«Du bildest das Kugelgelenk» - Die bizarre Welt der Stellenanzeigen Von Janne Kieselbach, dpa

12.04.2019 05:30

Sie sollen Lust auf einen Job machen und geeignete Bewerber
ansprechen. Eigentlich. Doch viele Stellenanzeigen sind so skurril,
dass die Bewerber eher Reißaus nehmen. Eine Bestandsaufnahme.

Berlin (dpa) - Von Arbeitsuchenden wird erwartet, dass sie eine
überzeugende Bewerbung in gutem Deutsch vorlegen. Rechtschreibfehler,
schräge Formulierungen oder alberne Anbiederungen? Bitte nicht! Sie
können den Traum von der großen Karriere schnell platzen lassen. Aber
wie präsentieren sich eigentlich die Arbeitgeber? Halten Sie sich in
ihren Job-Annoncen an die eigenen Regeln?

Besonders beliebt sind bei Personalern Metaphern. «Du bildest das
Kugelgelenk in der Produktion», schreibt die Deutsche Bahn in einer
Stellenanzeige und sucht nicht etwa einen Zirkusartisten mit
außergewöhnlichen Körpereigenschaften, sondern einen Leiter ihrer
Bus-Disposition in Münster. Die Zeppelin Universität in
Friedrichshafen verspricht zukünftigen Dozenten ein «turbulentes»
Arbeitsumfeld mit «tatendurstigen» Studenten. Manch ein Bewerber
dürfte da eher an einen Hort für Schwererziehbare denken als an einen
verlockenden Arbeitsplatz.

Dass der Bayerische Fußball-Verband sprachlich mit dem Volkssport
Nummer Eins spielt, überrascht selbst in einer Stellenanzeige nicht.
Aber könnte es sein, dass zu viel des Guten in einem Eigentor endet?
«Wenn Sie bei uns «mitspielen» wollen, den «Doppelpass» dem
«Alleingang» vorziehen», so der Verband, dann dürfe man sich
bewerben. Gesucht sei ein Online-Koordinator, der zeige, «wie smart
der Fußball in all seinen Facetten online rollen kann». Der Verband
bilde «mit Nachdruck die emotionale Erlebbarkeit des Amateurfußballs
in der Omni-Channel-Welt ab». Ob die Einwechslung naht?

«Durch solche Wortspielereien und Bilder wollen die Unternehmen
Aufmerksamkeit erregen, um Bewerber anzulocken», sagt Bewerbungscoach
Christine Werner aus Berlin, die in ihrer Arbeit täglich mit
Stellenanzeigen zu tun hat. Die Recruiterin Katharina Hain vom
Personaldienstleister Hays hat allerdings Zweifel, ob das wirklich
funktioniert. «Ich glaube, dass es viel zu Verwirrung kommt. Diese
leeren Worthülsen sind teilweise auch dem geschuldet, dass
diejenigen, die die Stellenanzeigen schreiben, gar nicht so genau
wissen, was die Fachabteilung sucht.»

Eine der Lieblingsdisziplinen von Personalabteilungen scheint es zu
sein, banale Selbstverständlichkeiten möglichst kompliziert
auszudrücken. So sucht die Bundeswehr im Internet nach einem
«Mehrachsschlepperfahrer» für «manuelle Geländebetreuungsarbeiten
».
Die Recherche ergibt, dass es sich um einen Brummi-Fahrer mit
Rasenmäh-Kompetenzen handeln dürfte. «Solche Formulierungen sind
durchaus Absicht», erklärt Werner. «Das hat den Hintergrund, dass man

Bewerber anzieht, die das Wording kennen, und andere abschreckt.»

Auf die Idee, den Personaler zu duzen, kommt kaum ein Bewerber - zu
Recht, möchte man meinen. Doch viele Unternehmen kommunizieren, als
seien Arbeitsuchende die besten Kumpel aus der Schulzeit. «Du hast
Ketchup im Blut», verlangt eine Fastfood-Kette von Bewerbern für
einen Job zwischen Fritten und Burgern. Und auch ein Modehändler geht
in einer Stellenanzeige neue Wege im Bereich der Hämatologie.
«Sauberkeit und Ordnung liegen dir im Blut», heißt es in einer
Annonce für einen Abteilungsleiter im Einzelhandel.

«Das «Du» ist etwas lockerer und vielleicht auch etwas ansprechender

und proaktiver», sagt Norma Schöwe, Geschäftsführerin der Deutschen

Gesellschaft für Personalführung. Man wolle damit neuen Umgangsformen
gerecht werden. «Denn letztlich geht es Arbeitgebern heute mehr als
früher darum, auch für sich selbst zu werben.»

Ein nicht enden wollender Trend ist derweil die Nutzung von
Anglizismen. Ein Telekommunikationsunternehmen sucht für ein
Callcenter erfahrene Verkäufer. Die Aufgabe laut Stellenanzeige:
«Cross- und/oder Up-Selling im Rahmen von standardisierten
Outbound-Kampagnen inklusive Retention Calls.» Alles klar? Wohl kaum.
Auf Deutsch: Das Unternehmen sucht Mitarbeiter, die Kunden anrufen
und ihnen zusätzliche und/oder teurere Produkte verkaufen. «Dadurch
will man als Unternehmen modern wirken», meint Werner. «Es gibt die
Tendenz, alles kompliziert auszudrücken, weil es dann wertvoller
klingt.»

Wenn sie die Stelle eines Spezialisten für «Brandmanagement»
ausschreibt, denkt eine Supermarktkette nicht etwa an einen
Feuerwehrmann. Sie meint einen Verantwortlichen für die Eigenmarken
des Unternehmens. Und ein Pflegekonzern benötigt einen
Pflegedienstleiter, der «Audits» begleitet, sich mit dem «Total
Quality Management» austauscht und «attraktive Mitarbeiter Benefits»

wahrnimmt. Sprich: Er soll sich an Qualitätsprüfungen beteiligen und
darf sich auf freundliche Gesten des Unternehmens freuen.

Apropos Benefits: Viele Firmen setzen darauf, neue Mitarbeiter mit
mehr oder minder sinnvollen Angeboten rund um den Job anzulocken. «Es
ist mittlerweile so, dass Unternehmen heute sehr viel mehr bieten
müssen als einen sicheren Job», sagt Hain. Eine Werbeagentur aus
Düsseldorf kündigt in ihrer Stellenanzeige zum Beispiel an, «feinste

Kaffeespezialitäten», «knackiges Gemüse» und «professionelle
Massageeinheiten» anzubieten. Na dann: Schmackhafte Bewerbung
schreiben und los geht's!