Kommission: Behörden wissen noch zu wenig über Kindesmissbrauch

03.04.2019 16:33

Zu wenig Anerkennung, zu wenig Unterstützung, zu wenig Entschädigung
- Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch werden in Deutschland
häufig allein gelassen. So sieht es eine von der Politik beauftragte
Kommission, die Geschichten von mehr als 1000 Opfern gesammelt hat.

Berlin (dpa) - Experten werfen Justiz und Behörden in Deutschland
vor, Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs noch zu wenig zu
unterstützen. Deren Wissensstand sei nach den Erfahrungen
vieler Betroffener «noch immer sehr, sehr begrenzt», sagte Peer
Briken von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen
Kindesmissbrauchs. Die von der Bundesregierung 2016 einberufene
Kommission stellte am Mittwoch in Berlin ihren ersten Bericht zu
sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland vor.

«Wir sind im Bereich des Kinderschutzes in Deutschland in der Krise»,
sagte der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Beauftragte
für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig.
«Die Politik muss erkennen, dass sie sich in dem Bereich neu
aufstellen muss.»

Bei der Kommission haben sich seit Beginn ihrer Arbeit vor knapp drei
Jahren rund 1700 Betroffene gemeldet. 900 Menschen befragte sie
mündlich in vertraulichen Anhörungen. Zusätzlich gaben etwa
300 Betroffene ihre Berichte schriftlich ab. In 83 Prozent der
dokumentierten Fälle waren die Betroffenen weiblich. Rund ein Drittel
ist heute zwischen 51 und 60 Jahre alt.

Es handele sich zwar nicht um eine repräsentative Studie, sagte die
Vorsitzende der Aufarbeitungskommission, Sabine Andresen. Es werde
aber sehr eindrücklich aufgezeigt, wie Kinder sexuellen Missbrauch
erleben, was die Folgen seien und warum den Betroffenen nicht immer
ausreichend geholfen werde. Nur in fünf Prozent der Fälle hatten die
Täter oder Täterinnen überhaupt nichts mit den Betroffenen zu tun.

Dabei war es besonders häufig das familiäre Umfeld, in dem die
Betroffenen Missbrauch erfahren haben. «Über 50 Prozent derjenigen,
die sich gemeldet haben, haben sexuelle Gewalt in der Familie
erlebt», sagte Andresen. Das aufzuarbeiten ist laut dem Bericht nicht
einfach. Denn für viele sei eine radikale Trennung von der Familie
kaum möglich.

Oft sei es denn auch nicht nur eine Form von Gewalt, die die
Betroffenen erlebt hätten, erklärte Briken. «Wir haben es nicht nur
mit sexualisierter Gewalt zu tun, sondern sehr häufig auch mit
Misshandlungen, mit Vernachlässigungen, die gemeinsam auftreten und
oft auch in ganz unterschiedlichen Kontexten.» Dazu zählen laut
Briken unter anderem auch Schulen, Kirchen, Heime,
Freizeiteinrichtungen oder Kliniken.

Die heute Erwachsenen wurden laut der Kommission in Deutschland oft
noch mit ihren Problemen allein gelassen. So fehle es vor allem an
Anerkennung und Unterstützung bei der Aufarbeitung. Die Experten
fordern in dem Zusammenhang unter anderem mehr dauerhaft finanzierte
Fachberatungsstellen und ein größeres Angebot an von Krankenkassen
bezahlten Therapiemöglichkeiten. Auch müssten die Leistungen aus dem
Opferentschädigungsgesetz leichter zugänglich gemacht werden. Ein
Problem, das den Betroffenen immer wieder Schwierigkeiten bereite.

Nach der jüngst veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik
wurden im vergangenen Jahr 13 683 Kinder als Opfer von sexuellem
Missbrauch verzeichnet. Die Dunkelziffer ist nach Aussage von
Experten aber viel größer.