Schädliches Shoppen - Wie sich Klamotten auf die Umwelt auswirken Von Vanessa Köneke, Nick Kaiser und Gisela Gross, dpa

04.06.2019 05:00

Mal wieder nichts zum Anziehen? Viele kennen das: Obwohl der Schrank
voll ist, hat man das Gefühl, dringend Shoppen zu müssen. Die damit
verbundenen Umweltprobleme geraten da gerne in Vergessenheit.

Neu Delhi/Würzburg/Berlin (dpa) - Tops, Sonnenbrillen oder Badehosen
- angepriesen für je nur ein paar Euro. Billiganbieter für Mode und
Sportartikel locken heute in vielen deutschen Städten mit häufig
wechselnden Sortimenten. Kunden verlassen die Läden oft mit großen
Tüten. Dabei lässt sich vor dem Internationalen Tag der Umwelt (5.
Juni) feststellen: Auch vermeintliche Schnäppchen haben ihren Preis.
Sie gehen oftmals auf Kosten der Umwelt - und damit auch von
Menschen. Das zeigen Beispiele entlang der Kette vom Hersteller bis
nach Hause.

WO DIE MODE HERKOMMT

Einer der weltweit größten Exporteure von Bekleidung und Textilien
ist Indien. Dort tragen gleich zwei Städte den Spitznamen «Manchester
des Ostens» - nach der früheren Textilhauptstadt in England. Eine
davon ist das westindische Ahmedabad. In der Region um die Metropole
wird ein großer Teil der auf der Welt gebrauchten Baumwolle angebaut.

Die Industrie hat eine ganze Reihe von Problemen: Weil sich
genverändertes Saatgut etabliert hat und jedes Jahr neu gekauft
werden muss, häufen viele Baumwollbauern hohe Schulden an, jedes Jahr
töten sich Tausende von ihnen. Der Gebrauch von giftigen Pestiziden
und von Dünger belastet zudem die Umwelt und die Gesundheit der
Menschen.

Auch der hohe Wasserverbrauch beim Baumwollanbau ist ein Problem. Für
die Produktion eines Kilos Baumwolle werden in Indien nach Angaben
des «Water Footprint Network» 22 500 Liter Wasser verbraucht. Damit
könnten demnach mehr als 80 Prozent der Bevölkerung mit 100 Liter
Wasser am Tag versorgt werden. Der hohe Verbrauch wiegt umso
schwerer, wenn man bedenkt, dass nach einem Bericht des staatlichen
Think Tanks Niti Aayog vom vergangenen Jahr fast die Hälfte der 1,3
Milliarden Inder unter Wassermangel leidet.

Ein Lösungsansatz ist der Anbau von Biobaumwolle, der weniger
wasserintensiv ist und bei dem keine synthetischen Pestizide zum
Einsatz kommen. Indien ist der weltweit größte Produzent von
Biobaumwolle, wenngleich sie nur einen kleinen Teil der insgesamt
angebauten Baumwolle ausmacht.

Das andere «Manchester des Ostens» ist Kanpur in Nordindien - eine
der Städte mit der schlimmsten Luftverschmutzung der Welt. Kanpur ist
das Zentrum der indischen Lederindustrie - ebenfalls ein wichtiges
Exportgut. Dort stehen rund 400 Gerbereien am Ufer des für Hindus
heiligen Flusses Ganges. Gläubige baden darin, um ihre Sünden
abzuwaschen, und trinken dann traditionell auch einen Schluck.

Die Gerbereien erzeugen etwa 50 Millionen Liter Abwasser am Tag, wie
der Umweltaktivist Rakesh Jaiswal erklärt. Es gebe nur eine
Kläranlage. Diese könne lediglich neun Millionen Liter am Tag
bewältigen, so dass große Mengen ungeklärter Abwässer in den Fluss

gelangten. Jaiswal beschreibt es als «Cocktail tödlicher
Chemikalien». Flussabwärts würden 2500 Hektar Land mit den Abwässer
n
bewässert. So gelangten die giftigen Stoffe ins Grundwasser - die
einzige Trinkwasserquelle für die örtliche Bevölkerung.

WIE DIE MODE ZU UNS KOMMT

Textilien müssen oft über lange Wege vom Produzenten zum Händler und

zum Käufer transportiert werden. «Die Preise, die für Fast Fashion
ausgerufen werden, lassen kaum Spielraum, um beim Transport besonders
nachhaltig agieren zu können», sagt Markus Muschkiet, Leiter des
Centers Textillogistik, das zum Fraunhofer Institut für Logistik und
zur Hochschule Niederrhein gehört.

Doch die langen Wege seien nicht das Problem. «Auf das einzelne
T-Shirt gesehen ist die Emission vernachlässigbar», so Muschkiet. Die
Containerschiffe seien extrem effizient. Bei 16 000 Containern auf
einem Schiff, falle ein T-Shirt umwelttechnisch nicht ins Gewicht.
Die meisten Emissionen fallen laut Untersuchungen auf den letzten
Kilometern an. Fast jedes Kleidungsstück werde innerhalb Europas mit
einem Lkw transportiert, sagt Muschkiet. Der Lkw ist am schnellsten,
aber auch am schädlichsten für die Umwelt. Laut Umweltbundesamt (UBA)
verursacht jede Tonne Ware pro Kilometer Lkw-Transport 103 Gramm
Treibhausgase. Bei der Bahn wären es 19 Gramm, bei Binnenschiffen 32.

Logistik-Professor Muschkiet hält neben dem eigentlichen Transport
auch Lagerentscheidungen für ausschlaggebend: Wie viele
Kleidungstücke ordere ich als Händler? Wie sehen die Lagerhäuser aus?

Große Lagerhäuser benötigen mehr Energie und Land. Nicht verkaufte
Stücke belasten die Umwelt unnötig. Hier lässt sich laut Muschkiet
relativ viel CO2 einsparen. Er rät beispielsweise zu kombinierten
Lagern, aus denen Händler sowohl den stationären Handel als auch den
Online-Handel bedienen können.

Beim Onlinehandel gehören übermäßige Verpackung und Retouren zu den

Umweltproblemen. Um Retouren zu reduzieren, bieten einige Unternehmen
inzwischen virtuelle Anproben an oder Zusatzinformationen zur
Passform. Dennoch geht bisher jedes zweite Kleidungspaket zurück, wie
die Forschungsgruppe Retouren-Management der Universität Bamberg
ermittelt hat. Über 70 Prozent aller Retouren seien Moderetouren. Die
Kleidungs-Rücksendungen belasteten das Klima so stark wie 166 000
Tonnen CO2. Der Anteil am Gesamtausstoß in Deutschland sei aber
trotzdem gering.

WIE WIR MIT KLEIDUNG UMGEHEN

Trotz des Billig-Trends sind die Ausgaben der deutschen
Privathaushalte für Bekleidung und Schuhe in den vergangenen Jahren
nicht gesunken: 2017 lagen sie laut Statistischem Bundesamt im
Schnitt bei 110 Euro im Monat, 16 Euro pro Monat mehr als zehn Jahre
zuvor. Greenpeace fasste 2017 in einem Report über «Fast Fashion»
zusammen: Obwohl die Schränke voll seien mit nie getragener Kleidung,
kaufe jeder Deutsche pro Jahr etwa 60 neue Teile. Die Tragezeit sei
aber nur noch halb so lang wie vor 15 Jahren. Second-Hand-Läden,
Kleidung mieten statt kaufen und Garderoben aus zeitlosen Stücken -
darauf setzen zwar manche bewusste Konsumenten, wie man etwa auf
Instagram verfolgen kann. Von einem Massentrend kann aber nicht die
Rede sein.

Dabei ergeben sich selbst beim Tragen und Benutzen von Klamotten
manchmal noch Umweltprobleme. In Outdoor-Ausrüstung etwa werden oft
sogenannte per- und polyfluorierte Chemikalien, kurz PFC, eingesetzt,
weil diese wasser- und schmutzabweisenden Eigenschaften haben. Manche
dieser Stoffe sind wasserlöslich oder flüchtig und können etwa beim
Waschen einer Regenjacke in den Wasserkreislauf gelangen.

In der Natur können die Substanzen laut UBA aber «kaum bis gar nicht»

abgebaut werden. Sie seien in Gewässern, Tieren, Boden und Luft
ebenso nachgewiesen worden wie in Muttermilch. Manche der Substanzen
gelten nach UBA-Angaben als krebserregend oder können die
Fruchtbarkeit schädigen. Seit das Problem vor einigen Jahren bekannt
wurde, hat sich in der Branche etwas getan. «Fast alle größeren
Outdoor-Marken haben inzwischen PFC-freie Produkte im Sortiment. Aber
es ist noch viel zu wenig», sagte Manfred Santen, Chemiker von
Greenpeace. Man müsse den Herstellern aber auch etwas Zeit geben, die
Forderungen umzusetzen.

Auch bei einem weiteren Problem dauert die Suche nach Lösungen an: Es
geht um kleinste Fasern aus Fleecepullis und anderen synthetischen
Materialien, die sich beim Waschen lösen und in den Wasserkreislauf
oder mit dem Klärschlamm auf Felder gelangen können. Sie reichern
sich in der Umwelt an und werden auch von Tieren aufgenommen. «Diese
Fasern sind vor allem dadurch problematisch, dass man sie sehr häufig
in der Umwelt findet», sagte Leandra Hamann vom Fraunhofer-Institut
für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen.

Einer Studie des Instituts von 2018 zufolge fallen durch Faserabrieb
beim Waschen in Deutschland hochgerechnet 77 Gramm Mikroplastik pro
Person und Jahr an - das entspricht etwa der Menge von 25 Stück
Würfelzucker. Waschen liegt damit den Autoren zufolge auf Platz 10
der größten Mikroplastikquellen im Land. «Wir haben so große
Mikroplastik-Emissionen, dass wir einen Großteil reduzieren müssen.
Da ist jede Quelle relevant», sagte Hamann. Sie forscht an
Mikroplastik-Filtern für Waschmaschinen: Ziel ist es, Fasern
möglichst selektiv herauszufiltern, um schnelles Verstopfen der
Filter durch Haare, Steinchen oder Sand zu verhindern.

Bisher müssen Verbraucher mit Bewusstsein für das Problem in der
Regel selbst aktiv werden: Es gibt spezielle Waschbeutel zu kaufen
(«Guppyfriend»), in die man Synthetiktextilien vor dem Waschen
einpackt. Oder eine kleine Kugel («Cora Ball»), die man mit in die
Trommel geben kann, um Fasern aufzunehmen. «Es wird definitiv in
nächster Zeit weitere Ansätze geben, denn auch der Industrie ist
bewusst, dass das Problem angegangen werden muss», sagte Hamann. Sie
selbst versucht, möglichst wenige synthetische Materialien zu
verwenden - bei Kleidung ebenso wie bei Heimtextilien, wie sie sagt.