Waldbaden: Wenn Bäume zum Wellness-Mekka werden Von Lisa Forster, dpa

11.04.2019 07:00

Erst kam das Yoga, dann folgten Achtsamkeits-Apps - nun soll uns das
Waldbaden helfen, wieder zu uns selbst zu finden. Über die Entdeckung
des Waldes als Therapie-Ort.

Weberstedt/München (dpa) - Als Erstes tönt ein Rauschen aus den
Baumwipfeln. Trockene Blätter, die im Wind knistern. Vögel, die
tschilpen, trillern, glucksen: Wer im Wald einmal zehn Minuten still
ist, hört ein lebendiges musikalisches Wirrwarr. Gerade hat der
Waldführer Jürgen Dawo seine Kursteilnehmer im Thüringer Nationalpark

Hainich aufgefordert, sich einen Baum auszusuchen und sich zehn
Minuten dort anzulehnen. Die Teilnehmer sollen der Stille lauschen -
einer Stille, die gar keine ist.

Danach können sie sich beim Baum für die Stütze bedanken, seinen
Stamm streicheln oder klopfen, wie Dawo sagt. Was er und seine
Begleiter da machen, nennt sich Waldbaden: ein langsamer Spaziergang
durch den Wald mit diversen Achtsamkeitsübungen. Dawo möchte, dass
die Gruppe mit allen Sinnen wahrnimmt, was sie zwischen den Bäumen
erlebt. Denn der Wald, den Dawo auch gerne «Dr. Wald» nennt, hat für

ihn eine Heilkraft - und mit dieser Sicht ist er nicht alleine.

Es gibt momentan einen Hype um das Thema Waldtherapie, wie die
medizinische Klimatologin Angela Schuh sagt. In Zeiten, in denen sich
einer repräsentativen Studie zufolge jeder zweite in Deutschland von
Burnout bedroht fühlt und die Zahl der Krankentage wegen psychischer
Probleme steigt, ist die Beliebtheit solcher Angebote nicht
verwunderlich.

Professorin Schuh forscht mit einer Mitarbeiterin am Lehrstuhl für
Public Health der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) zum
Thema Waldtherapie. Die Universität bietet neuerdings in einem
Ärztezentrum Weiterbildungen zum «Waldgesundheitstrainer» an. Eine
Ausbildung zum Waldtherapeuten für Menschen mit medizinischer
Berufsausbildung soll folgen.

In Japan ist Waldbaden, das «Shinrin-Yoku», schon lange eine gängige

Therapieform. In Deutschland entwickelt sich gerade eine kleine
Industrie um die Methode. Was Dawo im Nordwesten Thüringens anbietet,
gibt es inzwischen auch am Taunus, auf Usedom oder im Schwarzwald. In
Hessen gibt es sogar eine «Deutsche Akademie für Waldbaden». In
Bayern will der Bayerische Heilbäder-Verband (BHV) Kur- und
Heilwälder einrichten. Einen solchen gibt es schon auf der
Ostsee-Insel Usedom im Seebad Heringsdorf. In Thüringen am Rande des
Hainich können Menschen in einem Waldresort nicht nur Waldbaden,
sondern sich in der Sauna, bei der Meditation oder dem Kräutersammeln
entspannen.

Feuchte Luft, milde Temperaturen, unendliche Grün-Schattierungen:
Dass sich der Wald positiv auf die Sinne auswirkt, ist
wissenschaftlich erwiesen. «Verlässlichen Studien zufolge kann man
davon ausgehen, dass das Waldbaden Stress reduziert und die Erholung
fördert», sagt Schuh. Einer Studie der US-amerikanischen Universität

Michigan zufolge reichen schon 20 bis 30 Minuten in einer Umgebung,
die einem ein Gefühl von Natur vermittelt, um den Cortisolspiegel im
Körper zu senken. Gesicherte medizinische Erkenntnisse, die darüber
hinausgehen, fehlen aber bisher weitgehend. Schuh will sie sammeln.

In Thüringen sollen die Waldbader in Deutschlands größtem
zusammenhängenden Laubwaldgebiet schauen, was rechts und links um sie
herum so passiert. «Tut so, als wärt ihr noch nie im Wald gewesen»,
rät Waldführer Dawo. In den kommenden zwei Stunden werden die
Kursteilnehmer nicht nur Baumstämme streicheln, sondern auch
Verwurzelungsübungen machen, Bärlauch und Scharbockskraut essen und
im Gehen meditieren.

Fühlen sie sich danach schon entspannter? Ganz so leicht gehe es
nicht, sagt ein Teilnehmer, der als Geschäftsführer eines
Modeunternehmens arbeitet. Das Runterkommen sei eine Arbeit an vielen
Baustellen, die Auszeit im Wald aber ein Anfang.

Warum aber braucht man jemanden, der einen an die Hand nimmt - und
geht nicht einfach alleine im Wald spazieren? «Man kann durchaus die
positiven Effekte des Waldklimas bei einem Spaziergang allein auf
sich wirken lassen», sagt Schuh. «Wald-Gesundheitstrainer oder
Waldtherapeuten erklären aber alles und leiten vor allem die Menschen
zu den entsprechenden Übungen, die während des Waldbadens vorgenommen
werden - wie Tai Chi oder Achtsamkeitsübungen - an.» Oder, wie Dawo
es formuliert: «Wir haben verlernt, mit unseren Sinnen wahrzunehmen,
was um uns herum in der Natur passiert.»