Kontrollverlust und Milliardengewinne - das Geschäft Glücksspiel Von Linda Vogt und Sebastian Gollnow , dpa

13.03.2019 15:29

Glücksspiel ist ein Milliardengeschäft - die Umsätze werden zu einem

nicht geringen Teil unkontrolliert im Schwarzmarkt gemacht. Das
Risiko von Sucht und Verschuldung tragen Spieler wie Volker Brümmer.

Stuttgart (dpa/lsw) - Nach 23 Jahren als Spieler stand Volker Brümmer
an den Gleisen, die Abschiedsbriefe waren geschrieben. «Ich habe
nicht nur Geld verspielt, sondern alle sozialen Kontakte - am Ende
fast mein Leben.» Am Tiefpunkt seiner Spielerbiografie, mit 300 000
Euro Schulden, besann sich der Fliesenleger doch anders. Heute ist
der 50-Jährige trocken, wie er es nennt. Und redet offen über seine
Vergangenheit.

Brümmer war ein Kind, als er das erste Mal spielt. An einer
Raststätte wirft er das Taschengeld von Oma in einen Automaten. Die
zwei Mark kamen nicht mehr heraus. «Das war das erste Mal, dass ich
meine Eltern wegen des Spielens angelogen habe.» Jahre später wird er
Bankmitarbeitern erfundene Geschichten erzählen - und auch das
Sparbuch seiner Tochter leer räumen.

Wegen des Spielens zu lügen, ist laut Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung ein Kennzeichen für Glücksspielsüchtige
-
das Spiel mit immer höheren Einsätzen und kriminelle Geldbeschaffung
ein weiteres. In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge 200 000
pathologische, also krankhafte Glücksspieler, sagt Tilman Becker,
Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim.
Dazu kommen rund 300 000 problematische Spieler.

Der Großteil zockt an Automaten. Bei knapp 77 Prozent der Spieler,
die sich an ambulante Beratungs- oder Behandlungsstellen begeben, ist
das die Hauptglücksspielform. Das geht aus der Suchthilfestatistik
2017 des Instituts für Therapieforschung hervor.

«Einmal im Monat, damit fing es an», erzählt Brümmer. «Zum Schlus
s
habe ich in Spielhallen an 20 Automaten gleichzeitig gespielt. Der
Kontrollverlust ist grenzenlos.» Die letzten drei Jahre der Sucht
spielt Brümmer von Zuhause, im Internet. «365 Tage im Jahr 24 Stunden
geöffnet - das Paradies für jeden Spieler.»

Online-Casinos und Online-Poker gehören zum nicht-regulierten
Glücksspielmarkt - sind nach deutschem Recht illegal. Von den rund
14,2 Milliarden Euro Umsatz der Glücksspielanbieter 2017 wurden 22
Prozent im nicht-regulierten Bereich gemacht, in den auch Sportwetten
im Internet fallen. Die Zahlen stammen aus dem Jahresreport der
Glücksspiel-Aufsichtsbehörden der Länder. Während der regulierte
Markt im Vergleich zum Vorjahr nur um 1 Prozent wuchs (157 Mio Euro),
legte der Schwarzmarkt um 24 Prozent zu (626 Mio Euro).

Derzeit debattieren die Bundesländer über eine Reform des
Glücksspiel-Staatsvertrags. Vorgesehen ist eine Öffnung des
Sportwettenmarktes. Das Online-Glücksspiel soll nach jetzigem Stand
aber weiter verboten bleiben.

Glücksspielforscher Becker fordert stärkere Kontrolle und Regulierung
durch eine länderübergreifende Behörde. Vor allem der Spielerschutz
müsse weiter vorangetrieben werden: «Experten sind sich einig, dass
eine Sperrdatei eine ganz wichtige Präventionsmaßnahme bei
Glücksspielsucht ist.»

Nur in Hessen gibt es ein Sperrsystem für alle Spielhallen. Die
Sperre können die Spieler selbst, Angehörige oder auch die Betreiber
beantragen. Im Landesglücksspielgesetz aus dem Jahr 2012 ist eine
landesweite Sperrdatei ebenfalls vorgesehen - bislang können sich
Spieler aber nur für einzelne Spielhallen sperren lassen.

Georg Stecker, Vorstandssprecher der Deutschen Automatenwirtschaft
(DAW), spricht sich für ein bundesweites biometrisches Zugangssystem
aus. «Wir wollen mit Süchtigen kein Geld verdienen.» Der Verband
verweist auf geschultes Personal in den Spielhallen - nur im legalen
Rahmen könnten Spieler geschützt spielen. Bundesweit sind nach
Angaben des Verbands rund 278 000 bargeldbetätigte Spielgeräte
aufgestellt - 82 000 davon stehen nicht in Spielhallen, sondern in
gastronomischen Betrieben.

Wie viel Umsatz auf Spielsüchtige zurückgeht, dazu gibt es laut
Glücksspielforscher Becker keine Erhebung. Brümmer verzockte manchmal
Tausende Euro in einer Nacht. 18 Monate Therapie benötigte er. Elf
Jahre hat er bislang ohne Rückfall bewältigt. Das ist nicht
selbstverständlich, weiß er von vielen Erzählungen. Der 50-Jährige

leitet mittlerweile eine Selbsthilfegruppe für Spieler.