Urlaubsreif? Warum die Arbeitspausen so wichtig sind Von Alice Lanzke, dpa

28.06.2019 08:41

«Wir ertragen das Nichtstun nicht mehr», meint ein Forscher. Doch
Erholung ist nötig. Die Wissenschaft hat viel darüber herausgefunden,
wie das am besten geht und wie man möglichst lang vom Urlaub
profitiert.

Frankfurt/Main/Dresden (dpa) - Sommerzeit, Ferienzeit: Während es für
die meisten Menschen dabei um Fragen nach dem perfekten Reiseziel
oder Selbstversorgung versus Vollpension geht, kann auch die
Wissenschaft helfen, diese Zeit so erholsam wie möglich zu gestalten.
So gibt es zahlreiche Erkenntnisse aus Psychologie und Neurologie zur
besten Vorbereitung eines Urlaubs, der idealen Länge und Gestaltung
sowie einer sanften Rückkehr in den Arbeitsalltag.

Wenn der Blick aus dem Bürofenster strahlend blauen Himmel und
gleißenden Sonnenschein verrät, mag sich so mancher besonders
urlaubsreif fühlen. Und das Gefühl geht oft tiefer. «Wissenschaftlich

gesehen würde man eher von einem stärkeren Erschöpfungserleben
sprechen», erklärt Johannes Wendsche von der Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. «Diese Erschöpfung zeigt sich
beispielsweise, indem die Motivation sinkt, man nach der Arbeit mehr
Zeit für sich braucht, Probleme im sozialen Leben auftauchen, aber
auch in anhaltenden Leistungsschwankungen.»

Ein derartiges Ermüdungserleben werde häufig erst spät bemerkt, sagt

Wendsche: «Dabei ist es der letzte Warnschuss des Körpers.» Ohne
Erholungspausen würden die Ermüdungserscheinungen kumulieren - mit
entsprechenden gesundheitlichen Folgen. So ergab eine Langzeitstudie
der Universität Helsinki von 2018, dass zu wenig Urlaub die
Sterblichkeit erhöht.

Auch Nikolai Egold, Professor für Sozial- und Arbeitspsychologie an
der Hochschule Fresenius in Frankfurt, betont, dass der Körper sich
rein physiologisch nach Phasen der Belastung erholen müsse, um etwa
Stresshormone abzubauen. «Heutzutage stehen die Menschen allerdings
ständig unter Strom, was sich nicht zuletzt in einer Zunahme von
psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen zeigt»,
so Egold. Umgekehrt hätten mehrere Studien bereits die positiven
Auswirkungen eines Urlaubs beschrieben: «Die Menschen sind aktiver,
kreativer, leistungsfähiger und haben in der Zeit nach dem Urlaub
weniger Fehltage.»

Dabei dürfe man den Urlaub nicht lediglich als Unterbrechung der
Arbeitszeit sehen, betont der Neurobiologe und Buchautor Bernd
Hufnagl aus Wien. Seit 2004 überprüft sein Team mithilfe von
EKG-Untersuchungen die Fähigkeiten von Arbeitnehmern zu entspannen.
Dafür sollen sich die Probanden in einen Raum setzen und fünf Minuten
aus dem Fenster schauen. «Schon 2004, also noch vor dem
Smartphone-Hype, zeigten nur 30 Prozent der Teilnehmer eine
Entspannungsreaktion», so Hufnagl. 2018 seien es indes nur noch fünf
Prozent gewesen: «Wir ertragen das Nichtstun nicht mehr.»

Doch wie viel Urlaub ist überhaupt nötig, um die beschriebenen
Belastungen auszugleichen? Hier ist sich die Wissenschaft uneinig.
«Anscheinend macht die Dosis nicht so sehr den Effekt», erklärt
Arbeitspsychologe Wendsche. Angesichts der Tatsache, dass der
Erholungseffekt nach einem Urlaub spätestens nach ein bis zwei Wochen
verpufft sei, deute sich aber an, dass mehrere kürzere Urlaube
vorteilhafter seien als ein langer Jahresurlaub. Und: Auch die Zeit
direkt vor den Ferien sei wichtig. «Je höher die Arbeitsbelastung vor
dem ersten Urlaubstag, umso geringer die Erholung», fasst Wendsche
zusammen. Er empfiehlt daher, sich vor dem Urlaub einfacheren und
abschließbaren Aufgaben zu widmen und genug zu schlafen. Um
Stressfaktoren zu reduzieren, rät Wendsche, die Ferienzeit gut
vorzubereiten, indem man etwa Tickets vorab buche.

Im Urlaub selbst sollte Abstand zur Arbeit gewonnen werden, betont
Egold, indem man etwa telefonisch nicht für den Arbeitgeber
erreichbar sei. Zudem sollte man seine E-Mails nicht oder nur
punktuell, das heißt zu festen, klar abgegrenzten Zeiträumen mit
geringem Umfang abrufen, damit sich ein Erholungseffekt einstellen
könne.

Eine effektive Erholung baut dem sogenannten «Dramma»-Modell zufolge
auf sechs Säulen auf: So sollte im Urlaub Gedankenfreiheit
(detachment) und Entspannung (recovery) herrschen. Wichtig sei aber
auch das Gefühl der Selbstbestimmtheit (autonomy). Weitere Faktoren
seien Herausforderung (mastery), indem man etwa eine neue Sportart
ausprobiere, und Sinnhaftigkeit (meaning), das Gefühl im Urlaub etwas
Sinnvolles zu tun. Nicht zuletzt helfe es, mit Menschen, die man
gerne habe, etwas zu unternehmen, da dadurch das Gefühl von
Verbundenheit (affiliation) steigt.

Neurobiologe Hufnagl weist zudem darauf hin, dass im Urlaub die
Aktivität des Nervus vagus steigt: Je aktiver dieser Hirnnerv sei,
umso entspannter werde man. «Dafür muss man sich aber darauf
konzentrieren, eben nicht die Arbeit im Kopf zu haben.» Er empfiehlt,
gerade im Urlaub auf Details zu achten: «Wie rauscht das Meer? Wie
riecht das Essen? Solche Informationen bewusst wahrzunehmen ist
wichtig, weil wir im Alltag durch die vielen To-Do's immer
oberflächlicher werden.»

Wie lässt sich aber der Erholungseffekt eines Urlaubs möglichst lange
erhalten? «Wer seine Urlaubserinnerungen reflektiert, profitiert
länger vom Wohlbefinden», sagt Wendsche von der Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin dazu. Entsprechend sollte man
Souvenirs mitbringen, Fotos machen und vom Urlaub erzählen. Ein
weiterer Tipp: «Fängt man an einem Mittwoch wieder an zu arbeiten,
wird man in den meisten Fällen nur eine kurze Arbeitswoche vor sich
haben.»

Hufnagl rät zudem zu Kurzurlauben im Alltag: «Planen Sie konkret
jeden Tag einen Miniurlaub ein, der nichts mit der Arbeit zu tun
hat.» Dieses bewusste Nichtstun schaffe auch neue Kapazitäten: «Im
Gehirn gibt es Netzwerke, die nur dann aktiv werden, wenn wir nicht
zielgerichtet denken», erklärt der Neurobiologe, der in diesem
Zusammenhang von «Tagträumernetzwerken» spricht: «Viele Menschen
werden mit dem Tagträumen Probleme haben - aber dennoch sind solche
Pausen medizinisch nötig.»