Zocken im Pflegeheim - Haben Videospiele therapeutischen Effekt? Von Christina Sticht, dpa

07.03.2019 14:15

In der virtuellen Welt gelingen ihnen Dinge, die in der Realität
nicht mehr klappen: Kegeln, Tanzen, Motorradfahren. Videospiele
können positive Effekte auf die Gesundheit von Senioren haben. Ein
bundesweites Projekt soll das jetzt wissenschaftlich belegen.

Hannover (dpa) - Neben dem gemeinsamen Singen oder Kochen steht in
vielen Pflegeheimen künftig Zocken an der Konsole auf dem Wochenplan.
Speziell für ältere Menschen entwickelte Videospiele sollen
Gedächtnis, Lebensfreude und Beweglichkeit fördern. Am Donnerstag
wurde die Spielekonsole «MemoreBox» eines Hamburger
Start-up-Unternehmens in Hannover vorgestellt. Sie wird nach einer
Testphase in Hamburg und Berlin jetzt bundesweit in 100
Senioreneinrichtungen eingeführt. Die Krankenkasse Barmer finanziert
die Geräte sowie die weitere wissenschaftliche Evaluation.

Ingelore Leppin probiert an diesem Morgen gleich mehrere Games aus:
Sonntagsfahrt, Kegeln und Tischtennis. In ihrem Rollstuhl sitzt die
65-Jährige vor der Leinwand, auf der zu sehen ist, wie ein Motorrad
über die Autobahn rollt. Sie lehnt sich zur Seite, um die Kurven zu
kriegen und muss sich nebenbei noch das zu Beginn durchgesagte Ziel
und den Fahrtweg merken. Die Spielcharaktere werden gesteuert, indem
Kameras die Gesten und Bewegungen des Spielers erfassen.

«Es macht riesig Spaß, und man muss sich konzentrieren», sagt die
Bewohnerin des städtischen Pflegeheims Heinemannhof nach ihrer
«Ankunft» am Heidelberger Schloss. Toll sei, dass die Videospiele
auch bei körperlichen Einschränkungen funktionierten.
Berührungsängste zur Technik kennt sie nicht. Leppin hat Smartphone
und Laptop und liebt digitale Kartenspiele.

Für die gesamte Games-Branche sind Senioren eine wachsende
Zielgruppe. 9,5 Millionen Über-50-Jährige zocken inzwischen nach
Angaben des Verbandes Game. Auch sogenannte Health Games mit
therapeutischem Ansatz sind zunehmend ein Thema.

Die «MemoreBox» sei in Europa nicht das erste Projekt seiner Art,
sagte Clemens Becker von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie
(DGG) der Deutschen Presse-Agentur. In Pflegeheimen in den
Niederlanden seien Spiele der Firma SilverFit breit etabliert. «Man
kann damit nicht Physiotherapie ersetzen», betonte der Experte aus
Stuttgart. Studien hätten erwiesen, dass Senioren beim Videospielen
doppelt so lange üben. Für die Arme sei dies toll, im Stehen gebe es
allerdings eine Sturzgefahr, gab der Mediziner zu bedenken.

Drei Mal in der Woche werden in den 100 von der Barmer ausgesuchten
Heimen Senioren mit der «MemoreBox» zocken. Forscher der Berliner
Humboldt-Universität kontrollieren regelmäßig mögliche körperlich
e
und geistige Veränderungen sowie ihre Lebenszufriedenheit.

Im Angebot der Konsole sind auch Singen und Tanzen - etwa zu Helene
Fischers Hit «Atemlos». Die Spiele sind auch zu zweit und in der
Gruppe möglich. Bernhard Pischels Augen strahlen, nachdem er
Schultern und - so gut es ging - auch die Hüften geschwungen hat.
«Ich habe früher viel getanzt und spiele Mundharmonika und Gitarre»,

erzählte der 83 Jahre alte Heimbewohner aus Hannover, der sich nur
langsam mit seinem Rollator fortbewegen kann.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung für die Pflege? Viele
Einrichtungen experimentieren. In Köln etwa hat das
Caritas-Altenzentrum St. Maternus eine Virtual-Reality-Brille
angeschafft, die bei der Biografie-Arbeit mit Demenzkranken helfen
soll. So kann eine Bewohnerin beispielsweise virtuell in ihre Heimat
Bayern eintauchen. Smart Speaker, also mitdenkende Lautsprecher,
können an Arzttermine oder Medikamenteneinnahme erinnern.

Die Firma RetroBrain, die 2016 die «MemoreBox» auf den Markt gebracht

hat, sieht laut Manager Jan Brandis auch Einsatzmöglichkeiten in
geriatrischen Abteilungen von Krankenhäusern, der Psychiatrie oder
Behindertenwerkstätten. Die Games weckten den Spieltrieb, der in
jedem steckt, sagte er. Es gehe nicht ums Gewinnen. «Das Schöne ist,
man kann hier nichts falsch machen und wird gelobt.»