Auf dem Deich zur Arbeit: Olympiasieger Schenk startet neues Leben Von Ralf Jarkowski, dpa

12.04.2019 10:30

28 Zehnkämpfe hat er bestritten, doch den härtesten Kampf muss der
Rostocker später mit sich selbst ausfechten: Eine psychische
Krankheit. Nach der Dopingbeichte folgt zudem der Zwist um den
Opferhilfefonds. Doch Christian Schenk ist wieder rundum glücklich.

Dierhagen (dpa) - Olympia-Gold mit 23, Erfolge, Jobs, dann Zweifel,
die psychische Krankheit, Suizidgedanken. Aufrappeln, neue
Rückschläge - und vor gut sieben Monaten dann die spektakuläre
Doping-Beichte. Für Christian Schenk verlief das Leben bislang wie
eine «Sinuskurve». Zur Zeit schwebt der Zehnkampf-Olympiasieger von
1988 obenauf. «Ich spüre gerade: Es passiert etwas Gutes in meinem
Leben. Ich bin im Moment sehr, sehr zufrieden. Ich fahre auf dem
Deich zur Arbeit. Das kommt mir alles vor wie in einem guten Film»,
erzählt der Rostocker in einem Gespräch mit der Deutschen
Presse-Agentur in Dierhagen auf der Ostsee-Halbinsel Darß.

Dort, im Strandhotel Fischland, ist Schenk seit Dezember Sport- und
Eventmanager. Und am Sonntag ist ein großer Tag - auch für den
54-Jährigen: Mit rund 500 Gästen und viel Ost-Sportprominenz wird
eine Fitness-Oase eröffnet. Schenk ist künftig der Manager, für 19
Sportarten gibt es Fitness-Programme. Alles im Griff zu haben, ist
eine «sehr große Herausforderung» im Leben eines Mannes, der in
seiner aktiven Karriere 28 Zehnkämpfe bestritten hat. Der mal ein
Held war - aber auch oft gescheitert ist und am Boden lag.

Zur Einweihung am «Tag der offenen Tür» haben sich Wegbegleiter und
Freunde angekündigt, die alle auch das Meer und den Norden lieben.
Sogar Olympiasieger: Boxer Henry Maske, Eisschnellläuferin Claudia
Pechstein, Gewichtheber Matthias Steiner, Bobfahrerin Anja
Schneiderheinze. Auch Kugelstoßer David Storl kommt - und von der
Abteilung Fußball aus Rostock haben sich Martin Pieckenhagen und
Ex-Kicker Stefan «Paule» Beinlich angekündigt.

Auch «Gentleman» Maske wurde 1988 in Seoul Olympiasieger - zwei Tage
nach Schenk holte der spätere Profiboxer im DDR-Trikot Gold. «Ich
habe großen Respekt vor Christian. Aber eins ist klar: Ich war damals
ein Olympiasieger - aber er war der Olympiasieger», sagte Maske der
dpa. «Christian ist ein sehr sensibler Mensch. Er hat jetzt eine
tolle Chance, und mein großer Wunsch ist, dass er die auch nutzt und
seine Stärken einbringt», meinte der 55 Jahre alte Unternehmer.

Ende August 2018 gab Schenk in einem Interview zu, dass er als
DDR-Leichtathlet Oral-Turinabol-Pillen wie bunte Smarties geschluckt
habe. Er wurde depressiv, hatte Suizid-Gedanken. Die bipolare Störung
- eine Schwankung zwischen semi-manischen «euphorischen» Phasen und
Depressionen - wird ihn sein Leben lang begleiten. «Für mich ist es
wichtig, dass ich verstanden habe, dass ich diese Krankheit in mir
trage. Und ich muss jetzt sehr wohl darauf achten, dass ich keine
Auswüchse stärkerer Art mehr habe», erklärt Schenk.

Mit Rückfällen muss der Mecklenburger immer rechnen, die jüngste
Diskussion um die Dopingopferhilfe hat ihn wieder nach unten gezogen.
Dabei löste er sie selbst mit aus, weil er angekündigt hatte, die
Erfolgschancen einer möglichen Entschädigung aus dem Opferfonds zu
prüfen. Ist er Opfer? Täter? Mitläufer?

Er habe sich lediglich über den Fonds informiert und mit der
früheren Leichtathletin Ines Geipel gesprochen, sagte er später. «F
ür
mich hat sich der Zusammenhang zwischen der Einnahme von
Dopingmitteln und meiner Erkrankung nicht plausibel dargestellt»,
erklärte Schenk im dpa-Interview. «Und daher habe ich mich gegen die
Finanzhilfe entschieden.»

Dass er jetzt eine neue Chance bekommen hat, empfindet er als «pures
Glück. Aber wie sagte eine gute Freundin von mir einmal: Nie passiert
nichts», erzählt Schenk, «das heißt: Wenn man etwas geleistet hat,

wird immer wieder etwas Neues passieren.» Kraft geben ihm seine Söhne
Arvid und Aaron - und ein «exorbitanter Freundeskreis».

Zur Arbeit kommt Schenk aus Wustrow, bei gutem Wetter mit dem Fahrrad
auf dem Deich. Die neun Kilometer sind für ihn eher ein
Aufwärmprogramm. Nach 17 Jahren Leistungssport war er zehn Jahre lang
im Marketing-Bereich tätig, dann zehn Jahre für Bildungsprogramme
zuständig. «Man sollte alle zehn Jahre die Branche wechseln», meint
Schenk schmunzelnd. «Für mich sind das hoffentlich jetzt zehn Jahre
Tourismus. Dann bin ich 64 - und dann ist auch gut.»