«Zeit für Veränderung»: IOC lädt Athletenvertreter aus aller Welt ein Von Andreas Schirmer, dpa

11.04.2019 14:24

Das Internationale Olympische Komitee hat zum bisher größten Treffen
von Athletenvertretern aus der ganzen Welt von Samstag bis Montag
nach Lausanne eingeladen. Der Dialog ist mehr als notwendig: Denn die
Sportler haben weitreichende Forderungen.

Frankfurt/Main (dpa) - Mehr Mitbestimmung, mehr Unabhängigkeit, mehr
Geld: Weltweit begehren Sportler auf, fordern mehr Beteiligung und
Rechte von den internationalen Verbänden und Organisationen. «Es ist
die Zeit für Veränderung. Der Nährboden ist dafür da. Wir müssen
die
Chance nutzen», sagte Max Hartung, Vorsitzender der
Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes und
Initiator des Vereins Athleten Deutschland, vor dem größten
Athletenvertreter-Treffen des Internationalen Olympischen Komitees
von Samstag bis Montag in Lausanne. Erwartet werden Athletenvertreter
von allen 206 Nationalen Olympischen Komitees.

Das IOC reagiert damit auch auf den heftigen Gegenwind der Sportler,
die ebenso vom Ringe-Orden verlangen, als Hauptdarsteller und nicht
als Marionetten der Spiele im Sommer und Winter angesehen zu werden.
«Man muss es dem IOC lassen, dass es zum Dialog bereit ist und nichts
unter den Teppich kehren will», meinte Säbel-Europameister Hartung,
schränkt aber ein: «Selbst wenn ein offener Austausch gewünscht ist,

wird es schwer, das mit 200 Leuten hinzubekommen.»

Auf offener Bühne dürfte wohl kaum über die gezielt von Athleten
Deutschland erneut erhobene Forderung nach einer direkten Beteiligung
der Olympia-Sportler an den Einnahmen des IOC debattiert werden. In
einer Mitteilung hatten sie einen «fairen Anteil» reklamiert, den
Hartung im Interview mit der «Welt» (Donnerstag) mit «ein Viertel»

der durch Olympische Spiele eingenommenen Gelder präzisierte.
Außerdem hat der deutsche Verein in einem Positionspapier «Athleten
als Herz der olympischen Bewegung» weitere Ansprüche und Vorschläge
formuliert und ein neues Selbstbewusstsein demonstriert.

Dass die deutschen Athletenvertreter eine gewisse Vorreiterrolle
spielen, wird auch vom IOC gewürdigt. Bei dem Forum in Lausanne hat
IOC-Präsident Thomas Bach zwei von ihnen, Britta Heidemann und
Jonathan Koch, zu einer Audienz im kleinen Kreis eingeladen. «Er
hätte uns dazu nicht eingeladen, wenn unser Diskussionspapier nicht
ernstgenommen würde», sagte der Ruderer und Olympia-Teilnehmer Koch.
«Es zeigt, dass wir absolut relevante Themen ansprechen.»

Der Athleten Deutschland e.V. ist eine von inzwischen zahlreichen
relevanten Vertretungen sowie Organisationen wie «FairSport», die
Whistleblower schützt. «FairSport» mit der deutschen Ex-Fechtern
Claudia Bokel als Geschäftsführerin gründete zudem in diesem Jahr
«Global Athlete». Die Vereinigung will helfen, «aussagekräftige und

repräsentative Athletenstimmen für alle Entscheidungen im Sport» zu
fördern.

Der Mut der Sportler, sich zu wehren, ist seit dem russischen
Doping-Skandal und den umstrittenen Entscheidungen der
Welt-Anti-Doping-Agentur gewachsen. So protestierten die Schwimmer
mit Erfolg gegen den Weltverband FINA, nicht bei unabhängigen,
lukrativen Meetings starten zu dürfen. Und aktuell begehren
Spitzenhandballer in den sozialen Medien unter Hashtag
#DontPlayThePlayers («Spielt nicht mit den Spielern») gegen die
immensen Belastung durch immer mehr Spiele auf.

Es ist eine Art revolutionärer Prozess im Gange - wesentlich von
Hartung und Co. in Deutschland mitinitiiert -, der auch an den
Grundfesten des IOC rüttelt. «Das kann man so sagen. Ich habe das
Gefühl, die letzten Jahren haben die Athleten viel bewegt, dass sich
jetzt etwas ändern muss», sagte Hartung.