenz sieht Oschmann hier Wachstumschancen.

«Langfristig wird das weltweite Datenvolumen noch weiter nach oben
schießen, sagte er. «In der Chip-Herstellung sind die Grenzen der
Miniaturisierung erreicht, neue Technologien sind gefragt.» Mit der
Übernahme von Versum, einem Hersteller von Spezialmaterialien und
-geräten, sei Merck künftig in wichtigen Bereichen der
Halbleiterproduktion unterwegs.

Bedenken, Merck habe den Milliarden-Deal zur Unzeit vereinbart, wies
Oschmann entschieden zurück. Ab 2020 setzt er auf eine Erholung der
zuletzt zurückgegangenen Halbleiterproduktion. «Wir haben bei Versum
genau zur richtigen Zeit zugegriffen», sagte er mit Blick auf das
Übernahmeringen um Versum, in dem Merck den US-Konkurrenten Entegris
ausgestochen hatte.

Nicht nur in der Spezialchemie-Sparte soll es bei Merck aufwärts
gehen, auch das rasante Wachstum im Laborgeschäft solle anhalten. Der
Konzern verdient gut an Technologien, die die aufwendige Herstellung
von Biotech-Medikamenten vereinfachen. In der Pharma-Sparte will
Merck ferner mit neuen Mitteln bis 2022 jährlich zwei Milliarden Euro
Zusatz-Umsatz erzielen. Die Krebs-Immuntherapie Avelumab, ein
Hoffnungsträger von Merck, stecke in vier weit fortgeschrittenen
klinischen Studien, sagte Oschmann. «Neuigkeiten etwa bei der
Indikation gegen Lungenkrebs sind 2020 zu erwarten.»

Nach dem Versum-Deal habe Merck vorerst keine großen Übernahmepläne
mehr, betonte Oschmann. Merck hat in zehn Jahren 48 Milliarden Euro
für Käufe und Verkäufe bewegt. Nun gehe es darum, die durch
Übernahmen bedingte Verschuldung rasch wieder zu senken.