Häufung von Handfehlbildungen bei Babys: Drei Fälle in zwölf Wochen

13.09.2019 17:13

Drei Neugeborene mit fehlgebildeten Händen innerhalb weniger Monate
in einer Gelsenkirchener Klinik: Ist die Häufung zufällig oder gibt
es einen Zusammenhang? Mediziner rätseln.

Gelsenkirchen (dpa) - In einem Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen
sind innerhalb von zwölf Wochen gleich drei Kinder mit fehlgebildeten
Händen geboren worden. Zuvor hatte es dort jahrelang keinen einzigen
Fall gegeben. Die Kinder kamen im Sankt Marien-Hospital Buer in
Gelsenkirchen zwischen Mitte Juni und Anfang September auf die Welt,
wie die Klinik auf ihrer Homepage mitteilte. «Das mehrfache Auftreten
jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den
kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig.»

Fehlbildungen dieser Art habe man in der Klinik viele Jahre nicht
gesehen, hieß es weiter. Hebammen hatten auf die Fälle aufmerksam
gemacht, mehrere Medien berichteten.

Extremitätenfehlbildungen könnten während der Schwangerschaft unter
anderem durch Infektionen auftreten, seien insgesamt aber selten,
schreibt das Sankt Marien-Hospital Buer. Bei allen drei Kindern ist
jeweils eine der beiden Hände betroffen. An dieser Hand seien
Handteller und Finger nur rudimentär angelegt. Der Unterarm sei
normal. In der Klinik wurden 2018 nach eigenen Angaben mehr als 800
Kinder geboren.

Alle betroffenen Familien wohnten im lokalen Umfeld, hieß es weiter.
Ethnische, kulturelle oder soziale Gemeinsamkeiten der
Herkunftsfamilien habe man nicht feststellen können. «Eine vertiefte
Ursachenforschung können wir erst bei Einwilligung der Eltern
betreiben», sagte Wolfgang Heinberg, Sprecher des
Krankenhausverbundes St. Augustinus, zu der das Marien-Hospital Buer
gehört. Die Eltern der Kinder seien eingeladen worden, mit der Klinik
Kontakt aufzunehmen. «Wir haben ihnen Begleitung und Unterstützung
zugesagt. Da werden wir auch die Frage nach Untersuchungen
besprechen.»

Die Gelsenkirchener Klinik will die Fälle jetzt in regionalen
Qualitätszirkeln der Kinder- und Jugendärzte thematisieren. Auch habe
man Kontakt mit Fachleuten der Berliner Charité aufgenommen. Von dort
hieß es am Freitag: «Der derzeitige Informationsstand erlaubt weder
der Charité noch insbesondere der Embryonaltoxikologie eine
inhaltliche Stellungnahme zu diesem Thema.» Auch der Deutsche
Hebammenverband lehnte am Freitag eine Stellungnahme ab.

Nach Angaben der Klinik gibt es kein bundesweites Melderegister für
Fehlbildungen. Auf Bundesländerebene werden Fehlbildungen
beispielsweise in Sachsen-Anhalt erfasst. Dort gibt es das sogenannte
Fehlbildungsmonitoring, eine seit 1980 bestehende Einrichtung zur
Erfassung von angeborenen Fehlbildungen und Anomalien. Die
Institution ist der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg
angegliedert. Nach Beobachtungen der Forschungsstelle entfiel 2017
auf 1127 Geburten eine sogenannte Reduktions-Fehlbildung von
Extremitäten. Im Vergleich zum Zeitraum 2005 bis 2016 sei dies eine
Verringerung, hatte das Landessozialministerium im November 2018
berichtet.

Auch im rund 25 Kilometer von Buer entfernten Datteln soll im Sommer
ein Kind mit fehlgebildeter Hand zur Welt gekommen sein, wie die
Online-Ausgabe der «Recklinghäuser Zeitung» berichtet. Es handele
sich nach Angaben der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln
um die gleiche Fehlbildung, wie sie bereits in Gelsenkirchen
aufgetreten sein soll. Chefärztin Claudia Roll findet der Zeitung
zufolge vier Fälle in so kurzer Zeit verdächtig. Nun sei es laut Roll
wichtig, herauszufinden, wo weitere Fälle in Nordrhein-Westfalen
aufgetreten sind. Dahinter könnten der Medizinerin zufolge
Medikamente, Umweltgifte oder auch Virusinfektionen stecken.

Auch der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister dringt auf
Aufklärung. «Die Berichte über Fehlbildungen bei Säuglingen müsse
n
wir ernst nehmen», erklärte Karl-Josef Laumann (CDU) laut einer
Mitteilung. «Hierbei helfen allerdings keine Spekulationen. Vielmehr
muss den möglichen Ursachen mit der gebotenen Sorgfalt nachgegangen
werden.»

Am ebenfalls im Ruhrgebiet gelegenen Essener Elisabeth-Krankenhaus,
mit mehr als 2500 Geburten pro Jahr eine der größten Geburtskliniken
in Nordrhein-Westfalen, gibt es nach Angaben einer Sprecherin keine
Häufung von Handfehlbildungen. «Etwa ein Mal im Jahr haben wir ein
Kind mit einer Handfehlbildung. Wir können damit nicht von einer
Häufung solcher Fälle sprechen», sagte sie auf Anfrage der Deutschen

Presse-Agentur.

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