Dinner for One: Wer geht allein ins Restaurant? Von Martina Scheffler, dpa

12.09.2019 16:15

Es gibt Dinge, die machen die meisten nicht so gern allein. Eine
Weltreise, Weihnachten feiern oder eben ins Restaurant gehen. Wer
sind die, die es doch tun?

Frankfurt/Main/München (dpa) - In den 1950er Jahren wäre es undenkbar
gewesen: eine Frau, die allein ins Restaurant geht. «Da hätte man
gesagt, das ist wohl eine Prostituierte», beschreibt Hans-Peter Erb
die damalige Situation. Erb ist Sozialpsychologe und Professor an der
Hamburger Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr. Noch heute sei
es so: «Wenn ich allein ausgehe als Frau, riskiere ich, dass ich
bestimmte Absichten hervorrufe.»

Tatsächlich gehen in Deutschland mehr Männer als Frauen alleine
essen, wobei das viele verschiedene Gründe haben kann. In einer
repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im
Auftrag des Online-Reservierungsportals OpenTable gaben 72 Prozent
der befragten Männer an, regelmäßig oder zumindest selten allein eine

Gaststätte aufzusuchen. Bei den Frauen waren es nur 57 Prozent.

Tendenziell sind Solo-Restaurantbesucher zudem eher älter. 45 Prozent
aller Befragten gaben an, selten alleine essen zu gehen, fast jeder
Fünfte tut dies regelmäßig. Ein Drittel der Befragten ist noch nie
allein im Restaurant gewesen.

Zumeist, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage, gehen die
Allein-Besucher in ihrer Freizeit ins Restaurant (56 Prozent) - oder
in ihrer Mittagspause (49 Prozent).

Es sind viele Gründe vorstellbar, warum Menschen in ihrer Freizeit
alleine ins Restaurant gehen. Zum Beispiel um unter Leuten zu sein.
Oder aus genau dem gegenteiligen Grund: um für zwei Stunden seine
Ruhe zu haben. Oder weil man schlicht zu faul zum Kochen ist.

Wissenschaftliche Studien zum «Solo Dining» gebe es nicht, doch
ließen sich die Ergebnisse der Umfrage mit Trends wie Vereinzelung
und Individualisierung in Einklang bringen, sagt Erb. «Es gibt immer
mehr Single-Haushalte und auch ein großes Problem mit Einsamkeit, was
die Menschen sehr stark belastet.»

Beim Online-Reservierungsportal OpenTable sind laut Unternehmen die
Reservierungen für eine Person von 2014 bis 2018 um sagenhafte 321
Prozent gestiegen. Für viele ist Solo Dining aber wohl immer noch
eine Hürde.

Auf Reiseportalen aus aller Welt finden sich viele Hinweise fürs
sogenannte Solo Dining. «VisitMelbourne» etwa empfiehlt Restaurants
in der australischen Stadt, die Solo-Essern einen Platz an der Bar
bieten. Das weltberühmte Opernhaus von Sydney bietet gleich eine
ganze Anleitung für einen Solo-Besuch.

Die irische Tourismus-Organisation Tourism Ireland rät für den Fall,
dass man auf sich gestellt in ein Pub hineinplatzt: «Kommen Sie
einfach herein, begrüßen Sie die Leute hinter der Bar und schon kann
eine ganz ungezwungene Unterhaltung zu fantastischen Geschichten
führen.»

Dass es für viele Menschen immer noch eine Überwindung bedeutet, eine
Gaststätte ohne Begleitung aufzusuchen, zeigt die Existenz eines
Wortes für die Panik davor: Solomangarephobia. Der Begriff geistert
durch das Internet. Das Reiseportal TripAdvisor beschreibt die
Gefühle mancher Einzel-Esser so: «Sie können nirgendwo hinschauen,
ohne unhöflich zu wirken, und gehen gleichzeitig davon aus, dass sie
von anderen beobachtet werden und diese sich ein Urteil über sie
bilden, weil sie alleine essen.»

Während die eine Tourismusorganisation Angebote fürs Solo Dining
macht, will die andere helfen, solche eventuell einsamen Momente zu
vermeiden. Caroline Schmitt vom Kur- und Gewerbeverein Bad Füssing in
Bayern hat das Projekt «gemeinsam «isst» man glücklicher!»
entwickelt. Wechselnde Restaurants bieten einmal pro Woche einen
gemeinsamen Abend für jene, «die sich nach mehr Geselligkeit und
Heiterkeit in den Wirtshäusern sehnen».

Nun soll die «sehr erfolgreiche Aktion» auf ganz Bayern ausgedehnt
werden, sagt Matthias Artmeier, Geschäftsführer des Fachbereichs
Gastronomie beim Dehoga Bayern. Auch er spricht von einer zunehmenden
Vereinsamung, der man begegnen wolle, «damit die Leute unter die
Leute kommen». Was dem Dehoga vorschwebt, sei die «Wiederbelebung
eines alten Stammtisches», quasi der «Stammtisch 4.0».