SOS in der Karibik: Experten suchen Lösungen für Algenplage Von Andrea Sosa Cabrios, dpa

01.07.2019 04:00

Braune Algen statt weißem Sand - das nervt nicht nur die Urlauber in
der Karibik. Auch Wissenschaftler und Unternehmer sorgen sich um die
Umwelt und suchen nach Wegen, um der Algenplage Herr zu werden. Ein
paar findige Projekte sind bereits in der Mache.

Cancún (dpa) - Postkarten-Idylle sieht anders aus: Unmengen brauner
Algen vermiesen derzeit vielen Karibiktouristen den perfekten
Strandurlaub. Egal ob in Mexiko, Barbados oder im Süden Floridas, an
zahlreichen Traumstränden bedecken sogenannte Golftange das klare
Wasser und den weißen Sand. Arbeiter säubern mit Rechen, Schippen und
Traktoren jeden Tag die Strände vor den Hotels, die mexikanischen
Streitkräfte werfen sogar Marineschiffe in die Schlacht gegen die
Plage.

Wissenschaftler und Unternehmer wollen nun einen Schritt weitergehen
und Wege finden, Nutzen aus den Braunalgen zu ziehen - etwa in der
Biogasproduktion, in der Agroindustrie oder im Bausektor. Sie könnten
zur Herstellung von Papier oder umweltfreundlichen Schuhen dienen
oder in der Medikamentenindustrie. Einige Pilotprojekte gibt es
bereits.

Früh am Morgen, bevor die Sonne zu brennen beginnt, kommt der Biologe
Alfonso Larqué mit seinen Studenten an den Strand von Puerto Morelos
südlich von Cancún. Sie füllen mehrere Kisten mit Algen, laden sie
auf einen Laster und bringen sie ins Labor. Larqué und seine Kollegen
vom wissenschaftlichen Forschungszentrum von Yucatán (CICY) wollen
die Algen als Substrat zur Züchtung von Speisepilzen nutzen.

Zunächst mussten sie ausschließen, dass die Algen Rückstände von
Schwermetall enthalten. Nach einer Reihe von Tests wagten sie einen
Versuch. «Mit einer Tonne frischer Braunalgen konnten wir rund 800
Kilo Speisepilze züchten. Das ist sehr beeindruckend», sagte Larqué
der Deutschen Presse-Agentur. «Es kostet die Natur viel Arbeit,
Biomasse herzustellen. Deshalb müssen wir die Biomasse nutzen, die es
glücklicherweise hier gibt, statt sie schlecht zu machen.»

Und es gibt noch mehr Ideen, wie man die Algen nutzen kann: Der
Besitzer einer Baumschule in Puerto Morelos hat ein Haus aus
Algenziegeln gebaut, der Unternehmer Jorge Castro benutzt die
Wasserpflanzen und alte Plastikflaschen zur Herstellung von Schuhen.
«Aus jeder Tonne Algen können wir 10 000 Paar Schuhe produzieren»,
sagt er der dpa. Für einen ersten Testlauf hat er in seinem
Schuh-Start-up in León im Zentrum von Mexiko 50 Paar Schuhe
produziert und für jedes Paar 100 Gramm Algen verwendet.

Bisher sind das alles nur einzelne Versuche ohne ausreichende
Koordinierung oder finanzielle Mittel. Aber sie könnten einen
wichtigen Beitrag leisten im Kampf gegen die Braunalgen, die nicht
nur Mexikos wichtiger Tourismusbranche schaden, sondern auch das
Ökosystem gefährden. Die Wasserpflanzen sammeln sich vor der Küste
wie ein schwimmender Teppich, der das Licht und den Sauerstoff
wegnimmt und dadurch die Korallen und das Seegras bedroht.

Wenn die Braunalgen der Gattung Sargassum auf den Sand geschwemmt
werden, zersetzen sie sich und verbreiten dabei einen Geruch wie von
faulen Eiern. Sie erodieren den Strand und bedrohen die Nistplätze
von Meeresschildkröten.

Die Algen sind kein neues Phänomen. Allerdings traten sie früher nur
in geringem Maße auf. Beim Planschen im Meer oder beim Schnorcheln
konnte man sie leicht mit der Hand aus dem Weg räumen. Doch seit 2011
kommt es in der Karibik und vor Westafrika immer wieder zu
regelrechten Algen-Plagen.

«Dafür kann es verschiedene Gründe geben: Einer davon ist die weite
Verfügbarkeit von Nährstoffen, die von der Abholzung des
Amazonas-Regenwaldes und von Düngemitteln stammen kann», sagte der
Physiker der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM), Jorge
Zavala Hidalgo, der dpa. «Es kann aber auch sein, dass es mit
Schwankungen im Klima zu tun hat: sowohl den natürlichen als auch
denen, die vom Klimawandel verursacht wurden», sagt er. «Es ist
wahrscheinlich eine Kombination mehrerer Faktoren, aber mit großer
Wahrscheinlichkeit ist menschliches Handeln eine der Ursachen.»

Auch wenn es schwer vorherzusagen ist, rechnen Experten damit, dass
in diesem Jahr bis zu eine Million Tonnen Algen an den mexikanischen
Stränden angeschwemmt werden. Auf Facebook veröffentlicht ein
Netzwerk zur Beobachtung der Algen regelmäßig Fotos und Karten über
die Situation an den Stränden, die Touristen dort abrufen können.
Dennoch gibt es bisher keine koordinierten Strategien auf regionaler
Ebene, um das Problem anzugehen.

«Das ist kein Phänomen dass sich spontan ergeben hat, aber
menschliches Handeln hat die Sache verschlimmert», sagte Pedro Jesús
Herrera Franco von der Abteilung für Materialforschung des CICY.
«Wenn wir keine drastischen Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern,
dass Schadstoffe freigesetzt werden, werden diese ins Meer gelangen
und dort zur Ausbreitung der Algen beitragen», warnt er.