Hirnforscher Birbaumer kritisiert Untersuchungskommission

11.06.2019 16:08

Hirnforscher Niels Birbaumer sieht sich verunglimpft. Über eine Art
Gedankenlesemaschine wollte er mit gelähmten Patienten kommuniziert
haben. Jetzt wirft ihm seine Universität Datenverfälschung vor.

Tübingen (dpa/lsw) - Der renommierte Tübinger Hirnforscher Niels
Birbaumer hat seine Untersuchungen gegenüber dem Vorwurf der
Datenverfälschung verteidigt. Eine Kommission der Universität
Tübingen hatte ihm zuvor wissenschaftliches Fehlverhalten angelastet
- laut Birbaumer sind die Beschlüsse des Gremiums falsch.

Birbaumer hatte 2014 mit einer Forschergruppe Untersuchungen an
Patienten der Nervenkrankheit ALS (Amyothrophe Lateralsklerose)
durchgeführt und die Ergebnisse 2017 im Fachmagazin «Plos Biology»

veröffentlicht. Sie galten als Sensation: Die vollständig gelähmten
und sprachunfähigen Menschen sollten Fragen in Gedanken beantworten,
während die Wissenschaftler mit einer speziellen Kopfhaube und
Computern ihre Hirnaktivität maßen. Laut Birbaumer ist auf diese
Weise eine Kommunikation möglich.

2018 meldete ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität
Tübingen Zweifel an der Studie an. Anfang 2019 leitete die
universitäre Kommission zur Untersuchung für Fehlverhalten in der
Wissenschaft ein Prüfverfahren ein. Wie die Universität in der
vergangenen Woche bekannt gab, stellte das Gremium massive Verstöße
in Birbaumers Publikation fest. Unter anderem warf es dem
Hirnforscher vor, Daten nicht offengelegt oder zugunsten gewünschter
Ergebnisse zurückbehalten zu haben.

Birbaumer widersprach in einer Stellungnahme. Seinen Angaben nach ist
sämtliches Datenmaterial veröffentlicht, sonst sei es ja nicht
nachzurechnen gewesen. Der Neurobiologe und Psychologe hat zur
Auswertung der Kommunikationsversuche EDV-Systeme und Algorithmen aus
dem Bereich Künstliche Intelligenz verwendet. Er kritisiert unter
anderem ein mangelndes Sachverständnis der Prüfer. «Die Fachkompete
nz
der Kommission besteht nicht», teilte Birbaumer mit. Eine
Literaturwissenschaftlerin könne maschinelles Lernen nicht
beurteilen, so Birbaumer. Laut Universität besteht die
Untersuchungskommission aus fünf Mitgliedern. Ihr sollen auch jeweils
ein Professor aus den Geisteswissenschaften, den Naturwissenschaften
und der Medizin angehören.

Birbaumer hat an der Universität Tübingen derzeit eine
Seniorprofessur. Die Kommission hat dem Rektor unter anderem
vorgeschlagen, diesen Status zu überprüfen. «Bevor die Universitä
t
Konsequenzen zieht, bekommt der Betroffene noch einmal Gelegenheit
zur Stellungnahme», sagte eine Sprecherin am Dienstag.