Schwierige Diagnose-Fragen im Drei-Minuten-Takt Von Sascha Meyer, dpa

11.04.2019 16:32

Im Parlament geht es nicht alle Tage um grundlegende ethische Fragen.
Nach neuen Organspende-Regeln beleuchten die Abgeordneten Chancen und
Risiken von Gentests an Ungeborenen. Leicht machen sie es sich nicht.

Berlin (dpa) - Die Debatte läuft schon eine gute Stunde, als Matthias
Bartke nach vorne ans Rednerpult geht. Der SPD-Abgeordnete erzählt im
Plenarsaal, wie er neulich in einer Autobahnraststätte ein fröhlich
spielendes Kind mit Down-Syndrom sah, wohl drei Jahre alt. «Es trug
ein T-Shirt, auf dem stand: «Wie schön, dass es mich gibt.»» Der Sa
tz
habe ihn direkt ins Herz getroffen und beschreibe genau das Problem:
«Wollen wir wirklich die Umstände erleichtern, dass es künftig solche

Kinder nicht mehr gibt?» Mehr als 30 Redner melden sich am Donnerstag
im Bundestag zu Wort. Es geht um die sensible Frage, wie weit man mit
Gentests bei Ungeborenen gehen soll - und was die Krankenkasse zahlt.

Sozialdemokrat Bartke bezieht mit mehreren anderen eine der beiden
gegensätzlichen Positionen, die in der zweistündigen Debatte über die

Fraktionen hinweg deutlich werden. Dabei geht es zunächst darum, ob
seit 2012 erhältliche Bluttests etwa auf ein Down-Syndrom künftig für

Versicherte kostenlos werden. Sie gelten als risikolos im Vergleich
zu den seit mehr als 30 Jahren üblichen Fruchtwasseruntersuchungen,
die Kassenleistung sind. Das zuständige Gremium des Gesundheitswesens
will im Sommer entscheiden, ob das so auch für Bluttests kommen soll.
Aber ausdrücklich begrenzt auf Schwangerschaften mit erhöhtem Risiko
für Komplikationen, etwa wegen chronischer Erkrankungen der Mutter.

Solche Tests sollten Eltern in die Lage versetzen, sich früh mit
einer Abtreibung zu befassen, argumentiert Bartke. Es dürfe aber
«niemals Aufgabe des Staates sein, aktiv dazu beizutragen, dass Leben
verhindert wird». Auch Corinna Rüffer warnt, der Test diene in aller
Regel der «Selektion» - und jedenfalls nicht der Heilung, zumal das
Down-Syndrom keine Krankheit sei. Die Grünen-Abgeordnete gehört zu
den Initiatoren der Debatte, die endlich die Sicht der Betroffenen
stärker einbeziehen solle. Auf der Besuchertribüne sitzen denn auch
junge Leute mit und ohne Down-Syndrom, um direkt zuzuhören. Dabei
müssen sich alle Abgeordneten kurz fassen, denn Bundestagspräsident
Wolfgang Schäuble setzt teils rigoros je drei Minuten Redezeit durch.

Die meisten Abgeordneten beziehen dabei eine andere Position. Gleich
nach SPD-Mann Bartke ist Katrin Helling-Plahr dran, die ihr zweites
Kind erwartet. Die 33-Jährige von der FDP berichtet sachlich, aber
eindringlich, wie es ihr selbst ergangen ist. Für 269 Euro habe sie
mit einem Bluttest untersuchen lassen, ob bei ihrem ungeborenen Kind
Trisomie vorliegen werde. Denn sie habe eine Schilddrüsenerkrankung.
Die Abgeordnete erzählt, wie ihr mit 13 ein Arzt gesagt habe, dass
sie wahrscheinlich keine Kinder bekommen könne. Wie es in der ersten
Schwangerschaft mehrfach Probleme gab und ein Arzt eine Fehlgeburt
voraussagte. «Ich hatte das Glück, einen vollkommen gesunden Jungen
zur Welt zu bringen.» Aber zuvor habe sie immer wieder Ängste gehabt.

Gemacht habe sie den Test nicht, um abzutreiben, sagt Helling-Plahr.
«Sondern weil Untersuchungsergebnisse den werdenden Eltern Sicherheit
bieten.» Weil sie Sorgen nehmen könnten oder es ermöglichten, sich
auf Kommendes einzustellen. Bei Fruchtwasseruntersuchungen könne es
aber Fehlgeburten geben. Daher sei es «unethisch, Risikoschwangere,
die nicht über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, vor die
Wahl zu stellen» - entweder mit Unsicherheit leben zu müssen oder ein
Risiko einzugehen, obwohl die Information risikolos zu erlangen sei.

Auch mehrere andere Parlamentarier argumentieren, Bluttests dürften
nicht vom Geldbeutel der Familie abhängen. Das sei «eine Frage der
Gerechtigkeit», sagt Sabine Dittmar (SPD). Axel Gehrke (AfD) betont,
es gehe nicht um Genmanipulation, auch Diskussionen um Designerbabys
seien an den Haaren herbeigezogen. Zu Massenuntersuchungen für alle
dürfe es aber auch nicht kommen, mahnt Christine Aschenberg-Dugnus
von der FDP. Dabei sehen viele schon voraus, dass Gendiagnosen bald
noch weitere Eigenschaften werdender Kinder herausfinden können. «Wir
optimieren alles», argumentiert CDU-Mann Michael Brand. Aber wer
definiere das Optimum, und wo würden dem Grenzen gesetzt?

Es gebe auch ein «Recht auf Nichtwissen» und darauf, guter Hoffnung
zu sein, meint Kirsten Kappert-Gonther (Grüne). Familien mit Kindern
mit Down-Syndrom seien genauso glücklich und unglücklich wie andere.
Anzugehen sei aber eine spürbare «Behindertenfeindlichkeit» in der
Gesellschaft. Cornelia Möhring (Linke) betont, Behinderungen seien
auch angesichts vieler Kämpfe im Alltag ein «Armutsrisiko», das
abzustellen sei. Eine «Willkommenskultur» für alle Kinder fordern
nahezu wortgleich Dagmar Schmidt (SPD) und Volker Münz (AfD).

Ob auf die Grundsatzdiskussion noch konkrete Anträge im Bundestag
folgen, muss sich zeigen. Nicht ans Rednerpult geht Jens Spahn (CDU).
Die breite Debatte helfe, gesellschaftliches Bewusstsein zu schaffen,
schreibt der Gesundheitsminister dann im Internet. Entscheidend sei,
was aus Test-Ergebnissen folge. «Und wie wir als Gesellschaft die
Eltern bestmöglich bei der Entscheidung für das Leben unterstützen.
»