30 Jahre Tian'anmen-Massaker: Schmerz, Schuld und Verfolgung Von Andreas Landwehr, dpa

31.05.2019 10:50

Vor 30 Jahren schlug Chinas Militär die friedliche Demokratiebewegung
blutig nieder. Das Trauma wirkt bis heute nach. Die Opfer suchen die
Wahrheit. Chinas Vizepräsident will sich bei seinem Besuch in Berlin
nicht danach fragen lassen - dabei könnte er von Willy Brandt lernen.

Peking (dpa) - Beide waren in den frühen Morgenstunden des 4. Juni
1989 auf dem Tian'anmen-Platz: Fang Zheng, der Student, und Li
Xiaoming, der Soldat. Opfer und Täter? Die Geschichte hat keine
einfache Antwort. Beide wirken auch 30 Jahre nach der blutigen
Niederschlagung der Demokratiebewegung in China traumatisiert. Fang
Zheng sitzt im Rollstuhl. Er hat beide Beine verloren, als ihn damals
ein Panzer überrollte. Und Li Xiaoming, der Ex-Offizier, bricht in
Tränen aus, als er sagt: «Ich habe nicht geschossen. Ich habe
niemanden getötet. Aber es tut mir so leid.»

Beide leben heute im Exil. Nur deswegen können sie offen über das
Pekinger Massaker sprechen. Beide wollen das dunkle Kapitel in Chinas
Geschichte aufklären. Erstmals treffen sie sich bei einer Konferenz
zum 30. Jahrestag in Taipeh, der Hauptstadt des demokratischen,
freien Taiwans. Etwas «unbehaglich» fühlt sich Fang Zheng schon, auf

dem Podium direkt neben Li Xiaoming zu sitzen. Der frühere Soldat
kann es verstehen: «Es ist etwas eigenartig.» Beide haben noch nie
miteinander gesprochen, teilen aber eine gemeinsame Geschichte.

Fang Zheng war in der Demokratiebewegung 1989 ein «einfacher
Teilnehmer», wie der damalige Sportstudent sagt. «Am Morgen des 4.
Juni um 6.00 Uhr war ich einer der letzten, die den Tian'anmen-Platz
verließen.» Der Platz des Himmlischen Friedens war schon völlig
geräumt. «Wir Studenten zogen uns friedlich und geordnet zurück.»
Plötzlich rollten an der Liubukou-Kreuzung der Straße des Ewigen
Friedens (Chang'an) Panzer in hoher Geschwindigkeit an und feuerten
Gasgranaten, die zwischen den Studenten explodierten.

Gaswolken nebelten sie ein. «Eines der Mädchen der unteren Jahrgänge

meiner Schule, die vor uns gingen, wurde bewusstlos.» Er trug das
Mädchen an die Seite der Straße. Im Augenwinkel sah Fang Zheng
plötzlich, wie ein Panzer rasch auf ihn zurollte. So schob er das
Mädchen schnell in Sicherheit, konnte sich aber selbst nicht mehr
retten. Die Panzerketten zerquetschten seine Beine, schleppten ihn
mit. Auch andere aus seiner Gruppe wurden überrollt. Elf sollen
getötet worden sein. Auch heute weiß es keiner genau. Fang Zheng
wachte im Krankenhaus auf. Beide Beine waren ihm amputiert worden.

Hunderte kamen damals ums Leben, als die Parteiführung die Truppen
schickte, um den friedlichen Protest zu ersticken. Forscher verweisen
auch auf eine damalige Schätzung des chinesischen Roten Kreuzes von
2600 Toten. Aber niemand weiß es. Der Militäreinsatz ist in China bis
heute ein politisches Tabu. So kurz vor dem Jahrestag wollte sich
auch Chinas Vizepräsident Wang Qishan am Freitag nach seinen Treffen
mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela
Merkel in Berlin nicht danach fragen lassen. Eine Begegnung mit der
Presse kam für die chinesische Seite nicht infrage.

So mancher Angehörige der Opfer schweigt unter dem Druck des
Apparats. «Viele haben auch ein Tauschgeschäft gemacht, um weiter zu
studieren, den Lebensunterhalt zu verdienen und die Probleme für die
Familie zu verringern», weiß Fang Zheng. Er selbst wollte nicht
schweigen, hat dafür einen Preis gezahlt. Die Verfolgung wurde so
unerträglich, dass er 2009 mit Frau und Tochter in die USA ausreiste.

Er will die Wahrheit wissen. «Warum gab es Panzer, die Studenten mit
hohem Tempo töteten, wenn das Militär die Räumung des Platzes bereits

abgeschlossen hatte», fragt Fang Zheng. War es Absicht, ein Befehl,
Zufall? Ist jemand durchgedreht? «Mit einer ganzen Gruppe von Panzern
dürfte es keine Einzeltat gewesen sein - sondern es muss einen Befehl
gegeben haben», ist sich Fang Zheng sicher. Er will wissen, wen in
Chinas Parteiführung und Militär die Schuld trifft. «Ich hoffe, dass

die Wahrheit über den 4. Juni bald enthüllt wird.»

Jemand wie Li Xiaoming, heute Generalsekretär der demokratischen
Koalition der Überseechinesen in Australien, kann und will helfen.
Dafür ist ihm Fang Zheng dankbar: «Ich hoffe, eines Tages, wenn es
vor Gericht kommt, werden wir Augenzeugen wie Li Xiaoming aus dem
Militär finden.» Es klingt versöhnlich. Beide kämpfen heute im Exil

für die gleiche Sache - die Wahrheit und ein demokratisches China.

«Ich will die Leute wissen lassen, was 1989 wirklich passiert ist»,
sagt der Ex-Leutnant, der nur zwei Jahre vor dem tragischen Einsatz
die Militärhochschule verlassen hatte. «Ich war auch Student gewesen,
nur in Uniform», sagt Li Xiaoming. «Wenn ich damals auf dem
Tian'anmen-Platz gewesen wäre, hätte ich wie die anderen auch gegen
Korruption in der Regierung demonstriert und Demokratie gefordert.»

Ihn plagen bis heute Schuldgefühle. Immer wieder beteuert er,
niemanden getötet zu haben. Immer wieder kämpft er mit seinen
Gefühlen. «Ich sah, wie Leute getötet wurden. Ich hörte, wie Leute

getötet wurden.» In Australien, wo er seit fast 20 Jahren lebt, war
er in psychologischer Behandlung. «Ich spüre den Schmerz noch immer.»


Wochenlang war die kommunistische Führung im Frühjahr 1989 wie
gelähmt, als die Proteste im ganzen Land an Fahrt gewannen und die
Studenten in den Hungerstreik traten. Der reformerische Parteichef
Zhao Ziyang hatte Sympathien für die Studenten, verlor aber am Ende
den Machtkampf gegen die Hardliner und den «starken Mann» Deng
Xiaoping, der die Entscheidung zum gewaltsamen Vorgehen traf.

«Wir wurden aufgefordert, zum Tian'anmen-Platz zu gelangen - um jeden
Preis», schildert Li Xiaoming. Das beinhaltete den Einsatz von
Waffen. Sein Kommandeur habe aber gesagt, sie könnten auch in die
Luft oder in den Boden schießen, um Studenten zu vertreiben. Gab es
unterschiedliche Befehle für verschiedene Einheiten? Oder wurden sie
jeweils anders verstanden? Auf jeden Fall sei die Stimmung unter den
Soldaten aufgepeitscht gewesen. «Ich sah diesen Soldaten. Er schoss
in die Menge. Aus nächster Nähe, vielleicht 100 Meter.»

Niemand hatte damit gerechnet, dass die ruhmreiche Armee auf das
eigene Volk schießen würde. Bis dahin herrschte Aufbruchstimmung,
Hoffnung auf eine demokratische Zukunft für China. «Dass die
Volksbefreiungsarmee offen Kugeln und Panzer einsetzte, um
unbewaffnete chinesische Zivilisten im großen Stil zu töten,
bedeutete einen plötzlichen Verlust der Legitimität für die Partei in

großen Teilen der Bevölkerung», berichtet der China-Professor Michel

Bonnin. Es habe ihnen «die Brutalität des Regimes» vor Augen geführ
t.

In den folgenden Jahren kompensierte die Parteiführung die Lücke mit
Nationalismus und antiwestlicher Propaganda. Deng Xiaoping bot dem
Volk mit seinen Wirtschaftsreformen ein «Geschäft» an: Politischer
Gehorsam gegen die Aussicht, reich oder zumindest wohlhabender als
zuvor zu werden. Gepaart mit Zensur, Einschüchterung, Verfolgung und
Kontrolle hat es weitgehend funktioniert - heute sogar mit modernster
digitaler Technologie. «Die Antwort auf das Gespenst von 1989 war
1984», sagt Bonnin unter Hinweis auf den dystopischen Roman «1984»
von George Orwell über den totalen Überwachungsstaat.

Der heutige Staats- und Parteichef Xi Jinping hat den Griff noch
einmal verstärkt. «Es übertrifft meine Erwartungen», sagt Wang Dan,

der auf Platz eins der meistgesuchten Studentenführer stand und bis
zu seiner Ausreise 1998 in die USA zusammen über mehr als fünf Jahre
mehrere Haftstrafen abgesessen hat. «Ich hätte nie gedacht, dass die
Kommunistische Partei demokratische Reformen einleiten würde, aber
ich hätte auch nie gedacht, dass sie jetzt sogar rückwärts geht -
selbst zurück in die Kulturrevolution.»

Der Druck ist besonders schlimm für die «Mütter von Tian'anmen», di
e
in einem Netzwerk der Familien der Opfer zusammengeschlossen sind.
«30 Jahre später, während die Fassade des «Wohlstands» aus
Wolkenkratzern und scharenweise Hochstraßen die Beweise für das
Verbrechen verdecken, brennen sich die harten Fakten des Massakers in
die Geschichte ein», heißt es in einem offenen Brief. «Niemand kann
es auslöschen, keine Macht, sei sie noch so mächtig, kann sie
verändern. Keine Worte, egal wie clever, können es bestreiten.»

Die Familien erinnern an den Kniefall von Willy Brandt 1970 im
Warschauer Ghetto und seine Mahnung, Geschichte nicht zu verleugnen:
«Wer sie vergisst oder zu vergessen sucht, wird krank an seiner
Seele.» Chinas Führung stehe am Scheideweg, müsse sich entscheiden,
so die Familien. Entweder die Verbrechen weiter zu vertuschen, was an
sich wieder ein Verbrechen sei - oder vom deutschen Kanzler zu
lernen, die Geschichte anzugehen: Die Wahrheit aufzudecken, sich für
das Verbrechen zu entschuldigen, die Familien zu entschädigen und die
Verantwortlichen für das Massaker vor Gericht zu stellen.

Jedes Jahr schreiben sie an Chinas Regierung, fordern eine ehrliche
Aufarbeitung des Massakers. Eine Antwort gibt es nicht. «Als wenn
unsere Briefe wie Steine sind, die ins Meer geworfen werden.»