Vorsitzender des Ethikrats hält vorgeburtliche Gentests für legitim

11.04.2019 03:10

Nürnberg (dpa) - Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, der
Erlanger Theologie-Professor Peter Dabrock, sieht keine ausreichenden
Gründe gegen die Kassenzulassung vorgeburtlicher Bluttests bei
Risikoschwangerschaften. «Wenn wir die Fruchtwasseruntersuchung bei
Risikoschwangerschaften erstatten, die nicht-invasiven Bluttests aber
nicht - das geht nicht», sagte Dabrock der Deutschen Presse-Agentur.
Es sei legitim, dass sich Paare die Frage stellten: Ist das Kind
gesund? «Das ist eine uralte Frage, die darf man nicht moralisch
diskreditieren, sondern man muss den Wunsch verstehen, und trotzdem
Möglichkeiten der Gestaltung des Lebens mit einem Kind bereitstellen,
das nicht den Erwartungen entspricht.»

Er bedauere sehr, dass die Schwangerschaftsabbruchquote bei
Down-Syndrom-Testergebnissen sehr hoch liegt. Manche Untersuchungen
sprächen von 60 bis 70, andere gar von 90 Prozent. «Ich bin aber auch
nicht derjenige, der den moralischen Stab bricht über Familien, die
sagen, wir glauben, das nicht tragen zu können.» Alle Menschen, die
vor so einer Entscheidung stünden, setzten sich zutiefst ernsthaft
mit den Optionen auseinander. «Niemand sagt leichtfertig, ich mache
den Schwangerschaftsabbruch - wie ich zum Zahnarzt gehe. Das ist
unfair und verletzend gegenüber den Paaren, die in einer solchen
Situation sind.» Das heiße aber umgekehrt nicht, dass die
Gesellschaft nichts mehr dafür tun müsse, um für das Leben mit
Down-Syndrom oder für Kinder mit anderen Abweichungen oder
Erkrankungen zu werben, betonte Dabrock.

Dabrock begrüßte die für Donnerstag angesetzte Grundsatzdebatte im
Bundestag über derartige Gentests, um etwa ein Down-Syndrom
festzustellen. «Wir müssen ganz grundsätzlich darüber nachdenken: I
n
welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie gehen wir mit Menschen mit
Behinderungen um, mit Menschen, die nicht den Normalerwartungen
entsprechen? Und wie ermöglichen wir Vielfalt im Zusammenhang mit
Verletzlichkeit, Gebrechlichkeit, nicht erfüllten Erwartungen in
unserer Gesellschaft», erklärte der Theologe.