Traumatisierte Flüchtlinge suchen verstärkt Hilfe

08.07.2019 07:30

Inzwischen kommen deutlich weniger Menschen aus Kriegs- und
Krisengebieten nach Niedersachsen. Allerdings steigt die Zahl der
Migranten, die psychologische Hilfe suchen. Viele versuchen zunächst,
allein zurecht zu kommen.

Hannover (dpa/lni) - Wutanfälle, Schlaflosigkeit, Magenschmerzen -
Menschen erleben traumatische Erlebnisse ganz unterschiedlich. Mehr
als 2500 Geflüchteten mit psychosozialen Störungen hat das Netzwerk
für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen im vergangenen Jahr
geholfen. Im Jahr 2017 waren es knapp 1500, 2016 weniger als 1000.
Das Netzwerk hat seitdem mehrere neue Standorte eröffnet.

«Anders als bei den allgemeinen Flüchtlingszahlen im Land sehen wir
bei uns keinen Rückgang», sagte Geschäftsführerin Karin Loos der
Deutschen Presse-Agentur. «Viele stellen sich ihren psychologischen
Erkrankungen erst mit Zeitverzögerung.» Sie hofften darauf, dass die
erste eigene Wohnung in Deutschland, der erste Job die Symptome
verschwinden ließen.

Das sei nicht immer der Fall. «Gesundheit ist ein wesentlicher Faktor
für die Integration», betonte die Sozialpädagogin. Menschen mit
traumatischen Erlebnissen hätten zum Beispiel Konzentrationsprobleme
beim Deutschlernen und seien im Beruf nicht belastbar. Nach
Informationen der Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für
Flüchtlinge und Folteropfer sind bundesweit zwischen 30 und 40
Prozent der Migranten psychisch krank.

Rund 60 Therapeuten, Sozialpädagogen, Dolmetscher und Ergotherapeuten
bieten beim Netzwerk fachliche Hilfe an. Die Angebote gibt es in
Hannover, Göttingen, Osnabrück, Oldenburg und Cuxhaven. 2018 wurde
auch in Braunschweig ein Standort eröffnet. Menschen aus 40 Ländern
kommen in die offene Sprechstunde oder besuchen Gruppentherapien.

Menschen aus Kriegsgebieten wie Syrien oder Irak haben oft Angriffe
erlebt oder Menschen sterben gesehen. «Die lebensbedrohlichen
Erfahrungen auf den Fluchtrouten erhöhen das Risiko für psychische
Erkrankungen zusätzlich», sagte Loos.

Das Netzwerk kritisiert das «Geordnete-Rückkehr-Gesetz» der
Bundesregierung. Danach könnten künftig alle Menschen mit negativer
Asylentscheidung von Abschiebehaft betroffen sein. Es sieht zudem
eine längere Unterbringung von Einzelnen in Massenunterkünften vor.
«Das bedeutet eine dauerhafte Desintegration», erklärte Loos. Die
Netzwerk-Chefin befürchtet, dass das Gesetz noch mehr Menschen in
eine Krise stürzen könnte. Es ist Teil eines Pakets an Neuregelungen
zu Asyl, Arbeitsmigration und Abschiebungen.

Zudem bemängelte die 56-Jährige, dass Diagnostik und Prognose im
Rahmen des Asylverfahrens künftig ausschließlich Aufgaben von Ärzten

sein sollen. Auch die Bundespsychotherapeutenkammer findet es nicht
nachvollziehbar, dass Psychotherapeuten nicht länger darüber
entscheiden dürfen, ob ein Flüchtling aus gesundheitlichen Gründen
nicht abgeschoben werden kann, denn es gehe auch um Traumata und
Depressionen bis hin zur Suizidgefahr. Im vergangenen Juli machte der
Fall eines Afghanen Schlagzeilen, der sich nach seiner Abschiebung
das Leben genommen hatte.

Das Land Niedersachsen stellte dem Netzwerk nach eigenen Angaben 2017
und 2018 jeweils 3,62 Millionen Euro zur Verfügung, 2019 und 2020
sollen es 3,11 Millionen Euro sein. Die Situation für Flüchtlinge in
Niedersachsen ist Loos zufolge besser als in vielen anderen
Bundesländern. Dringenden Nachholbedarf sieht sie aber bei dem Ausbau
von langfristigen Therapien.