Studie: Deutlich mehr Todesopfer durch schmutzige Luft

12.03.2019 14:14

Wie viele vorzeitige Todesfälle gehen auf Luftverschmutzung zurück?
Mainzer Forscher legen dazu eine neue Analyse vor. Und die geht von
viel gravierenderen Folgen aus als bisher angenommen. Demnach kosten
Luftschadstoffe Europäer im Mittel rund zwei Jahre Lebenszeit.

Mainz (dpa) - Schmutzige Luft dürfte einer Studie Mainzer
Wissenschaftler zufolge deutlich mehr vorzeitige Todesfälle
verursachen als bislang angenommen - auch in Deutschland. Nach neuen
Rechnungen kommt ein Team um den Atmosphärenforscher Jos Lelieveld
und den Kardiologen Thomas Münzel auf weltweit rund 8,8 Millionen
Sterbefälle pro Jahr, wie die Wissenschaftler am Dienstag in Mainz
berichteten.

Der im «European Heart Journal» veröffentlichten Analyse zufolge
sterben weltweit etwa 120 Menschen je 100 000 Einwohner pro Jahr
vorzeitig an den Folgen verschmutzter Luft, in Europa etwa 133. In
Deutschland sind es den vorgestellten Daten zufolge sogar 154 je 100
000 Einwohner jährlich - mehr als etwa in Polen, Italien oder
Frankreich. Das sei vor allem auf die dichte Besiedelung Deutschlands
zurückzuführen, sagte Lelieveld.

Den Mainzer Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Chemie und
der Unimedizin zufolge kommen in Europa jährlich knapp 800 000
Menschen wegen der Folgen von Luftverschmutzung vorzeitig ums Leben.
Sie rechnen vor, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von
Europäern dadurch um rund zwei Jahre verringert wird. Ihre Botschaft
ist eindeutig: Die Feinstaub-Grenzwerte müssen gesenkt werden.

Umweltschützer fordern schon lange schärfere EU-Grenzwerte für
Feinstaub mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern (PM
2,5). Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 10 Mikrogramm pro
Kubikmeter Luft im Jahresmittel, in der EU gelten 25.

Die Mainzer Wissenschaftler haben für ihre Studie frühere eigene
Berechnungen sowie die der weltweiten Gesundheitsstudie «Global
Burden of Disease» neu analysiert. Es habe eine umfangreichere
Datengrundlage aus 16 Ländern gegeben, darunter China, hieß es. «Es
ist wirklich eine sehr viel bessere Datenbasis, die wir jetzt
vorliegen haben», sagte Lelieveld.

Die Forscher ermittelten die regionale Belastung mit Schadstoffen wie
Feinstaub und Ozon mit Hilfe eines Atmosphärenchemiemodells. Diese
Werte verknüpften sie mit krankheitsspezifischen Gefährdungsraten
sowie der Bevölkerungsdichte und den Todesursachen in einzelnen
Ländern. Sie geben aber selbst zu bedenken, dass ihre Hochrechnung
mit statistischen Unsicherheiten verbunden ist, der tatsächliche
Effekt der Luftverschmutzung könne daher sowohl unter als auch über
den errechneten Werten liegen.

Die Todesfälle durch schmutzige Luft gehen demnach vor allem auf
Herzkreislauf- und Atemwegserkrankungen zurück. Langzeitfolgen
schlechter Luft seien erhöhter Blutdruck, chronische Bronchitis,
Herzinfarkt, Hirnschlag oder Lungenkrebs. Kleine Feinstaubteilchen
könnten sehr tief eingeatmet werden, erklärte Lelieveld. Kardiologe
Münzel zufolge kann Feinstaub im Körper in der Lunge Entzündungen
hervorrufen sowie in die Blutbahn gelangen und Gefäße schädigen.

Die nun deutlich höhere Zahl vermuteter vorzeitiger Todesfälle führen

die Experten unter anderem darauf zurück, dass weitere Krankheiten
mit einbezogen wurden, die zwar nicht von Feinstaub verursacht, aber
von ihm beeinflusst würden - wie etwa Diabetes oder
Hypercholesterinämie, ein zu hoher Cholesterinspiegel.

Luftverschmutzung sei das Umweltgesundheitsrisiko Nummer eins, sagte
Lelieveld. Und sie gehöre zu den bedeutendsten Gesundheitsrisiken
neben Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rauchen. Beim Rauchen
einschließlich des Passivrauchens schätze die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Zahl der Todesfälle jährlich
auf global 7,2 Millionen. Ein Mensch könne sich entscheiden, nicht zu
rauchen - der Luftverschmutzung könne er nicht ausweichen.

Der Lungenmediziner Dieter Köhler kritisierte die Darstellung der
Forscher, dass Luftverschmutzung mehr vorzeitige Todesfälle
verursache als das Rauchen. «Das verschiebt die reale Risikosituation
völlig und ist wirklich gemeingefährlich, denn das würde alle
Raucherschutzprogramme konterkarieren», erklärte er. Aus
epidemiologischen Studien, die zwischen Luftverschmutzung und der
kardiovaskulären Mortalität eine schwache Assoziation gezeigt hätten,

würden Kausalitäten erzeugt. Solche Kohortenstudien zeigten aber
immer nur einen Verdacht an - und klärende Tierversuche im Bereich
der aktuellen Grenzwerte gebe es bisher nicht.

Berechnungen wie die nun vorgestellte wurden vor allem in der Debatte
um Stickoxide und Fahrverbote in Städten zuletzt immer wieder
kritisiert. Letztlich handele es sich bei solchen epidemiologischen
Studien um eine statistische Abschätzung, hatte das Umweltbundesamt
klargestellt. Es handele sich nicht um klinisch identifizierbare
Todesfälle, die auf einen bestimmten Luftschadstoff zurückgeführt
werden können. Als exakter als die Zahl der vorzeitigen Todesfälle
gilt die Zahl der verlorenen Lebensjahre durch einen Risikofaktor.

Feinstaub entsteht vor allem durch den Verkehr, die Landwirtschaft,
durch Kraftwerke, Fabriken und Heizungen. Bei Feinstaub aus dem
Verkehr spielen neben dem Verbrennungsprozess in Motoren auch der
Reifenabrieb und aufgewirbelter Staub eine Rolle. Lelieveld zufolge
trägt in Deutschland die Landwirtschaft zu bis zu 45 Prozent zum
Ausstoß von PM 2,5-Partikeln bei. Hier werde Ammoniak freigesetzt,
das in der Atmosphäre mit anderen Gasen wieder Feinstaub bilde.

Max-Planck-Forscher Lelieveld hält von Fahrverboten nicht viel.
«Fahrverbote bringen nichts», sagte er. Sie verlagerten Verkehr nur
und könnten unter bestimmten Umständen sogar mehr Menschen belasten.